Wider die Lüge – Gedanken zum Tagebuch der Polina Scherebzowa

Cover Polinas TagebuchIn der deutschen Debatte über die Krise in der Ukraine wütete lange vor allem eines – das Vergessen. Schon im Wort „Krise“ macht das Vergessen es sich gemütlich wie in einem bequemen Sessel. Der politische Mainstream wollte lange nicht wahrhaben, dass diese „Krise“ ein „Krieg“ war. Dieses Nicht-Wahrhaben-Wollen machte es möglich, dass die Lüge sich aus dem bequemen Sessel erheben und als Infektionsherd in Filzpantoffeln durchs Land latschen konnte. Sie schaute in Abgeordneten-Büros und an Stammtischen vorbei, bei Zeitungen und Fernsehsendern.

Am Ende war nicht nur ein Großteil der deutschen Linken überzeugt, dass in Kiew tatsächlich die Gefahr eines faschistischen Putsches bestehe, dass das Parlament die russische Sprache tatsächlich verboten habe, dass der gewählte Präsident Janukowytsch hätte fliehen müssen, weil er sonst gelyncht worden wäre. Viele Deutsche glauben das noch immer. Irgendwann muss die Lüge auch bei ihnen vorbeigekommen sein. Und sie muss Deutsch gesprochen haben, denn die Mehrheit der Infizierten spricht kein Russisch.

Was das alles mit dem Vergessen zu tun hat? Das Vergessen schafft jene gesellschaftliche Betriebstemperatur, die eine Lüge braucht, um sich auszubreiten. Tausende als Nachrichten verkaufte Gerüchte wirken in einer zunehmend als Durchlauferhitzer arbeitenden Medienlandschaft wie zu lange, zu oft verabreichte Antibiotika. Als Nachrichten verkaufte Unwahrheiten sind eine der Ursachen, dass Lügen multiresistent werden können. Sie widersetzen sich im Hirn jeglicher Aufklärung. Und am Ende lautet die Diagnose: historische Demenz. Ein Teil der Bevölkerung wird immun gegen die Wahrheit. Das gilt generell, nicht nur für Russland.

Daran muss ich denken in diesen Tagen, da ich „Polinas Tagebuch“von Polina Scherebzowa lese. Es sind die Aufzeichnungen eines Mädchens, das in Grosny während der Tschetschenien-Kriege heranwächst. „Polinas Tagebuch“ könnte die Welt erschüttern, wie es einst das Tagebuch der Anne Frank getan hat, schrieb ein Kollege. Zuerst einmal erschüttert es mich.

„Wir waren im Zentrum, auf dem Platz viele Leute. Da waren Großväter mit Bärten. Sie liefen im Kreis. Lenin stand vorher in Gummistiefeln da. Das Denkmal. Sie haben es runtergeworfen. Warum schreien die Menschen? Worum bitten sie? Mama hat gesagt: Das ist eine Demonstration.“ Nur wenige Monate später wird geschossen. Bomber kreisen über Grosny. Die Stadt wird zum Trümmerhaufen, das Mädchen wird die Ratten füttern, damit nicht sie von den Nagern angefressen wird. Sie wird sich monatelang nur von geschmolzenem Schnee und Zwiebeln ernähren. Die Zähne werden ihr ausfallen, 1998 wird sie hören, wie in der Wohnung über ihr jemand gefoltert wird und niemand greift ein. 1999 wird eine russische Streubombe ihr auf dem Markt in Grosny das Bein zerfetzen. 2002 wird sie schreiben, dieser Krieg habe ihre Kindheit massakriert. Und über alle Jahre hinweg wird sie beschreiben, wie der Hass die Menschen um sie herum entstellt bis sie irgendwann konstatiert: „Ich bin absolut und vollständig allein.“

 

Vielleicht hat diese furchtbare Einsamkeit das Mädchen davor beschützt, das Hassen zu erlernen. Es war schlicht niemand da, der es ihr beibrachte. Und so berichtet sie mit unbestechlichem Blick aus dem Herzen der Finsternis. Mit Journalisten hatte der russische Machtapparat gerechnet.  Anna Politkowskaja wurde umgebracht. Dass in den Trümmern ein Kind zum unkorrumpierbaren Chronisten von Kriegsverbrechen wird, konnte der Apparat nicht ahnen. Und erst recht konnte er nicht ahnen, dass „Polinas Tagebuch“ geeignet sein würde, die im Tschetschenienkrieg erstmals praktisch erprobte neue russische Staatsdoktrin zu erhellen.  Hier wurde zum ersten Mal getestet, ob es gelingen kann, den Unterschied zwischen „wahr“ und „falsch“ so lange zu verwischen, bis keiner mehr daran glaubt, dass es wirklich eine Wahrheit geben kann. Eine Doktrin, die Bernd Ullrich in der Wochenzeitung „Die Zeit“ als Para-Pluralismus bezeichnet. Die Bomber ohne Hoheitsabzeichen über Grosny waren die Vorboten der „grüne Männchen“ auf der Krim und der „Soldaten auf Urlaub“ in der Ost-Ukraine. Der Tschetschenienkrieg erscheint plötzlich als Laborversuch für all das was wir heute erleben.

 

Vielleicht ist es das, was Polina Scherebzowas Tagebuch so gefährlich macht, dass sie sich heute in Finnland verstecken muss – sie beweist, dass es doch eine reine, eine unverstellte Wahrheit gibt. Eine Wahrheit, die alle Lügen entlarvt.

Produziert für BR 2 Politik & Jazz.