Einfach Genial – das Marschrutka

Wer einmal in Asien, Afrika oder Osteuropa unterwegs war, der hat sie schon einmal gesehen – die überall den Verkehr dominierenden Kleinbusse. Anders als in westlichen Ländern, in denen meist große Busse den Verkehr dominieren, sind es in den meisten Ländern der Welt Kleinbusse, die den öffentlichen Personenverkehr sichern – in vielen Ländern Osteuropas werden sie liebevoll „Marschrutkas“ genannt. Auch wenn für Uneingeweihte deren System manchmal schwer durchschaubar ist, für unsere Autorin Mila Corlateanu ist es des flexibelste Verkehrssystem der Welt – und für die ewig klammen Haushaltskassen des Staates noch dazu das billigste.Ohne die wendigen kleinen Büsslein wäre für Mila Corlateanu das Leben einfach nicht vorstellbar. Deshalb meint sie, sei es einmal Zeit für eine Hommage an Osteuropas wichtigstes Verkehrsmittel – das „Marschrutka“

Die kleinen Busse sind ein Mysterium. Manche haben Nummern. Manche ein Schild. Manche haben weder Nummer noch Schild. Fahrpläne gibt‘s nur im Internet und im Marschrutka selbst. Haltestellenschilder: Fehlanzeige. Aber  egal – ohne Marschrutka liefe nichts zwischen Wladiwostok und St. Petersburg, zwischen Tiflis und Chisinau.

Hier, in der Hauptstadt der Republik Moldau, steige ich jeden Morgen in einen dieser Kleinbusse – die wie Ameisen aus einem Bau ausschwirren. Ihre Rostspuren, Beulen oder verblasste fremdsprachige Inschriften erzählen davon, dass sie bereits in anderen Ländern ein bewegtes Busleben hinter sich haben. Doch egal wie alt sie auch sind, sie bringen mich sicher zum Einkauf, zur Arbeit, ins Krankenhaus, oder  zur Oma …

Dank der Marschrutkas, deren Routen quasi wie von selbst und nach Bedarf entstehen, ist unser Verkehrssystem wahrscheinlich das flexibelste der Welt – und das kostengünstigste dazu. Denn es kostet den Staat – fast – nichts.

 

 

Wer eine Linie aufmachen will erzählt mir dieser Fahrer, kauft einen in Europa längst ausgemusterten Bus, geht zum Amt, beantragt eine Lizenz, zahlt eine Gebühr und manchmal auch ein wenig mehr

Und schon ist wieder ein Dorf angeschlossen an die weite Welt. Deswegen ist das „Marschrutka“ für uns einfach unverzichtbar.

Und das nicht nur für den Verkehr! Auch für die Demokratie. Hier findet ein Großteil der öffentlichen Meinungsbildung statt, lernt man – selbst wenn „das Boot“ längst voll ist – Fremde gern aufzunehmen. Auch wenn einer mal unverschämt um einen

Fensterplatz streitet wie diese Frau eben.  So sitze ich bereits am Morgen statt mit maximal erlaubten fünfzehn gleich mit 24 Menschen in meinem Marschrutka. Blumiges Parfüm mischt sich mit einer leichten Schweißnote. So lernt man sich riechen und schnell weiß ich, was für meine Mitfahrer heute Morgen die wichtigsten Themen sind.

Wohin sind 900 Millionen Euro aus drei unserer Banken verschwunden?, fragt eine Studentin und hebt den Blick von ihrem Smartphone. Vielleicht sind damit Wähler bei der letzten Wahl bestochen worden?, erwidert eine Frau im geblümten Sommerkleid. Ein Mann, dem das Hemd aus der Hose hängt, behauptet, alle Rentner hätten von dem Geld ein Paket Brei bekommen. Dass müsse aber ein teurer Brei gewesen sein, erwidert ein Bauer , der mit seinen Tomaten auf den Markt fährt. Ich finde Parlamentarier sollten viel öfter Marschrutka fahren.  Dann wüssten sie nicht nur, was ihre Wähler beschäftigt, und so mancher hätte auch weniger Gewichtsprobleme.

Das Marschrutka ist nämlich auch ein rollendes Fitness-Studio. Die Fahrer sind Geschwindigkeitsjunkies. Daher gilt: Gut festhalten und seine Muskeln anspannen: bei waghalsigen Überholmanövern oder beim abrupten Umfahren von Schlaglöchern. Je länger man fährt, umso mehr Muskelmasse baut man auf. Ich jedenfalls bin stolze Besitzerin des sogenannten Marschrutka-Sixpacks.

Einen Kopfhörer brauche ich in unseren rollenden Fitness-Studios nicht. Der Fahrer ist gleichzeitig DJ. Ob die Musik allen gefällt, ist ihm egal. Er entscheidet: aber nicht nur über die Musik. Sondern auch darüber, ob ich mein Restgeld zurückbekomme. Oder ob plötzlich die Route geändert wird. Am Handschuhfach haben die meisten Fahrer Mini-Ikonen befestigt, kleine Heiligenbildchen –heute sehe ich da ein Abbild des Heiligen Michael und der Jungfrau Maria. Egal ob das Marschrutka stottert oder stöhnt, quietscht oder qualmt, dank seiner Ikonen seien wir alle versichert, erzählt der Fahrer im Brustton der Überzeugung.

Er fahre seit 20 Jahren und hätte noch nie einen Unfall gehabt. Natürlich, der technische Zustand des Autos sollte schon in Ordnung sein. Aber Mädchen, sagt er, mach dir keine Sorgen, dank meiner Ikonen kommst du immer gesund ans Ziel.

Bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen  von umgerechnet 220 Euro können sich nur wenige in meinem Land ein Auto leisten. Was uns bleibt, ist das Marschrutka. Das Marschrutka hält uns fit, macht uns mobil, ist unsere tägliche Übung in Toleranz und Demokratie.  Und der Preis für so viel Dienstleistung? Ist eher symbolisch! Ganze 20 Cent für die Fahrt in der Stadt und maximal fünf Euro für eine Strecke von 200 Kilometern. Für mich und Millionen andere ist das  Marschrutka deshalb: Einfach unersetzlich!

 

Produziert für DRadio Wissen.