Smart Grids: Auf dem Weg zur Dritten Industriellen Revolution

Nach den Thesen des Zukunftsforschers Jeremy Rifkin steht der Wandel von der zweiten zur dritten Industriellen Revolution kurz bevor. Dann wird die Wirtschaft nicht mehr von Großkonzernen organisiert, sondern zur „sharing economy“, einer Wirtschaft, in der Menschen viele Ressourcen miteinander teilen. Katalysator für diesen Wandel ist laut Rifkin der technologische Fortschritt bei der Energiegewinnung, Kommunikation und Logistik. Jutta Schwengsbier hat sich Rifkins Theorie und die Praxis an zwei Industriestandorten angesehen, die beide sehr stark vom Technologiewandel betroffen sind. Einen in Deutschland und einen in Polen. Während sich die Region Dessau in Sachsen Anhalt seit der politischen Wende 1989 ganz der Umsetzung von Rifkins Ideen verschrieben hat, versuchte Polen den Wandel aufzuhalten.

Nach den Prognosen des Zukunftsforschers Jeremy Rifkin bestimmen vor allem Technologien darüber, wie unsere Wirtschaft und damit unsere ganze Gesellschaft organisiert ist. Was passiert, wenn wir statt fossiler Brennstoffe künftig nur noch erneuerbare Energien nutzen? Wenn Millionen Menschen über internet direkt miteinander kommunizieren und arbeiten können. Wenn das ganze Transportsystem bald von fahrerlosen Autos übernommen wird, die per Satellit gesteuert werden. So ein mächtiges smart grid, ein intelligentes SuperInternet, dass Energiebedarf- und verbrauch aufeinander abstimmt, dass die Kommunikation steuert und dass Transport und Logistik regelt, so ein smart grid verändert die Geschichte. Nach Ansicht von Jeremy Rifkin werden die Weichen für diese neue Zukunft derzeit vor allem in Deutschland gestellt.

Was ich den Deutschen sagen möchte. Die ganze Welt schaut auf Euch. Alle fragen sich, können die Deutschen den Wandel schaffen? Können sie statt fossiler Energien und Atomenergie erneuerbare Energien nutzen? Können Sie dabei helfen, dieses SuperInternet der Dinge aufzubauen für Kommunikation, Erneuerbare Energien, Transport und Logistik?

Mit der Art der Energiegewinnung ist nach Ansicht Rifkins mehr verbunden als nur Strom- und Wärmeproduktion. Der Wandel von zentralen zu dezentralen Formen der Energieversorgung wird unser Zusammenleben grundlegend verändern. Es ist der Katalysator von der zweiten zur dritten Industriellen Revolution. Die ehemaligen Schaufelradbagger in Ferropolis wirken inzwischen wie Dinosaurier, die im Naturkundemuseum an eine vor Millionen Jahren ausgestorbene Spezies erinnern.

Über die steilen Treppen, über die früher Baggerführer und Kohlekumpel ins Steuerungszentrum der riesigen Förderanlagen kletterten, steigen heute nur noch Touristen. Die Aussichtsplattform hoch oben am Förderturm bietet inzwischen einen atemberaubenden Blick auf eine Wasserlandschaft, die die ehemaligen Braunkohleflöze bedeckt. Noch vor zwei Jahrzehnten haben die Bagger in Sachsen-Anhalt Kohle gefördert. Die Stadt aus Eisen, Ferropolis, ist nun umgeben von einem großen See. Aus dem ehemals wichtigsten Versorgungszentrum für Energie in der DDR, ist inzwischen eine der beliebtesten Event-Lokalitäten in Ostdeutschland geworden.

Konzertbesucher aus ganz Europa kommen jedes Jahr zu großen Musik – Festivals. Und ehemalige Baggerführer arbeiten nun als Touristenführer, sagt Thies Schröder. Nicht ohne Stolz erzählt der Geschäftsführer von Ferropolis, wie die Region den wirtschaftlichen und sozialen Umbruch mit kreativen Ideen gemeistert hat.

