Kein Krieg, keine Katastrophe – vom Wandel in Lettlands Fischerdörfern

Fischer in Bercziems beim Reusensetzen

 

Als Lettland den Beitrittsvertrag zur EU unterschrieb, ahnten die lettischen Fischer noch nicht, was der Vertrag für sie bedeuten würde. Der Vertrag sah vor, die lettische Fischfangflotte nicht zu vergrößern. Gleichzeitig wurden den Schiffsbesitzern Entschädigungen weit über dem Marktwert angeboten, wenn sie ihre Schiffe verschrotten. Viele von ihnen sahen nur das schnelle Geld und bedachten nicht die Folgen. Denn wer die Entschädigung kassierte, musste unterschreiben, mit dem Geld kein neues Fischerboot zu kaufen. Für die Mehrheit der lettischen Fischerdörfer bedeutete die Verschrottung Arbeitslosigkeit, Verfall, Abwanderung. Und so kam es, dass die Fischer, die durch die Verschrottungen arbeitslos wurden, den Beitritt zur EU als Katastrophe empfanden. Erst langsam, sehr langsam, setzt nun ein Wandel in den Dörfern ein. Immer mehr frühere Fischer entdecken in ihren historischen Fischerdörfern den Tourismus als zweites Standbein. Und so kommt es, dass so mancher Küstenbewohner, heute vom EU-Beitritt nicht mehr als  einer Katastrophe spricht, sondern von einem Neuanfang – einem Neuanfang,  der nun endlich auch in Lettlands Fischerdörfern anzukommen scheint. Mirko Schwanitz und Toms Ancitis berichten.

Iveta Celkarte, versteckt ihre blonden Haare unter einem Kopftuch. Der Knotenzipfel flattern wie ein aufgeregtes buntes Vögelchen. Iveta zeigt auf eine schilfumstandene Bucht.

 

Dort, wo man das Schilf sieht, befand sich früher der Fischer-Hafen von Bercziems. 40 große Fischkutter lagen dort einmal. Und auf jedem haben vier Männer gearbeitet.

Das kleine lettische Fischerdorf Bercziems mit seinen 160 Einwohnern duckt sich in die Dünen der lettischen Ostseeküste. Dahinter ein windzerzaustes Kiefernwäldchen. Mit Iveta gehen wir zu einem der größten Gebäude im Ort. Es ist lang, schmal und aus verwittertem Holz.

Hier wurden einst unsere Fische verpackt. Das war die Arbeit von und Fischerfrauen. An langen, niedrigen Tische sortierten wir, was in den Netzen war: Hering, Flunder, Lachs, Neunauge, Aale, Butt. Alles, was ihr euch nur vorstellen könnt.

Heute arbeitet hier niemand mehr. So wie Bercziems geht es fast allen Fischerdörfern an den 500 Kilometer langen Gestaden Lettlands. Denn: seit dem EU-Beitrittsvertrag hat sich die Zahl von Lettlands Fischfangschiffen von 250 auf 50 verringert. In Bercziems hat einzig Ivetas Mann das Fischen noch nicht aufgegeben. Oskar Celkarts ist ein Seebär, groß und kräftig, mit weiß-schwarzem Hemd bekleidet, zieht er sein Boot an den Strand. Der Fang ist dürftig und Oskar sauer.

Das ist doch nicht normal. Selbst, wenn dieses alte Ruderboot kaputt geht, darf ich es nicht ersetzen, weil unsere Holzruderboote im EU-Vertrag auch zur Fangflotte gezählt wurden … Das ist einfach nur blöde.

Immerhin, die lettischen Fischer erhielten für ihre alten Schiffe eine Entschädigung weit über dem Marktwert. Geld, das nun in den Wandel in Lettlands Fischerdörfern fließt. Auch Iveta und Oskar waren gezwungen, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Sie waren die ersten in Bercziems die ihr altes Fischerhaus erfolgreich in ein kleines uriges Privathotel verwandelt haben. Bemalte Schränke, uralte Tische, durchs geöffnete Fenster strömt der Duft von geräuchertem Butt. An der Wand Bilder. Szenen einer 100 Jahre alten Familientradition, die nun zu Ende geht. Auch Anatolijs Molokanov hat den Neuanfang gewagt.

Als ich meinen Fischkutter verschrotten ließ, habe ich mir mit der Entschädigungssumme weder ein Auto noch ein Haus gekauft. Ich habe es bis zum letzten Cent in den Bau eines Segelschiffes investiert.

Anatolijs neuer Stolz leuchtet in gelb-grün-roten Farben und liegt unweit der Mündung des Flusses Lielupe. Es  sei eine Kopie des 400 Jahre alten Seglers des einstigen Herzogs von Kurland. Allerdings mit einem Komfort , von dem der nur träumen konnte. Fünf Doppelkabinen mit Dusche, sogar eine Sauna habe es. Damit, fügt Anatolijs augenzwinkernd hinzu, würde er nun ziemlich erfolgreich Touristen aus Russland und Europa fischen.

Das ganze Eisen für den Ballast des Schiffes stammt von zehn verschrotteten lettischen Fischkuttern. Acht Tonnen Erinnerung an die einstige lettische Fischereiflotte fahren immer mit mir, im Kiel meines Segelschiffes.

Auch wenn er mit seinem Segler glücklicher sei als früher. Auf seinen alten Beruf kann und wolle er dann doch nicht  verzichten. Im Winter, wenn die Touristen ausbleiben, fährt er wieder hinaus aufs Meer. Mit einem Freund, der einen der letzten verbliebenen Fischkutter Lettlands besitzt.

Produziert für NDR 1 Ostseemagazin.