Schorfheide: Biologische Vielfalt dank Sperrgebiet

Seeblick

In Ostdeutschland schützte die Politikelite über Jahrzehnte Jagdgebiete für das eigene Vergnügen, die Natur wurde nicht zerstört. Das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin ist heute eines der artenreichsten in Europa. Die Region Schorfheide-Chorin wurde 1990, kurz nach der politischen Wende in Ostdeutschland, unter Schutz gestellt und ist seit 2011 UNESCO-Weltnaturerbe. Seit dem Mittelalter hatte das Zisterzienser-Kloster Chorin die Ländereien der Gegend bewirtschaftet. Später entdeckten dann die Mächtigen des Staates das Waldgebiet für sich. Die einzigartige Landschaft wurde zum Jagdrevier, welche nur der jeweiligen Politprominenz zur Verfügung stand. Dieser Geschichte ist es zu verdanken, dass die einzigartige Vegetation nicht zerstört wurde. Das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin gilt heute als eines der artenreichsten Gebiete Europas. Von Jutta Schwengsbier.

 

Jagdrevier für die Nazis

Mitten im Wald liegt ein kleines Fachwerkhaus. Ursprünglich wurde es gebaut für die Wildhüter, erzählt Uwe Schneider. Der ehemalige Metallfacharbeiter ist heute einer der Ranger, die für die Umwelterziehung im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin zuständig sind. Wie viele war Schneider nach dem Zusammenbruch der DDR arbeitslos und wurde deshalb zum Umweltwächter umgeschult.

 

Die Führung durch das Naturschutzgebiet nutzt Schneider heute auch zum Geschichtsunterricht. „Das kleine Fachwerkhaus wurde noch vor dem zweiten Weltkrieg erbaut“, erzählt Schneider. Damals sollten Förster hier auf die Elche und Wiesente aufpassen, die zum Jagdvergnügen der Berliner Politprominez des Nationalsozialismus ausgesetzt worden waren. „Im Dritten Reich wurde 1936 eine Naturschutzstiftung gegründet. Dadurch wurde die Schorfheide zum Naturschutzgebiet erklärt.“ Das Ziel war allerdings nicht, die Natur zu schützen. Die politische Elite im Nationalsozialismus wollte sich über die Stiftung stattdessen das Gebiet als Jagdrevier sichern.

Ranger Uwe Schneider (r.)

Ranger Uwe Schneider (r.)

„Hermann Göring, der eigentlich Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe war, ließ sich zusätzlich als Landesforstmeister einsetzen“, erzählt Schneider. „Um sein edles Jagdwild nicht zu stören, durfte die normale Bevölkerung die Wälder dann über Jahrzehnte nicht betreten.“ Seinen pompösen Jagdsitz Carinhall ließ Göring selbst kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges von der Luftwaffe zerstören.

Nach 1945 Jagdrevier für DDR-Elite

Uwe Schneider zeigt den Besuchern ein Foto von Erich Honecker, den einst mächtigsten Politiker der DDR, mit einem geschossenen Bock. „Erich Honecker ging in der Schorfheide von Ende der 60er Jahre bis 1989 zur Jagd.“ Auch die DDR Führung, Mielke, Mittag oder Honecker, reservierten das Revier für sich. Das ganze Areal wurde von der Stasi, dem Inlandsgeheimdienst der DDR, abgesperrt.

Erst Lothar de Maizière, der letzte demokratische gewählte Ministerpräsident der DDR, ließ die Region dann als eine seiner letzten Amtshandlungen 1990 zum Nationalpark umwidmen. Erst jetzt wurde die Region tatsächlich zum Naturschutzgebiet.

Nachhaltiges Wirtschaften soll Artenschutz gewährleisten

Durch die jahrzehntelange Sonderstellung dieser Region der Uckermark ist eines der artenreichsten Gebiete Europas erhalten geblieben, erläutert die Gartenbautechnikerin Uta Kietsch. „In der Uckermark gibt es noch Pflanzen und Tierarten, die in anderen Regionen längst verschwunden sind.“
Der wichtigste Grund dafür ist auch die sehr vielfältige Landschaft. Während der letzten Eiszeit schoben sich hier kleine Hügel aus dem Boden, die sich heute mit zahllosen Seen und Ebenen abwechseln. „Die Standorte wechseln sehr schnell“, erläutert Uta Kietsch. „Auf einer Kuppe ist es trocken, sandig und kalkreich. In der nächsten Senke ist es feucht und viel lehmiger.“ Die vielfältige Landschaft begünstigt einen enormen Pflanzen- und Tierreichtum auf engem Raum.

Uta Kietsch

Uta Kietsch

„Es ist sehr leicht für mich die verschiedensten Pflanzen zu sammeln, weil auf kleinem Raum wirklich eine große Vielfalt da ist.“ Uta Kietsch hat sich darauf spezialisiert, regionale Pflanzen im Biosphärenreservat zu sammeln, daraus Saatgut zu gewinnen und es zu verkaufen. Im Biosphärenreservat gehe es darum ein Gleichgewicht zu finden zwischen Naturschutz und geeigneten Nutzungsmöglichkeiten, sagt Beate Blahy, Sprecherin des Biosphärenreservates. „Das Biosphärenreservat bezieht den Menschen mit ein. Wir wollen die Natur schützen durch eine angepasste, nachhaltige Nutzung.“

Denn der Wald sei keineswegs „Wildnis“, so Blahy. Das Biosphärenreservat habe vor allem die Aufgabe, eine der ältesten vom Menschen angelegten Kulturlandschaften in ihrem Artenreichtum zu erhaltenerhalten.

Produziert für SWR.