Wenn sie in eine ehemalige Tagebauregion kommen, in ein industriekulturelles Erbe, sehen sie weit mehr als nur altes Eisen. Hier versammeln sich jedes Jahr weit über 100.000 Tausend Besucher mal 120.000, 150.000 , 160.000 Besucher, zu verschiedenen Konzerten und Festivals auf dieser Halbinsel. Und wir haben ein großes Glück gehabt, dass wir hier in den letzten 20 Jahren eine Veränderung erlebt haben, nicht nur ein Abbau von Dingen zum Beispiel der Nutzung der Braunkohle, der Kraftwerke, sondern eben auch neue Chancen, neuer Aufbau möglich wurde.

 

Nachdem sich die Braunkohlereserven in Sachsen-Anhalt dem Ende zuneigten, mussten sich die Verantwortlichen einen grundlegenden Neuanfang für ihre Region ausdenken, erinnert sich Harald Kegler, ehemaliger Vizedirektor der Stiftung Bauhaus Dessau.

Man kann diese Region als ein Musterland der zweiten industriellen Revolution bezeichnen. Einer industriellen Revolution, die gebunden war an einen solches Kraftwerk, die großen Energieerzeuger, und an die chemische Industrie. Vor 100 Jahren war der mitteldeutsche Raum, Bitterfeld, Zschornewitz, weltweit führende Region, das war einst das größte Braunkohlekraftwerk der Welt. Die chemische Industrie Bitterfeld hatte internationale Maßstäbe gesetzt. Es war also eine Region, die eine große Industriegeschichte geschrieben hat.

Als Leiter der experimentellen Werkstatt des Bauhaus Dessau machte sich Kegler daran, eine neue Vision für die Region zu entwickeln. Das einst wichtigste Wirtschaftszentrum der DDR hatte sich nach der politischen Wende 1989 in kurzer Zeit deindustrialisiert. Kegler ging es nicht nur darum, eine neue Energieversorgung aufzubauen. Die durch den Tagebau weitgehend zerstörte Landschaft musste ein völlig neues Image erhalten, um wieder lebenswert zu werden. Wie in der Lausitz oder im Ruhrgebiet sollte aus dem ehemaligen Kohlefördergebiet ein attraktiver Kulturstandort werden.

1990/91 begann die Stilllegung. Bis 1993 war faktisch der gesamte Raum weitgehend deindustrialisiert. Von einst 100000 Beschäftigten in der Energie- und Chemiewirtschaft sind noch etwa 20.000 nach drei Jahren Wende übriggeblieben. Also ein massiver sozialer Bruch, der diese Transformation kennzeichnete. Das war für uns ein Anlass, solche Spuren dieser großen Geschichte zu sichern, wenigstens als Elemente über die man heute und in Zukunft reden kann.

Dass Ferropolis tatsächlich zum bedeutenden Kulturstandort in Ostdeutschland aufsteigen würde, hatten die visionären Vordenker des Bauhaus Dessau zu Beginn selbst kaum zu träumen gewagt. Zunächst hielten viele ihre Ideen für völlig verrückt, erinnert sich Professor Rolf Kuhn lachend. Der damaligen Direktors des Bauhauses Dessau lies sich von den Spöttern nicht beirren. Der Regionalplaner bewarb sich bei der Internationalen Bauausstellung mit einem ungewöhnlichen Konzept. Aus dem alten Tagebau sollte ein industrielles Gartenreich werden: Mit Schaufelradbaggern als Industriedenkmal und mit einer klingenden Seenlandschaft als Touristenattraktionen.

Wenn man die Seen nicht nur zu Badeseen macht, sondern wenn man dort, wo die Landschaft kaputt war, wo viele Menschen meinten, das ist ein sehr unangenehmer Ort, eine unangenehme Region, wenn dort Tourismus entstehen soll, dann reicht Badestrand und Boot fahren nicht aus. Dann brauchen wir aus dieser Innovationsfähigkeit, aus diesen Ingenieurleistungen heraus, Neues. Was dieser Region ein neues Gesicht und ein neues Image gibt. Wir haben das mit schwimmenden Häusern versucht.

