Lettlands Bio-Boom

Regenwurmzucht als Geschäftsmodell

Regenwurmzucht

Janis Sprukts und Irena Tereskovica

In Lettland sprießen derzeit zahlreiche neue Startups aus dem Boden. Eigentlich müsste man besser sagen, sie sprießen nicht aus dem Boden, sondern sie produzieren Boden, noch genauer gesagt Bio-Humus. Grundlage der Innovation ist der sogenannte rote kalifornische Regenwurm, eine Kreuzung erschiedener Regenwurmarten, die vor rund 50 Jahren in USA gezüchtet wurde. Seit einigen Jahren ist dieser Regenwurm in Lettland zu einem regelrechten Wirtschaftsfaktor geworden. Denn dieser Regenwurm kann sich rasend schnell vermehren und frisst zudem außergewöhnlich viel. Das bedeutet, diese Gattung produziert auch besonders viel Bio-Humus. Einige Letten haben in der Regenwurmzucht ein lohnendes Geschäftsfeld entdeckt. Toms Ancitis und Jutta Schwengsbier über Lettlands Bio-Boom.

Janis Sprukts war in Lettland bislang als Hockeyspieler bekannt. Nach einigen Jahren bei den „Florida Panthers“ in den USA spielt der sehnige 31-Jährige beim Moskauer Klub ZSKA. In einem unscheinbaren Hangar, der so groß ist wie ein Hockeyfeld, offenbart Sprukts eine für ihn ganz neue Liebe zur alternativen Landwirtschaft. In unzähligen Plastikkästen schlängeln sich Millionen von Regenwürmern durch faulige Obstreste, Eierschalen und Kaffeesatz. Die Würmer fressen den Biomüll auf und verwandeln ihn dabei in ihren Därmen zu Biohumus, – einem wertvollen Rohstoff für die Biolandwirtschaft.

Ein ehemaliger Kollege von mir – der Hockeyspieler Olegs Sorokins – hatte die Idee. Nach seiner Hockeyspieler-Karriere hat er mit der Biohumusproduktion angefangen. Weil er Investoren für eine neue Regenwurmfarm suchte, hat er mich gefragt, ob ich nicht mitmachen will. Er meinte, das Geschäft ist gut, wenn deine Spielerkarriere zu Ende geht. Das Angebot fand ich sehr sympathisch, weil es Geschäft und Umweltdenken verbindet. Deshalb habe ich zugesagt.

 

Zusammen mit drei Kollegen hat Janis Sprukts nun bei der Kleinstadt Malpils eine Regenwurmfarm aufgebaut. Sie ist erst seit Kurzem in Betrieb. Malpils liegt rund 60 Kilometer entfernt von Lettlands Hauptstadt Riga. Die Investition in die Regenwurmzucht ist für Sprukts so etwas wie eine Altersvorsorge.

Am Anfang wusste ich ganz wenig über Regenwurmzucht. Meine Mutter hatte einmal Biohumus in ihrem Garten ausprobiert. Da habe ich mit eigenen Augen gesehen, dass im Garten alles viel schneller und größer wächst, wenn mit Biohumus gedüngt wird. Das war aber fast das einzige, was ich darüber wusste. Später haben sich noch zwei meiner Kollegen – beide auch professionelle Hockeyspieler – an unserer Geschäftsidee beteiligt. Nun sind wir insgesamt vier Hockeyspieler, die das machen.

Jeder von ihnen hat 100.000 Euro in die Regenwurmfarm investiert. Dazu kamen noch rund 140.000 Euro Fördermittel der Europäischen Union. Die EU-Finanzierung stammt aus einem Programm zur Entwicklung der alternativen Landwirtschaft und zur Schaffung neuer Arbeitsplätze in Dorfgebieten. Vor kurzem hat das Unternehmen außerdem Innovationsförderung beantragt, sagt Rihards Pulturs, der Geschäftsführer der Firma.

