Ukraine: Mutter, Barbie, Kämpferin

Das neue Selbstbewusstsein ukrainischer Frauen

Bei den bevorstehenden Wahlen in der Ukraine plädiert mit Präsident Poroschenko zum ersten Mal ein ukrainisches Staatoberhaupt für die Einführung einer Frauenquote. Und befördert damit indirekt eine in der Ukraine derzeit heftig geführte Debatte: Die Rolle der Frauen bei der Revolution des Euromaidan. Jutta Schwengsbier berichtet.

Immer mehr Frauen wehren sich gegen das von den Medien gezeichnete Bild des Anteils, den die ukrainischen Frauen am sogenannten Euromaidan haben. Frauen sind dieser Berichterstattung zufolge vor allem „Beiwerk“ – kommen oft nur als Helferinnen oder bangende Mütter vor.

Der Euromaidan wurde hauptsächlich als militärischer Konflikt junger Männer dargestellt. Frauen wurden nur als Helferinnen porträtiert, als jemand, der in der Küche arbeitet, oder als die Schönheit, die unterhält und den Maidan dekoriert.

 

Damit bedienten die Medien vor allem gängige Gendermodelle der Ukraine, urteilt Tamara Zlobodina. Die Philosophin und Kulturtheoretikerin hat den Wandel des Frauenbildes seit der politischen Wende Anfang der 1990er Jahre analysiert. Arbeitende Frauen wie zu Sowjetzeiten kamen in der öffentlichen Darstellung der Ukraine nach der Wende kaum noch vor. Statt dessen wird entweder eine traditionalistische Mütter

Die Kreation des neuen ukrainischen Nationalismus heißt Bohéme: Es ist ein Gendermodell, in dem Frauen als Mütter der Nation dargestellt werden. Oder Frauen sind Hüterin der Tradition, der Familiengesundheit. Der Kern dieses Gendermodells ist die reproduktive Fähigkeit von Frauen für den Ehemann und die Nation. Ein zweites Modell ist eine lokale Variante des Kapitalismus, in dem Frauen wie Barbie-Puppen dargestellt werden. Es repräsentiert eine glamouröse Frau, die sehr schick und schön ist, die in ihren Körper und ihre Schönheit investiert. Sie kann von Männern konsumiert werden als Sexualobjekt.

Alles, was diesem Frauenbild nicht entsprach, wurde auch bei der Berichterstattung über den Euromaidan schlicht nicht erwähnt, sagt die Soziologin Tamara Martsenyuk.

Frauen wollten auf dem Euromaidan nicht nur als Helferinnen porträtiert werden, die die Revolution unterstützten. Es gab weibliche Hundertschaften. Der Maidan war ein paramilitärischer Raum, mit einigen militärischen Einheiten, die nur aus Männern bestanden. Frauen haben alternative Geschwader geschaffen. Sie haben nicht nur wie die Männer Barrikaden bewacht, sondern anderen Frauen auch Selbstverteidigung beigebracht.

Mehr noch: Frauen organisierten nicht selten die gesamte medizinische Versorgung, große Teile der Logistik und waren oft an Maßnahmen beteiligt, die in vielen Städten zur Deeskalation der Ereignisse beitrugen.

Bei der Orangenen Revolution hatte sich die Zivilgesellschaft durchgesetzt, sich dann aber zurückgezogen und sich auf die Politik verlassen. Das ging schief. Sie müssen das weiter kontrollieren. Heute läuft viel mehr in den lokalen Gemeinden. Viele Frauen engagieren sich weiter. Auf facebook gibt es heute die Proteststimmen der Frauen des Maidan mit Diskussionen oder gegen sexistische Bemerkungen der Protestierenden.

Solche selbst organisierten Prozesse der Zivilgesellschaft, die oft von Frauen getragen werden, kommen in den Medien meist nur als Randnotiz vor. Deshalb hätten viele eine völlig falsche Vorstellung, nicht nur von der Rolle von Frauen bei der Revolution, sondern generell vom ganzen politischen Prozess in der Ukraine. Für Tamara Zlobodina hat der Euromaidan jetzt schon viel tiefgreifendere Veränderungen bewirkt als die Orangene Revolution im Jahr 2004.

Wenn sie die oberflächliche sexistische Medienberichterstattung ansehen und die Betonung auf rechte Tendenzen, würden sie einen Rechtsruck der Regierung auch in Genderfragen erwarten. Tatsächlich hat sich Präsident Poroschenko nach seiner Wahl als ziemlich liberal gezeigt und die Idee einer Genderquote unterstützt. Er möchte mehr Frauen beteiligen an Machtpositionen.

Bei den Parlamentswahlen konkurrieren deshalb viel mehr Frauen um Machtpositionen als zuvor. Und sie setzen sich nicht nur optisch deutlich ab von dem traditionalistischen Frauenbild, das etwa die ehemalige Ministerpräsidentin Julia Timoschenko verkörpert, sagt Tamara Zlobodina.

Julia Timoschenko war die erste Premierministerin der Ukraine und damals sehr einflussreich. Sie hat sich ganz bewusst für das Image der nationalistischen Bohéme entschieden. Als sie ihre Karriere begann, hatte sie dunkle Haare und das Image einer Geschäftsfrau. Das war nicht erfolgreich. Einige Jahre später hat sie ihre Haare blond gefärbt und diesen inzwischen berühmten Haarkranz benutzt. Sie trägt oft Kleidung im ethnischen Stil der Bohéme. Gleichzeitig liebt sie teure Designerkleidung von Luis Vuitton und tauchte als Premierministerin auf dem Cover des Magazins Elle auf.

Heute sind in den Medien Frauen in Kampfmontur auf beiden Seiten der Auseinandersetzungen in der Ostukraine zu sehen. Oder als Frontfrau von neuen politischen Bewegungen. Ob das neue Selbstbewusstsein der ukrainischen Frauen und die Frauenquote tatsächlich reichen werden, um politische Veränderungen zu bewirken, sei aber nur schwer abzuschätzen, sagt die Frauenrechtlerin Tamara Martsenyuk. Denn bislang wurde die Politik der Ukraine nicht an den Wahlurnen entschieden, sondern vor allem hinter den Kulissen.

Die ukrainische Politik wird von Unternehmern und Oligarchen dominiert. Es ist schwer die Eliten auszutauschen. Aber generell sind Frauen selbstbewusster und auch öffentlich sichtbarer geworden.

 

Produziert für rbb kulturradio Zeitpunkte.