Vermittler zwischen Demonstranten und Milizen

Im Porträt: Pfarrer Ralf Haska

Die Kirchen waren seit Beginn der Proteste in der Ukraine Schutzraum und Orte des Friedens. Hunderte flüchteten sich hinter die Kirchenmauern, als die Milizen versuchten, den Unabhängigkeitsplatz mit Gewalt zu räumen. Mutige Geistliche stellten sich zwischen Protestierende und Sondereinheiten der Polizei, um ein Blutbad zu verhindern. Einer von Ihnen ist Ralf Haska, ein Pfarrer aus Brandenburg, der in Kiew seine wirkliche Berufung gefunden zu haben scheint. Ivan Gayvanovic und Mirko Schwanitz mit einem Porträt.

Ich habe meinen Talar übergezogen und bin einfach zwischen die Reihen gestürmt als die Räumung des Lagers hier durch die Miliz stattfand, wo einfach in dem Moment klar war, hier braucht es nur eine falsche Bewegung von irgendeiner Seite, dann kommt es zu einem Blutbad.

Ruhig, fast emotionslos erzählt Pfarrer Ralf Haska von den Ereignissen, als die Sondereinheiten der ukrainischen Miliz gegen die Protestierenden auf dem Maidan vorgingen. Ralf Haska ist Pfarrer der deutsch-evangelischen St. Katharina-Gemeinde in Kiew. Viele Tage stand seine Kirche fast im Brennpunkt des Geschehens. Denn die Kirche St. Katharina liegt genau zwischen dem Sitz des Präsidenten und dem Unabhängigkeitsplatz. Dass er einmal so etwas wie ein Revolutionspfarrer werden würde, hätte er sich früher nie vorstellen können. Ralf Haska wurde in Brandenburg geboren. In der ehemaligen DDR wurde er zwar getauft, seine Eltern waren aber nicht besonders christlich eingestellt. Als Kind hatte er deshalb mit Kirche wenig zu tun.

Und dann kam der Konfirmationstermin heran und eines Tages stand unserer Pfarrer Hennig vor der Tür und sagte: Deine Eltern haben dich taufen lassen, wie sieht es aus mit Konfirmations-Unterricht? Ich hatte überhaupt keine Lust. Er reagierte ganz freundlich und meinte dann: Nu ja, probier es doch einfach mal. Ich bin vorbeigegangen und wie sagt man so schön: Ich bin „hängen geblieben“. Es war toll.

… und so entschloss er sich, Theologie zu studieren. Nachdem er jahrelang erst als Pfarrer in Brandenburg diente, ging er im Jahr 2009 nach Kiew. Dort ist die größte deutsch-lutherische Gemeinde der Ukraine mit rund 300 Mitgliedern. Für Ralf Haska war sein Leben in der Ukraine von Anfang an ein Abenteuer. Als in Kiew die Proteste aufflammten, stand Ralf Haska dann wirklich mitten im Zentrum eines Abenteuers, das er sich nie hätte träumen lassen. Als Pfarrer öffnete er die Kirchentüren gleichermaßen für Protestierende wie für Milizionäre.

Das einzige, was wir machen konnten – also dass man ihnen etwas Warmes zu Trinken anbietet in dieser Kälte, die draußen herrscht, dass man ihnen die Möglichkeit gibt ihr Handy aufzuladen, Informationen auszutauschen. Ganz wichtig ist, dass das ukrainische Volk ein sehr religiöses Volk ist– es wird gesagt, dass 85% der Leute sich für religiös halten. Sie sind Christenmenschen.

Auch wenn das Wort Gottes oft im Tumult unterging. Pfarrer wie Ralf Haska haben auf dem Maidan wesentlich dazu beigetragen, dass die Proteste weitgehend friedlich blieben, dass sich die Menschen mehr auf das Gemeinsame als auf das Trennende besannen.

Das wurde mir immer gesagt, dass hier in Kiew eine Grenze verläuft zwischen Ost und West. Dass man im Osten eher in Richtung Russland denkt, im Westen eher Richtung Europa. Das, was ich jetzt sehe auf dem Maidan – die kommen hierher aus Osten und aus Westen, aus Norden und aus dem Süden. Und wenn ich mir Antimaidan angucke, was die Regierung auf die Beine gestellt hat, da waren ja bezahlte Leute und gezwungene Leute, die da kamen… Ich habe den Eindruck, dass der Protest gegen Korruption und für Rechtsstaatlichkeit mittlerweile das Land ein Stück vereint.

Die Proteste haben auch die Gläubigen und Kirchen näher zusammen gebracht. Unabhängig von der Konfession.

Wir haben natürlich unser kirchliches Netzwerk und unsere kirchlichen Kontakte. Dann kann man auch mal aufrufen zu einem ökumenischen Friedensgebet. Wir hatten neben unserer Gemeinde auch Gläubige aus anderen Kirchen und anderen Konfessionen mit dabei. 

Warum er sich als deutscher Pfarrer so für die Zukunft der Ukraine engagiert? Die Antwort auf solche Fragen steht für Ralf Haska in der Bibel:

Es gibt in Matthäus-Evangelium 25 das Wort, das Jesus sagt: Ich war hungrig, und habt mir zu essen gegeben, ich hatte Durst, ihr habt mir zu trinken gegeben, ich war nackt, ihr habt mich gekleidet.  Und ich bin dankbar, dass unsere Kirchengemeinde diesen Ruf gespürt hat, Jesus aufzunehmen.  

Produziert für WDR 5 Diesseits von Eden.