Die EU fördert auch sogenannte „grüne Innovationen“. Und wir wollen mit unserer Regenwurmfarm ja nicht nur Biohumus herstellen. Unser Ziel ist es, gezielt organischen Müll durch die Regenwürmer abbauen zu lassen. Das wird in Australien und Japan schon intensiv zur Abfallentsorgung genutzt. In Europa ist das Konzept immer noch sehr selten. Die Wissenschaftler, die bei unserer Firma arbeiten, haben bereits die erste Experimente durchgeführt. Das war ganz erfolgreich.

Sobald die Farm ihre geplante Gesamtleistung erreicht, werden die Regenwürmer 5000 Kubikmeter Biohumus pro Jahr produzieren. Die Firma will den Biodünger vor allem nach Skandinavien, Deutschland und Österreich exportieren. Ein Kubikmeter Biohumus kostet das Unternehmen rund 150 Euro. Der Verkaufspreis liegt bei mindestens 400 Euro pro Kubikmeter. Das Geschäft lohnt sich also. Und es birgt kaum Risiken, sagt Rihards Pulturs.

Die Regenwurmzucht ist ein sauberes und günstiges Geschäft. Es gibt nicht viele Arten von Unternehmungen, die so vorhersehbar sind, wie die Regenwurmzucht. Nach zwei Jahren wird so eine Zuchtanlage schon rentabel. So lange braucht man, bis der erste Biohumus verkauft werden kann. Je mehr man investiert, je mehr die Herstellungsprozesse automatisiert werden, desto schneller kommt das Geld zurück.

Die Hockeyspieler hoffen, ihre Investitionen in vier bis fünf Jahren wieder erwirtschaftet zu haben. Aber die Konkurrenz ist groß: Seit einigen Jahren erlebt Lettland einen regelrechten Regenwurm-Boom, der nicht nur Großinvestoren anzieht. Auch Arbeitslose und Rentner steigen bei der Zucht ein und produzieren Biohumus. Einige von Ihnen werden auch von der EU gefördert, wie Irena Tereskovica. Die Rentnerin bekommt umgerechnet 1.000 Euro pro Jahr von der EU, aus einem Topf zur Förderung von Semi-Subsistenz-Betrieben. Irena Tereskovica war früher Buchhalterin, jetzt ist sie Spezialistin für die Regenwurmzucht. Sie führt uns durch ihren rund 30 Quadratmeter großen, abgedunkelten Keller. Tausende von Regenwürmern schlängeln sich in großen Plastikkästen. Die Temperatur muss immer zwischen 22 und 27 Grad warm sein, erläutert Irena Tereskovica, sonst werden die Würmer ganz faul und träge.

Wir mähen einfach das Gras in unserem Garten. Damit füttern wir unsere Würmchen. Und das ist alles, was wir machen müssen. Je weniger wir sie stören, desto besser. Es gefällt ihn nicht, wenn wir sie zu oft bewegen oder ihre Ruhe stören.

Ihr Mann zeigt stolz den schwarzen Mercedes im Hof. Das schöne Auto konnte sich das Ehepaar nur durch den Verdienst aus der Biohumusproduktion leisten. Auch viele Urlaubsreisen haben die Regenwürmer ihnen schon finanziert, sagt Ivars Tereskovics.

Unsere Renten sind niedrig. Zusammen haben wir beide nur rund 400 Lats pro Monat. Das sind umgerechnet 500 Euro. Zum Leben reicht das kaum. Aber durch die Würmer und den Biohumus haben wir jetzt ein bedeutendes zusätzliches Einkommen.

Die Würmer fressen alles was organisch ist. Haushaltsmüll, Gartenabfälle, Essensreste, Kaffeesatz, Gras. Sogar Papier, sagt Irena.

Alte Bücher – Stalins Schriften. Langweilige Bücher über Kommunismus aus der Sowjet-Zeit – die werden sehr gerne gegessen. Nur müssen wir das Papier vorher ein bisschen zerquetschen. Außerdem darf man die Ernährung der Würmer nur allmählich umstellen.