Heute lacht niemand mehr über Kuhns verrückte Ideen. Den Konzertbesuchern und Touristen folgten bald die Investoren. Sachsen-Anhalt ist ein wichtiger Standort für erneuerbare Energien in Deutschland geworden.

Entlang der Autobahnen und Landstraßen in Sachsen Anhalt stehen heute Windräder wie ein Wald aus geflügelten Stahltürmen. Auf großen Feldern stehen statt Feldfrüchten riesige Solarpanele aneinandergereiht. Auch die Wende von Kohleenergie hin zu erneuerbaren Energien, die Sachsen Anhalt in nur zwei Jahrzehnten geschafft hat, ist fast so gekommen, wie sich das die Visionäre des Bauhaus Dessau vorgestellt hatten. Die Ideenschmiede für kreatives Design hatte schon Anfang des 20. Jahrhunderts wesentlich dazu beigetragen, die Herausforderungen der aufkommenden zweiten Industriellen Revolution in kreative Stadtplanung und ein für die damalige Zeit revolutionäres Häuserdesign umzusetzen. Nun, zur Zeitenwende im 21. Jahrhundert, will das Bauhaus Dessau erneut ein wichtiges Transformationszentrum der Moderne sein. Der Architekt und Stadtplaner Harald Kegler will die Ideen des Zukunftsforschers Jeremy Rifkin im Mikrokosmos von Sachsen-Anhalt Wirklichkeit werden lassen.

Es bedurfte einer großen Portion von utopischem Geist, um bestimmte Entwicklungen anzuregen. Mehr haben wir nicht gemacht. Aber verrückt muss man schon sein. Ohne dem kann eine Energiewende, wie sie heute abläuft, nicht gestaltet werden. Wohin geht es? Den Begriff für das, was aus dieser Region in Zukunft werden könnte, hat Rifkin geliefert, mit der Dritten Industriellen Revolution. Einer Entwicklung jenseits von Kohle und Atom basierend auf den neuen Technologien. Aber eben auch einer neuen Landschaft und einem neuen Verständnis von Entwicklung, das nicht mehr nur an die alte Industriearbeit gekoppelt ist.

Ausgehend von den Visionen des US amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers und Sozialtheoretikers Jeremy Rifkin wollen Kegler und andere Theoretiker des Bauhaus Dessau den bevorstehenden Wandel der Industriegesellschaft als Ausgangspunkt nehmen, die Zukunft der ehemaligen Kohleregion Sachsen – Anhalt ganz neu zu denken. Rifkin hat rund 20 Bücher darüber geschrieben, wie der wissenschaftliche- und technologische Wandel unsere Wirtschaft und Arbeit, unsere gesamte Gesellschaft und die Umwelt verändern wird. Als Professor der Wharton School of Business an der Universität Pennsylvania in den USA berät der Zukunftsforscher auch zahlreiche Regierungen und Konzernlenker weltweit. Rifkin gehört zu den einflussreichsten Denkern unseres Jahrhunderts. Seiner Ansicht nach steht die Welt am Wendepunkt von der Zweiten Industriellen Revolution im 20. Jahrhundert zur Dritten Industriellen Revolution im 21. Jahrhundert. Als Folge werde sich mit der Form der Energiegewinnung unsere gesamte Gesellschaftsorganisation grundlegend wandeln.

20 Jahrhundert. Zweite industrielle Revolution. Das Kommunikationssystem, die Energie und der Transport veränderten sich total. Die Energiegewinnung wurde zentralisiert. Erst das Telefon, später Radio und Fernsehen, wurden die wichtigsten Kommunikationskanäle. Das kam zusammen mit billigem Öl und Verbrennungsmotoren in Fahrzeugen auf nationalen Straßensystemen. Diese zweite industrielle Revolution geht nun langsam vorbei. Sie war im Juli 2007 auf dem Höhepunkt, als Öl 174 Dollar pro Barrel kostete und die Kaufkraft rund um die Welt zusammenbrach, weil alles auf dieser Energie basiert. Unsere Dünger und Pestizide, unsere Baumaterialien, ein Großteil unserer pharmazeutischen Produkte sind alle aus fossilen Brennstoffen gemacht. Unsere Energie, der Transport, die Wärme, das Licht haben unsere Zivilisation begründet.

Weil Kohle oder Erdöl nur zentralisiert mit großen Förderanlagen wie in Ferropolis gewonnen werden konnten, entwickelten sich dazu notwendigerweise hierarchisch strukturierte Großkonzerne, urteilt Rifkin. Denn nur solche Großkonzerne konnten diese Form der zentralisierten Energiegewinnung managen. Auch der weltweite Trend zur Verstädterung und der Konzentration der Wirtschaftstätigkeit auf wenige Orte ist entsprechend der Thesen von Rifkin direkt auf diese Form der Energiegewinnung zurückzuführen. Mit dem Wandel von einer zentralen zu einer dezentralen Energiegewinnung, kombiniert mit dem rasanten technologischen Wandel im Bereich Kommunikation und Transport, folge zwangsläufig auch ein grundlegenden Wandel unserer gesamten Wirtschaftsordnung und unserer Gesellschaftsorganisation, glaubt Rifkin. Entsprechend dieser Thesen werden künftig Millionen von Menschen weltweit in einer stark vernetzten Welt zusammenarbeiten und nicht nur wie bislang Autos oder Wohnungen gemeinsam nutzen, sondern auch die meisten anderen Ressourcen. Statt Güter individuell zu besitzen wird künftig ihre Nutzung geteilt.

Wir sind am Wendekreuz zu einer Dritten Industriellen Revolution. Kommunikation, Energie, Transport und Logistik vereinen sich zu etwas völlig Neuem. Das Kommunikationsinternet ist gerade dabei, sich mit einem noch sehr jungen Internet für erneuerbare Energien zu verbinden. Dazu kommt ein durch GPS gesteuertes und bald fahrerloses Transport und Logistik-Internet. Alles zusammen bildet das SuperInternet der Dinge. Drei Internetbereiche. Ein System. Kommunikation. Energie. Transport.

Ob die Wende zur Dritten Industriellen Revolution wie von Rifkin vorhergesagt gelingt, hängt aber noch entscheidend davon ab, ob auch die Wende hin zu einer dezentralen Gewinnung erneuerbarer Energien gelingt. Bisher ist nicht endgültig entschieden, welchen Weg Deutschland und Europa bei der Energiegewinnung nehmen werden. Noch konkurrieren verschiedene Modelle miteinander, die die Interessen unterschiedlicher Gruppen und der bestehenden Energiesysteme verschiedener Länder widerspiegeln. Während Frankreich zum Beispiel immer noch überwiegend auf Atomenergie setzt, bezeichnet Polen die eigenen Kohlekraftwerke als unverzichtbar für die Energiesicherheit, – obwohl auch hier immer mehr Zechen schließen müssen. Polnische Kohle gilt schon seit langem als international nicht mehr konkurrenzfähig. Die Förderkosten sind so hoch, dass polnische Kohle weit mehr kostet als es die derzeitigen Weltmarktpreise hergeben.

Wie weit sich die Energiepolitik in Deutschland und Polen unterscheiden, lässt sich direkt am Strassenbild ablesen. Bis zur Grenze in Polen stehen auf deutscher Seite entlang der Autobahnen überall Windräder. Auf den umliegenden Äckern und auf vielen Hausdächern blinken große und kleine Solaranlagen im Sonnenlicht. Gleich hinter der Grenze in Polen ist von dieser Energiewende nichts mehr zu sehen.

