Georgi Gospodinov: Geschichten erzählen in Zeiten der Krise

Der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov ist einer der wichtigsten Schriftsteller seines Landes. Immer wieder nimmt er nicht nur in Bulgarien Stellung zu aktuellen politischen Ereignissen. Gospodinov gehört auch zu jenen Schriftstellern, die vehement die These vertreten, dass Literatur gerade in jenen Zeiten eine wichtige Funktion habe, in der die Stimmen der Vernunft kaum zu hören sind. Und so irritiert ihn angesichts der aktuellen Ereignisse, wie viele Schriftsteller in Europa angesichts des Umgangs mit den syrischen Flüchtlingen noch schweigen würden. Weiterlesen

Elias Canetti und seine Geburtsstadt Russe

Das bulgarische Russe heute

Als vor 20 Jahren der Literaturnobelpeisträger Elias Canetti in Zürch verstarb, hinterließ er ein umfangreiches Werk. Obwohl er über 32 Bücher schrieb, darunter das wohl berühmteste „Masse und Macht“ war es doch seine dreibändige Biografie, die den größten Erfolg bei den Lesern hatte und in der er sich als begnadeter Beobachter, feinsinniger, zuweilen aber auch als etwas eitler Erzähler zeigte. Gleich im ersten Band mit dem Titel „Die gerettete Zunge“ stellte er ein kleines Städtchen in die Weltliteratur, von dem ohne ihn vielleicht bis heute niemand Notiz nehmen würde – seine Geburtstadt Rustschuk, die heutige bulgarische Grenzstadt Russe. 1891 hatte es den jüdisch-sephardischen Großvater Canettis aus dem damaligen Odrin, dem heutigen Edirne nach Rustschuk verschlagen, nach dem die Juden von den Türken dort zu Unrecht der Entführung eines behinderten türkischen Jungen bezichtigt wurden. Rustschuk war mit seinen damals 20 000 Einwohnern, die größte Stadt Bulgariens. Heute hat sie 150 000 Einwohner. Wie diese Stadt mit der Erinnerung an ihren bedeutendsten Sohn umgeht, das wollte Mirko Schwanitz wissen und hat sich aufgemacht nach Russe…. Weiterlesen

Alek Popov: Schneeweißchen und Partisanenrot

Schneeweißchen und PartisanenrotDer bulgarische Autor Alek Popov, geboren 1966, ist ein großer Spötter vor dem Herrn – und ein lesenswerter Autor. Für seine Grotesken in Prosa erhielt er bereits zahlreiche Preise. Bisher stammte der Stoff seiner Satiren meist aus der Welt des Westens. Bei ihm landen die Enten aus dem Londoner Hyde-Park schon mal in der bulgarischen Botschaft – tiefgefroren in der Kühltruhe. Ein anderes Mal ersteht der Vater zweier bulgarischer Brüder aus der eigenen Asche wieder auf, ein Arbeitsuchender stolpert über eine Stellenanzeige in der ein Job als Scharfrichter angeboten wird. Wo bei anderen der Spaß aufhört, beginnt bei Popov der Irrwitz. In seinem neuesten Buch „Schneeweißchen und Partisanenrot“ wendet sich Popov der eigenen Heimat zu und knöpft sich den Heldenmythos von den Partisanen vor, die in den bulgarischen Bergen gegen die Faschisten kämpften. Erneut erweist er sich als begnadeter Satiriker, Meister des Slapsticks und gnadenlosen Humors. Mirko Schwanitz hat das Buch gelesen und den Autor in seiner Heimatstadt Sofia getroffen. Weiterlesen

Georgi Gospodinov: Physik der Schwermut

Physik der SchwermutIm Februar ist der zweite Roman des bulgarischen Autors Georgi Gospodinov erschienen. Schon mit seinem ersten Buch, das er den „Natürlichen Roman“ nannte erregte der im bulgarischen Yambol geborene Autor Aufsehen. Dieses Buch, in dem er die Welt mit dem „kaleidoskopartigen Blick eines Fliegenauges“ betrachtete wurde inzwischen in 13 Sprachen übersetzt. In seinem neuen Werk, dem er dem Titel „Physik der Schwermut“ gab, perfektioniert Gospodinov seine Technik des Fragmentierens, die ihn in der gegenwärtigen Literatur einzigartig macht. Die Zerlegung der Welt scheint dem Autor offenbar die einzige Möglichkeit, die zerrinnende Zeit festzuhalten. Und selbst, wenn er am Ende erkennen muss, dass dies eine vergebliche Aufgabe ist – Gospodinov stellt sich ihr in seinem Roman von Seite zu Seite immer wieder auf’s neue. Mirko Schwanitz hat den Roman gelesen und mit dem Autor gesprochen. Weiterlesen