Auf den Spuren der Georgiendeutschen

Die evangelisch-lutherische Gemeinde in Georgien

Einst lebten 45 000 Deutsche im Kaukasus. Im 19. Jahrhundert aus Baden-Württemberg eingewandert, ließen sich die meisten von ihnen im heutigen Georgien nieder und nahmen ihren christlichen Glauben mit. So kommt es, das man noch heute auf alten Landkarten der Region plötzlich auf Ortsnamen wie Katharinenfeld, Elisabethal oder Alexanderdorf stößt. Die Deutschen brachten neues Know how in der Landwirtschaft mit, auch im Weinbau, bauten Fabriken auf. Unter den Kommunisten wurde das Leben für die Deutschen schwieriger, vor allem das der Kirchengemeinden. 1945 ließ Stalin fast alle Deutschen deportieren. Seit der politischen Wende kümmert sich die evangelisch-lutherische Kirche nun um die wenigen verbliebenen Deutschen, die die Deportationen überlebten und deren Nachfahren, baute eine neue kleine Gemeinde auf und leistet – unter vielen Schwierigkeiten – eine rege Sozialarbeit. Edita Badasayan und Mirko Schwanitz berichten.

Die Graneli-Kucha-Straße in der Tifliser Neustadt. Ein Mann öffnet ein quietschendes Tor, hinter dem die imposante Silhouette der Versöhnungskirche aufragt. Er setzt sich auf eine der Bänke und schaut auf die Uhr. Noch zehn Minuten bis zum Gottesdienst.

Ich fühlte mich Deutsch und werde mich immer so zu Deutschen zählen. Wir erhalten zu Hause Traditionen wie alle Deutsche halten: Weihnachten, Osterfest. Wir haben auch  große deutsche Bibliothek. Und Essen machen wir auch nach Deutsche Rezept.

 

Alexander Feldmeier ist einer der letzten Georgien-Deutschen. Fast 40 000 Deutsche, die meisten aus Baden-Württemberg,  gründeten im 19. Jahrhundert im Kaukasus blühende Gemeinwesen mit Namen wie Katharinenfeld oder Elisabethal, bevor die Mehrheit von Stalin während des Zweiten Weltkrieges in die Kasachische Steppe deportiert wurde. Nach und nach kommen die  Gemeindemitglieder zum dreisprachigen Gottesdienst. Hans Joachim Kiderlen ist seit vier Jahren Bischof der Kirche

Ich will nicht das Gefühl, Deutsch zu sein von den Leuten nehmen. Aber von außen zu sehen, ist die deutsche Identität in unsere Kirche nicht mehr sehr stark ausgeprägt. Die ganz alte Leute die sprechen noch richtig gut Deutsch. Aber das sind zwei bis drei Prozent von unseren Mitgliedern. Deswegen wir betrachten uns nicht als deutsche Kirche. Wir betrachten uns als Evangelisch-Lutherische Kirche in Georgien.

Gleich neben der Kirche hat die Gemeinde das Johann-Bernhard-Saltet-Haus errichtet, in dem sie eine Sozialstation und ein kleines Altenheim betreibt. Ein Segen für die fast 100 Jahre alte Elsa Gilbert, die hier aufmerksame Fürsorge erfährt. Dass sie heute hier sitzen und in diesem lichtdurchfluteten Zimmer Tee trinken könne, sagt die einst in Katharinenfeld geborene alte Dame mit Humor, habe sie eigentlich ihrer Faulheit zu verdanken.

Alles wurde nach dem deutschen Brauch gemacht in Katharinenfeld. Wissen Sie, ich muss sagen, so ein Fleiß  habe ich nirgends mehr gesehen. Die Frauen standen um 6 Uhr auf, die Kühe muss gemolken werden, die Hühner müssen gefüttert werden, das Frühstück musste gekocht werden. Und noch ins Garten arbeiten. Die waren so tüchtig, diese Damen. Ich habe deshalb keinen Deutschen geheiratet, ich konnte nicht so viel arbeiten.

Nur Dank der Heirat mit einem Georgier entging sie den stalinschen Deportationen in die kasachische Wüste, die das deutsche Leben in Georgien völlig auslöschen sollten. Ein Stockwerk tiefer beobachtet Christiane Hummel, zuständig für die Diakonie, den wachsenden  Andrang in der Sozialküche. Für fünf Lari, umgerechnet etwa 2,30 Euro bekommen bedürftige Menschen hier an sechs Tagen in der Woche Essen und medizinische Hilfe.

In diese Armen-Küche kommen bedürftige Mitglieder unsere Kirche. Meistens sind das die Rentner, die sehr wenig Geld für Leben bekommen. Leider hilft uns weder die Stadt Tbilissi, noch die Regierung von Georgien. Ohne Hilfe aus Deutschland konnten wir einpacken.

Laura Popova sieht man an, wie ihr die Erbsensuppe, die Bratkartoffeln und der Salat schmecken. Für die 70jährige sind aber nicht nur das Essen und die Medikamente wichtig, die sie hier Dank deutscher Hilfe erhält.

Wir bekommen hier nicht nur Brot, hier können wir uns unterhalten, bekommen Unterstützung und ärztliche Betreuung und Arzneimittel. Ich bin sehr zufrieden und sehr dankbar!

Was er sich für die Zukunft seiner Gemeinde wünsche, fragen wir Bischof Kiderlen am Ende unseres Besuchs

Es wäre gut, dass unsere Gemeinde selbständiger wäre finanziell. Ich denke mir, das ist schon ein wichtiger Punkt. Ewig wird es nicht so sein, dass 90 Prozent der Mittel aus  deutschen Spenden erbracht werden. Irgendwann wird die Frage sich stellen: was könnt ihr selbst tun, damit es diese Kirche weiter hin gibt.