Eines der wenigen noch profitabel arbeitenden Steinkohlebergwerke liegt in Jaworzno, in Polens bedeutendstem Kohlerevier unweit der tschechischen und slowakischen Grenze. Betrieben wird es vom Tauron Konzern, einem Unternehmen, dass 2006 von der polnischen Regierung durch den Zusammenschluss mehrerer staatlicher Gesellschaften gegründet wurde.

Das Bergwerk hat die Dimensionen einer Kleinstadt. Fördertürme ragen wie Hochhäuser in den Himmel. Über einen großen Schacht werden Holz und andere Baumaterialien mit Lastzügen in den Untergrund gebracht.

Während man früher noch in 500 Metern Tiefe Kohle fand, muss man heute in Tiefen von 800 bis 1000 Metern vorstossen. Nach 400 Jahren Bergbaugeschichte in der Region sind viele Reservoirs bereits erschöpft. Das hat auch zur Folge, dass viele Kohlekumpel inzwischen die Hälfte Ihrer Arbeitszeit mit der An- und Abreise zu ihrem jeweiligen Revier verbringen. Am Ende der 25 Kilometer langen Förderkette wird die Kohle über große Fließbändern aus der Tiefe nach oben gebracht, danach wird sie erst gewaschen und dann auf großen Halden zwischengelagert. Eine eigene Eisenbahnlinie bringt den pechschwarzen Brennstoff dann zu den Kraftwerken. Ein sehr teuerer Förderprozess. Trotzdem werde Kohle auch in Zukunft für Polen die wichtigste Energiequelle bleiben, gibt sich Unternehmenssprecherin Magdalena Finak überzeugt.

Wir investieren in Kohle, in Steinkohle. Wir sind davon überzeugt, dass die Steinkohle generell in Polen eine Zukunft hat, weil das unsere natürliche Energiequelle ist. Es geht ja auch um die Energiesicherheit von Polen.

Einst war die Kohle der Treibstoff der Industrialisierung im Polen, nicht zuletzt hier in Oberschlesien, der wichtigsten Industrieregion. Später war sie das Rückgrat der sozialistischen Schwerindustrie. Und auch heute noch werden 85% des Stroms und 60% der Heizenergie aus ihrer Verfeuerung gewonnen. Die Kohle ist damit in Polen nicht nur ein Rohstoff; sie ist ein Politikum. Vor allem die mächtigen Gewerkschaften haben eine Restrukturierung des Energiesektors durch Streiks und Druck auf die Politik immer wieder aufgehalten. Ganz verhindern konnten sie den schleichenden Verfall der Branche aber nicht, wie nicht nur Jarosław Grzesik wehmütig beklagt. Der Vorsitzende der Gewerkschaft Solidarnosz im Bergwerk Bobrek nahe Beuthen, hat sich jahrelang vergeblich gegen den drastischen Arbeitsplatzabbau im Kohlebergbau gewehrt.

Die Bergarbeiter haben die Wende hauptsächlich getragen. Wenn wir damals, 1980 gewusst hätten, wie die Welt, wie Polen 2015 aussehen würde, hätten wir uns das doppelt überlegt. Dabei denke ich natürlich an die sozialen Aspekte. Nicht an die russische Okkupation. Das ist keine Frage.

In den letzten 25 Jahren wurden neun Bergwerke in Beuthen geschlossen – seither hat die Stadt mit massiver Arbeitslosigkeit und sozialen Problemen zu kämpfen. Seit 1990 ist die Zahl der Beschäftigten im polnischen Kohlesektor von rund 400000 auf 100000 gesunken. Und das obwohl die Politik die Kohleindustrie seitdem mit umgerechnet 32 Milliarden Euro subventioniert hat. Den Strukturwandel aufhalten konnte Polen damit nicht. Anders als in Ferropolis entwickelten die Verantwortlichen keine Visionen für die Zukunft der Region sondern rissen die alten historischen Förderanlagen und Gebäude einfach ab. Was blieb, sind leere ungenutzte Brachen.

Die Schlacht um die Energieversorgung der Zukunft ist nach Ansicht von Jeremy Rifkin bereits entschieden. Wie bei der Verlags- und Musikindustrie, bei Radio und Fernsehen sei auch bei den großen Energiekonzernen der Niedergang durch den technologischen Wandel absehbar.

Wer produziert die Energie? Wer bezahlt dafür? Millionen von Deutschen haben sich zusammengeschlossen und Energiegenossenschaften gegründet. Hausbesitzer, Nachbarschaftsvereine, kleine und mittlere Unternehmen, haben solche Genossenschaften gegründet und ihre Ressourcen gebündelt. Der Großteil der Energie des 21. Jahrhunderts wird von Millionen von Kleinanbietern hergestellt. Was passierte mit den großen Energieunternehmen in Deutschland in nur 5 bis 7 Jahren? EnBW, EON, RWE. Einst mächtige globale Unternehmen wie die Verlagsindustrie. Sie sind noch im Energiegeschäft. Aber sie produzieren nur 7 Prozent der neuen Energie und sie geben zu, sie sind aus dem Spiel.

In Deutschland sind laut einer aktuellen Studie des Instituts für Zukunftsenergiesysteme heute vor allem lokale Bürgerenergie-Projekte der Transmissionsriemen für den von Rifkin vorhergesagten Wirtschaftswandel – und für die Energiewende. Mit jährlichen Investitionen von bis zu fünf Milliarden Euro und bis zu 100.000 neu geschaffenen Arbeitsplätzen.

Eine der Modellregionen in Deutschland, die die Visionen von Jeremy Rifkin bald  Wirklichkeit werden lassen will, ist Dessau. Gemeinsam mit den Theoretikern vom Bauhaus hat auch Thomas Zänger die Herausforderung angenommen. Der Geschäftsführer der Stadtwerke Dessau will mit zahlreichen anderen Akteuren der Modellregion, die eine „Energieavantgarde“ genannte Gemeinschaft gebildet haben, eine solare Regionalversorgung aufbauen.

Wir sind im Moment in einer Situation das unsere Altanlagen die Lebensdauer erreicht haben und wir überlegen, wie müsste man neu investieren. Und eine Eins zu Eins Erneuerung der Anlagen wäre wirtschaftlich das am wenigsten lukrative. Deswegen gehen wir in die Überlegung modular, das heißt also nicht mehr nur einen einzigen großen Erzeuger hin zu stellen, sondern mehrere kleine, die man dann sehr flexibel betreiben kann, je nach Bedarf.

Deutschland hat zu bestimmten Zeiten schon Überkapazitäten an Strom. Doch statt konventionelle Kohlekraftwerke herunterzuregeln wird einfach Solarstrom abgestellt. Um das in Zukunft zu vermeiden, hat das Berliner startup Lumenaza eine Steuerungssoftware entwickelt, die Angebot und Nachfrage von Strom aus erneuerbaren Quellen besser aufeinander abstimmen kann. Unternehmensgründer Christian Chuduba war früher bei Siemens für strategische Innovationen zuständig. Doch weil radikal neue Ideen in einen Großkonzern nur schwer durchzusetzen sind, hat er sich gemeinsam mit einem Siemenskollegen selbständig gemacht, sagt Chuduba. Seine Software, verbunden mit einem kleinen Steuerungsgerät kann nun den Strom von Windrädern oder Solaranlagen in geeignete regionale Speicher umleiten oder regionale Großverbraucher von Strom anschalten.

Das was wir machen ist praktisch die Logik, die Prognosen erstellt, wie viel Strom wird denn in den nächsten 24 Stunden in der Region produziert? Wie muss ich die Anlagen steuern? Da rede ich jetzt nicht mehr über 1 oder 2 sondern über Zehntausende in einer Region. Wie sieht eigentlich die regionale Bilanz aus? Wann entstehen Lücken in der Stromversorgung? Wann entstehen Überschüsse?

