Tschernobyl: Schwarzes Leben – die vergessenen Liquidatoren

Als am 26. April 1986 der Reaktor des Kernkraftwerks Tschernobyl explodierte, spürte ganz Europa die Folgen. Vor allem betroffen: die Retter und Helfer der ersten Stunden. Bis zu ihrem Zerfall schickte die Sowjetunion mehr als 600 000 Menschen aus allen Sowjetrepubliken in die Unglückszone. Viele von ihnen starben. Die, die überlebten, leben heute in den Folgestaaten des einstigen Riesenreichs. Anders als die Helfer in Russland erhalten sie keinerlei Unterstützung. Ein Bericht von Simion Ciochina und Jutta Schwengsbier.

Fast jede Nacht hat Alexandru Motîngă den gleichen Alptraum. Alarmsirenen. Das Alarmsignal war drei Wochen lang für ihn Beginn eines erschöpfenden Arbeitstages. Der 58 Jährige war einer der Liquidatoren, die das Atomkraftwerk Tschernobyl nach der Reaktorkatastrophe reinigen sollten.

Wir sind mitten in der 30 Kilometer großen Sicherheitszone um den Reaktor eingesetzt worden. Erst als wir dort waren, haben sie uns gesagt, dass wir den atomaren Müll nach der Explosion aufräumen müssen. Jeden Tag, um fünf Morgens, mussten wir mit dem Auto hinfahren. Die Fahrzeuge waren alle verseucht.

An den Folgen leidet Alexandru Motîngă heute noch. Der Moldauer wurde wie 600000 andere Helfer der ersten Stunden aus allen Sowjetrepubliken in die Unglückszone geschickt. Wie die meisten anderen wußte der ehemalige Bauarbeiter nicht, was ihn erwarten würde.

Am Kernkraftwerk stiegen wir auf eine Plattform und maßen die Strahlung. Jeder durfte nur eine Minute dort sein, so verseucht war alles. 24 Mal bin ich zum Reaktor geschickt worden und arbeitete dort jeweils alleine für eine Minute. Diese Minute dauerte für mich eine Ewigkeit. Wir alle haben waren einer großen Strahlendosis ausgesetzt.  Offiziell sollte niemand mehr als 0,5 Röntgen pro Stunde abbekommen. Aber wir wussten, dass es mindestens drei Röntgen waren. Wir mussten uns nur ins Gesicht sehen. Alle hatten rote, geschwollene Augen. Viele bekamen Krämpfe. Täglich mussten rund 22.000 Menschen auf dem Reaktor arbeiten.

 

Die Internationale Atomenergie-Organisation geht von 56 direkten Todesfällen aus. Die Langzeitfolgen sind aber bedeutend höher. Mehr als 9.000 Menschen sind in der Folge an verschiedenen Krebsarten gestorben. Alexandru Motîngă hat seit Jahren starke Schmerzen. Der 58 Jährige verträgt kein helles Licht und muss Medikamente nehmen, deren Preise seine karge Rente bei weitem übersteigen. Als Tschernobyl-Invalide erhält er weniger Rente als andere.

Alles, was ich da sah, war schrecklich. Der Wald in der Nähe des Reaktors war rot gefärbt. Die Dörfer waren verlassen. Kein Mensch war mehr da. Nur Militärposten standen überall. Nicht einmal Hunde oder andere Tiere habe ich noch gesehen.

Als Aleksandru Motîngă nach seinem Tschernobyl Einsatz wieder nach Hause kam, merkte er nicht gleich was ihn erwarten würde. Er war noch jung, damals, und stark. Er konnte noch 7 Jahre als Bauarbeiter weiter arbeiten. Doch dann fingen die Langzeitfolgen an.

Ich verlor das Gedächtnis. