Vertical Farming: Gartenbau im Küchenschrank?

Wie auf immer kleineren Flächen immer mehr Nahrungsmittel für die stetig steigende Weltbevölkerung angebaut werden können, ist die wichtigste Frage dieses Jahrhunderts. Vertical Farming heißt das große Zauberwort, wenn Lösungen für die drohenden Ernährungskrise diskutiert werden. Das heißt, Pflanzen werden nicht mehr auf riesigen Feldern angebaut, sondern sie wachsen auf engstem Raum in die Höhe. Einige Pioniere probieren schon aus, ob ganze Hochhäuser als Gewächshäuser der Zukunft geeignet sind. Damit in den stetig wachsenden Millionenmetropolen in nächster Nachbarschaft seiner  Bewohner auch Nahrungsmittel angebaut werden können.Ein junges Münchner startup Unternehmen versucht das Konzept des Vertical Farming nicht im großen Stil, sondern im kleinen Maßstab umzusetzen. Ein Gewächsschrank in der Küche soll ausreichen, damit sich bald jeder seine Salate und Kräuter im Wohnbereich anbauen kann. Zum Vertical Farming im Miniaturformat, ein Bericht von Jutta Schwengsbier

Das Münchner Startup Agrilution hat sich viel vorgenommen. Auch um der weltweiten Wasserknappheit beim Nahrungsmittelanbau zu begegnen, hat der Jungunternehmer Maximilian Lössl die Konzepte des Vertical Farming auf Küchenformat gebracht. In einem Gewächsschrank, der von aussen einem Kühlschrank ähnelt, soll bald jeder seine eigenen Salate, Kräuter und auch Gemüse anbauen und frisch ernten können.

Das Gerät ist vollautomatisiert. Soweit dass man keinen grünen Daumen mehr braucht um sich seine eigenen Sachen zuhause anzubauen. Wir benutzen automatisierte Beleuchtung, automatisierte Bewässerung, wir brauchen keinerlei Pestizide und auch keine Erde im System. Dadurch dass wir den Pflanzen die optimalen klimatischen Bedingungen geben, wachsen sie bis zu drei mal so schnell, haben höhere Vitamin und Mineralien Gehälter. Wir brauchen bis zu 98 % weniger Wasser in dem System im Vergleich zur herkömmlichen Landwirtschaft, wir brauchen bis zu 60 % weniger Düngemittel.

 

Trägt der Nahrungsmittelanbau zuhause also bald zur Lösung der weltweiten Ernährungskrise bei? Wohl eher nicht, urteilt Werner Kloas. Als Experte für so genannte „Aquaponik“ Systeme hat sich der Wissenschaftler auf die  Ressourcen schonende gemeinsame Zucht von Fischen und Nutzpflanzen spezialisiert. Der Gewächsschrank braucht etwa so viel Energie wie ein computer. Das ist nach der Ansicht von Kloas zu viel und unwirtschaftlich für den Nahrungsmittelanbau.

Ich persönlich glaube, dass es eher im Bereich des Hobbies und auch desjenigen, der etwas sehr frisch ernten möchte anzusiedeln ist. Die Produktivität von so einem kleinen System ist selbstverständlich sehr hoch. Das ist aber auch auf der anderen Seite besonders arbeitsintensiv.

Also nur ein teuerer Spaß für Hobby-Gärtner mit Hang zur anspruchsvollen Küche? Bei einem angestrebten Preis von rund 1000 Euro pro Gewächsschrank ist das Hightech-Gerät sicher nicht für jedermann geeignet. Doch der Bedarf allein in Deutschland ist so riesig, dass jedes Jahr Kräuter im Wert von Millionen Euro importiert werden. Unabhängige Experten wie Michael Steinland gehen davon aus, dass der Anbau von Kräutern ein weltweites Milliardenpotential habe. Als einer der Projektleiter eines Regionalentwicklungsprogramms für die Uckermark hat Steinland daran mitgewirkt, dass der Landkreis sich entschieden hat, eine Kräuteranbauregion zu werden.

Die haben eben eine globale Potentialanalyse gemacht, zu dem Thema auch der Nutzung von Pflanzen- und Pflanzenbestandteile. Und die haben festgestellt, ein rasant wachsender Markt. Der weltweit im Moment bei 10 Milliarden US Dollar stand und eine rasante Entwicklung erfährt im Moment.

Die Uckermark habe durch seine besondere geographische Lage noch eine Vielzahl von Wildkräutern und seltenen essbaren Pflanzenarten, die sonst in Europa kaum noch zu finden sind. Was bislang noch fehlte, war ein geeignetes Vertriebskonzept für solche seltenen Kräuter. Der Gewächsschrank von Maximilian Lössl könnte hier die fehlende Schnittstelle sein. Bei einem ersten Beta-Test des Systems in München haben sich die Kunden vor allem für die exotische Kräuter und ungewöhnliche Salatsorten interessiert, sagt Lössl. Vieles, was es in normalen Geschäften nicht zu kaufen gibt, kann sich hier jeder über Saatmatten für die individuelle Gourmetküche anbauen. Geerntet wird immer frisch,-  direkt in die Salatschüssel. Und das schmecke einfach besser, sagt Lössl.

Das kommt durch den hohen Vitamin und Mineraliengehalt. In der Natur wächst alles unter ungefähr gleichen Bedingungen und konkurriert miteinander. Im System herrscht zwischen unseren Pflanzen keine Konkurrenz, sondern wir optimieren auf die jeweilige Pflanze. Das heißt, wir holen das Optimum raus an Vitamingehalt, an Mineraliengehalt. Und dadurch, dass der Gehalt eben so hoch ist, ist auch der Geschmack intensiver.

Von aussen sieht der Gewächsschrank aus wie ein normaler Kühlschrank. Doch statt den Inhalt zu kühlen, lässt die Gewächsstation im Miniaturformat Salate, Gemüse und Kräuter spriessen. In mehreren Fächern sorgen oben Leuchtdioden für das Licht. Unten werden einfach Saatmatten eingelegt, wie auf den Feldern eines Schachbretts. Der Ertrag solcher Hydrokultursysteme ist deutlich höher als bei der konventionellen Landwirtschaft im Feldanbau. Ohne lange Transportwege und Lagerhaltung verlieren die Salate und Gemüse zudem weniger Nährstoffe, bis sie gegessen werden.

Also es ist praktisch so, man hat 2 oder 3 Lagen im System, je nachdem welches man sich kauft. Pro Lage hat man vier Ebenen, auf denen man verschiedenste Sachen anbauen kann. Also es kann zum Beispiel Ruccola sein, aber auch Feldsalat, Basilikum, sogar Brokkoli oder rote Beete Sprossen.

Auch wenn der Gewächsschrank nicht die Ernährungskrise lösen kann: Die Ernährung und die angebauten Arten künftig vielfältiger gestalten, kann er.

Produziert für SWR 2 Impuls.