Durch solche smart Grids, durch die intelligente Steuerung von Bedarf und Nachfrage im Stromnetz, wird die sonst drohende Überlastung der Übertragungsleitungen verhindert. Durch die bessere Markttransparenz können zudem Regionen wie Dessau besser entscheiden, ob noch mehr Solaranlagen für den regionalen Bedarf gebaucht werden oder eher Speichermöglichkeiten für Überkapazitäten. Die Lumenaza Technologie ist einer der bislang noch fehlenden Bausteine, um einen Industriestandort wie Deutschland bald zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien versorgen zu können., – durch die richtige regionale Mischung von Sonnen- und Windkraftwerken, durch geeignete Speichermöglichkeiten oder Lastverschiebungen.

Also zum Beispiel haben ja die Stadtwerke Dessau einen großen Wasserspeicher gekauft, mit einem Erhitzer da drin, um genau solche Puffer in der Region auszugleichen, Und sie nutzen dann das Warmwasser für die Fernwärmeversorgung, die in der Stadt Dessau existiert.

Es ist inzwischen nicht nur möglich wie in Dessau solare Überkapazitäten in große  Warmwasserspeicher umzuleiten. Inzwischen kann jeder seinen Strom über Lumenaza direkt von der Energiegenossenschaft aus der Nachbarschaft kaufen.  Über eine per Gesetz festgelegte Marktprämie kann Lumenaza derzeit für Solarstrom an die Erzeuger höhere Preise zahlen, als die ebenfalls gesetzlichen festgesetzten Einspeisetarife. Trotzdem ist der Strom für Kunden billiger als bei vielen anderen Anbietern von erneuerbaren Energien. Denn die importieren ihre Energie oft von Wasserkraftwerken aus Skandinavien. Die hohen Kosten für lange Übertragungswege fallen bei regionalen Vermarktungskonzepten wie dem von Lumenaza nicht mehr an.

Unser Ansatz ist ein regionaler Marktplatz auf dem wir Produzenten und Verbraucher von grünem Strom, also sprich erneuerbarer Energien zusammen bringen. Also dazu gehört erst mal Solarenergie, Windkraft, Wasserkraft, Biogas, Geothermie wird ebenfalls dazugehören, obwohl in Deutschland kaum verbreitet. Die Produzenten verkaufen auf unserer Plattform den Strom direkt an die Verbraucher in der gleichen Region, so dass man genau sieht, aus welchen Anlagen der Strom kommt. Der Verbraucher hat die vollkommene Transparenz darüber und hat die Sicherheit, dass sein Geld praktisch in der Region bleibt, also stärkt auch die regionale Wirtschaft.

Mit der dezentralen Steuerung von  Angebot und Nachfrage erneuerbarer Energien, hat Deutschland einen weiteren wichtigen Schritt getan, um unabhängig von fossilen Brennstoffen zu werden. Denn nun können die Bürger selbst darüber entscheiden, ob sie lieber erneuerbare Energie vom Nachbarn oder Kohle- und Atomstrom von großen Energiekonzernen wollen. Bei stetig fallenden Preisen für erneuerbare Energien ist die Zeit für Großkonzerne endgültig vorbei, glaubt Jeremy Rifkin.

Wir schauen nach Deutschland für ein neues Wirtschaftsmodell. Wenn sie das nicht schaffen, wird das überall ein Problem. Ich habe Hoffnung. Seid mutig. Seid ein Flagschiff für Europa und die Welt. Das wird Euer wichtigstes Erbe sein.

Vom intelligenten Stromnetz bis hin zu Speichertechnologien ist Deutschland immer noch weltweit Vorreiter. Wenn es hier gelingt, sagt Rifkin, einen führenden Industriestandort zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien zu versorgen, ist der weltweite Wandel des Wirtschafts- und Gesellschaftssystem nicht mehr aufzuhalten.

Produziert für RBB Kulturtermin.