Roof Water Farm: Die Hängenden Gärten von Berlin

roof water farm

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Großstädten, 2050 soll es laut UN sogar zwei Drittel sein. Wie aber die Bevölkerung gigantischer Megacities mit ausreichend Lebensmitteln versorgen? Wie den Energieverbrauch reduzieren? Das sind Fragen, denen sich schon heute Stadtplaner, Architekten, Agrarexperten und Umweltingeneure stellen müssen. In Berlin arbeiten derzeit mehrere Projektgruppen an einer Lösung dieser spannenden Fragen. Am Ende eines der derzeit laufenden Forschungsprojekte soll ein Netz von Dachgärten entstehen. Der wissenschaftliche Name des Projekts: „Roof Water Farm“. Die entscheidende Ressource dafür ist das tägliche Abwasser. Ein Beitrag von Maximilian Grosser.Ein unscheinbarer Berliner Hinterhof mit großen Wiesen. In seiner Mitte wächst Schilf auf alten Wasserbecken. Daneben, im Schatten der umliegenden grauen Wohnhäuser, steht ein Holzhaus ohne Fenster, das einer überdimensionierten finnischen Sauna gleicht. Wenn sich einer der rund 250 Mieter in den Wohnhäusern die Hände wäscht oder duscht oder das Geschirr spült, landet das Abwasser, so genanntes Grauwasser, hier im Holzhaus mit seiner Kläranlage im Miniformat.

Die Einzigartigkeit dieser Anlage besteht darin, das wir von dem Grauwasser nicht nur das Dusch- und Badewasser reinigen, sondern auch das hochbelastete Abwasser von den Küchen und den Waschmaschinen mit einleiten.

 

…sagt Erwin Nolde. Der Umweltingenieur gehört zum Forschungsprojekt Roof Water Farm, das Pflanzen- und Fischzucht in die Stadt zurückholen will. Dafür wird das Abwasser in Plastikbehältern aufbereitet. Einige haben Bullaugen, an denen kleine Schaumstoffwürfel durch dreckiges Abwasser vorbeiwirbeln. Sie werden von tausenden unterschiedlichen Mikroorganismen bevölkert, die das Wasser Schritt für Schritt rein biologisch säubern – und in klares Wasser zurück verwandeln.

Die Reinigung passiert hier in mehreren Schritten. Und man kann das so erklären: in den ersten Stufen sitzen Mikroorganismen, die mit hohen Konzentrationen auskommen. Man kann das vielleicht bildlich so ausdrücken, da sitzen die sogenannten Elefanten der Mikroorganismen, die fressen die ganzen Brote, in einer weiteren Stufe sind es mehr die Ziegen, die fressen einzelne Brotscheiben und hinten in der letzten Stufe sitzen Spatzen, die die paar letzten Krümel auffressen.

Danach ist das Wasser sauberer als aus herkömmlichen Kläranlagen. Deswegen eignet es sich nicht nur zum Wäschewaschen oder Toilettenspülen, sondern soll auch der Fisch-, Obst- und  Gemüsezucht dienen – so das Ziel des Forschungsprojekts „Roof Water Farm“ an der Technischen Universität Berlin. Diese Idee wird gleich nebenan im Gewächshaus getestet. Hier stehen zwei Bottiche, in einem werden Schleien, im anderen Welse gezüchtet.

Nachdem wir unser Grauwasser sehr weitgehend aufbereitet haben, das hat keine Trinkwasserqualität, es ist aber sehr nah da dran. Mit dieser Wasserqualität werden die Fische hier versorgt. Die Fische müssen noch gefüttert werden. Die Fische produzieren Abfälle. Mit diesen Abfällen werden die Pflanzen gedüngt.

Der Fischdünger ist Teil der Nährlösung, mit denen Erdbeeren, Tomaten oder Kräuter in Pflanzrinnen getränkt werden. Ähnlich funktionierte das Weltwunder Hängende Gärten. Auch die NASA hat es im Weltraum getestet. Gleichzeitig wird das Wasser von den Pflanzen gereinigt – nur 300 l werden in zwei bis drei Wochen von der Anlage verbraucht. Noch steht die Pilotanlage von „Roof Water Farm“ am Boden. Doch schon bald sollen nach der Idee Dachgewächshäuser entstehen, sagt Angela Million, Projektkoordinatorin und Professorin für Städtebau und Siedlungswesen.

Es ist so, dass unsere Städte heute gebaut sind. Wir haben nur begrenzte Flächenreserven. Deshalb spielt es schon eine Rolle, sich Gedanken zu machen, welche Flächen uns jetzt und in Zukunft zu Verfügung stehen. Und da kommen Dachflächen natürlich schnell ins Spiel. Auf der anderen Seite stellen wir fest eine neue Lust am Gärtnern, das Entdecken der Stadt als Ort der Produktion von Lebensmitteln.

„Roof Water Farm“ ist somit Teil des Zukunftstrends ‚Urban Farming’, das versucht, die Stadtbevölkerung von Morgen energie- und ressourcenschonend zu versorgen. Denn schon jetzt verbrauchen Großstädte 75 Prozent der weltweiten Energie und verursachen knapp 70 Prozent der Treibhausgase, Tendenz steigend. Dachgewächshäuser würden helfen, das Problem in den Griff zu bekommen, ist sich die Landschaftsarchitektin Grit Bürgow sicher.

Ich muss die Nahrung nicht mehr weit transportieren, sondern ernte sie in der Farm auf dem Dach. Und auch das Wasser. Das wird sonst auch über weiter Wege transportiert, in zentralen Anlagen behandelt. Das würde auch entfallen. So ergeben sich verschiedenste Synergien.

Besonders Hochhaussiedlungen eignen sich für solche Dachgewächshäuser. Deshalb erkunden die Forscher bei „Roof Water Farm“ gerade den Ostberliner Bezirk Marzahn – eine charakteristische Plattenbausiedlung mit zahlreichen Hochhäusern. Die Vision: Ein großflächiges Netz von Dachgärten.

Wir haben uns speziell Marzahn herausgepickt, das ist einerseits ein Modellgebiet für den Stadtrand. Und auch unsere Dachflächenanalyse für Berlin ergeben, dass Marzahn sehr viele Dachflächen hat. Und deshalb ist es prädestiniert, ein Roof-Water-Farm-Modell durchzuspielen.

 Doch noch ist die Hürde größer als bei der Pilotanlage: in keinem Marzahner Mietshaus wird das Abwasser von Bädern und Küchen von dem der Toiletten getrennt – erst bei einer Sanierung der Häuser könnte ein zweites Leitungssystem eingebaut werden. Die Kosten halten sich allerdings im Rahmen – und unter günstigen Bedingungen zahlt sich eine „Roof Water Farm“ in wenigen Jahren aus, sagt Erwin Nolde.

Wir haben das im Rahmen des Projekts ausgerechnet. Das sind etwa 500 Euro pro Wohneinheit, die wir benötigen, um das zweite Leitungsnetz zu installieren. Dann brauchen wir noch die Aufbereitungstechnik für das Wasser. Das ist nicht von der Wohnungsgröße abhängig, sondern wie viel Personen in dem Gebäude wohnen. Und ist auch wieder die Größenordnung 500 Euro pro Person.

Nur noch halb soviel Trinkwasser würden dann verbraucht. Projekte wie „Roof Water Farm“ arbeiten zudem klimaneutral, produzieren zukünftig sogar Energie. Damit treten sie in Konkurrenz zu kommunalen Wasserbetrieben. Und auch Dachflächen werden immer begehrter: etwa für zusätzlichen Wohnraum, Solarpanels oder Sportanlagen.

Produziert für ORF Dimensionen.