Urban Farming: Fische aus der Brauerei

ECF Farmsystems

Unscheinbar hinter Möbelhaus, Baumarkt und einem Postzentrum beginnt die Revolution des ‚Urban Farming’. Auf dem Gelände einer alten Berliner Brauerei residiert seit einigen Jahren ein Kreativzentrum für Künstler und Start-Ups. Nun hat auch eine Stadtfarm hier ihren Betrieb aufgenommen und liefert Biofisch und Biogemüse für ökobewusste Berliner.Dafür haben Christian Echternacht und Nicolas Leschke eine Kombination aus Gewächshaus und Fischzuchthalle errichten lassen. Das Verfahren, das beides miteinander kombiniert heißt Aquaponik und ist eine Wortschöpfung. ‚Aquakultur’ bezeichnet Fischzucht in speziellen Anlagen, ‚Hydroponik’ die Pflanzenzucht auf Mineralwolle mit einer Nährlösung.

Fisch und Gemüsezucht mitten in der Stadt

Erfunden haben es findige Fischwirte in der ehemaligen DDR. Nun, mit dem Zukunftstrend ‚Urban Farming’ wurde es aus der Schublade geholt und weiterentwickelt. Denn schon 2050 wohnen rund zwei Drittel der Weltbevölkerung in der Stadt. Heute sind es mehr als die Hälfte – und auch die Ökobilanz von Großstädten ist beängstigend: 75 % der weltweiten Energie verbrauchen sie, 70 % CO2 stoßen sie in den Himmel. Aquaponik kann helfen, die Megacities von morgen nachhaltiger zu machen.

Vor drei Jahren hatten Christian Echternacht und Nicolas Leschke deshalb die Idee, die Lebensmittelversorgung in Großstädten und damit das Urban Farming zu revolutionieren. Ihre Vision: Lebensmittel dort zu produzieren, wo sie verbraucht werden – in der Großstadt. Und so heißt ihr Start-Up, das die Idee verwirklicht, ‚Ecofriendly Farmsystems’. Rund anderthalb Millionen Euro Risikokapital haben sie dafür eingesammelt und nun hat ihre erste Fisch-Gemüse-Stadtfarm ihren Betrieb aufgenommen.

Fische liefern Dünger für Tomaten und Gurken

Für die Fischzucht bei ECF ist Dagh Sommerfeld verantwortlich. Sein Arbeitsbereich ist eine Halle mit 13 riesigen Wassertanks, die mit aufbereitetem Regenwasser gefüllt sind. In einem der Tanks schwimmen die ersten 2000 südafrikanischen Buntbarsche. Weil sie sich erst zwischen 27°C und 28°C wohl fühlen, herrscht tropisches Klima in der Fischhalle. „Wir züchten hier Tilapia, weil das ein robuster Fisch ist und der sich gut für Aquakulturen eignet“, verät Sommerfeld, „außerdem setzt er soviel in Masse um wie wir ihm an Futter geben.“

Noch sind die Fische so groß wie Fingerkuppen. Doch schon in acht Monaten bringen sie jeweils 750g  auf die Wage. Und bis dahin liefern sie Düngemittel für die Aquaponikanlage: Nitrat. Das wird mit einem Bioreaktor aus dem Ausscheidungen der Fische gewonnen und ist einer wichtigsten Zutaten für die Gemüsezucht im Gewächshaus nebenan.

Alles rein biologisch

Das Gewächshaus von ECF ist eine lichtdurchflutete Glashalle. Den Boden durchkreuzen meterlange Pflanzrinnen, gefüllt mit Mineralwolle. Rund tausend Setzlinge von Auberginen, Tomaten, Gurken und Paprika hat der Gärtner Robert Dietrich hier mit Kollegen eingepflanzt. Nun wachsen sie an Schnüren in die Höhe. Und werden genährt mit den aufbereiteten Abfällen und Abwasser der Fischzucht. 90 % weniger Wasser als in der herkömmlichen Landwirtschaft benötigt die Stadtfarm.

„Unsere Gemüsezucht kommt ohne Pestizide aus, weil wir rein biologische Schädlingsbekämpfung benutzen“, sagt Robert Dietrich, „Schlupfwespen, Marienkäfer und Florfliegenlarven fressen Blattläuse, Spinnenmilben und alles, was den Pflanzen nicht gut tut.“ Auch die Fischanlage kommt ohne Antibiotika aus. Und weil die Transportwege zum Kunden kurz sind und Kühlketten wegefallen, ist der CO2-Fußabdruck von Tomate und Fisch von ECF sehr klein.

Low-Tech-Variante für Entwicklungsländer

Nicht ohne Grund trägt das Start-Up von Christian Echternacht und Nicolas Leschke das Wort ‚effizient’ im Namen: Hinter ihrer Aquaponikanlage werkelt ein  Zentralcomputer. Der steuert die Nährlösung für die Pflanzen, die Wasseraufbereitung für die Fischtanks sowie Temperatur und Lichteinfall der Gewächshäuser.

„Unser Ziel ist es aber auch, eine Low-Cost-Variante unser Anlage zu bauen – für Entwicklungsländer“, sagt Nicolas Leschke, „die wird wahrscheinlich mit einfacheren Tanks und Foliengewächshäusern gebaut.“ Doch erst einmal versucht Leschke noch mehr Unternehmer in Europa von seiner Idee der ECF-Stadtfarm zu überzeugen. Schwer hat er es wahrscheinlich nicht. Denn schon lassen sich Supermarktbetreiber von ihm beraten, die sich Fisch- und Gemüsezucht auf dem Markthallendach wünschen.

In der Schweiz haben die ECF-Macher schon einen Gemüsegroßhändler überzeugt und eine Aquaponikanlage aufs Dach gesetzt. „Dennoch“, verrät Christian Echternacht, „ist eine solche Anlage auf dem Land noch effizienter – weil die Anlage größer gebaut werden könnte.“ Denn je größer die Anlage, umso günstiger die Baukosten. Dann könnte die Idee von ECF auch helfen, zwei Probleme der Zukunft zu lösen: Meere vor Überfischung retten und den Mangel an Düngemittel eindämmen.

Geschrieben für Deutsche Welle.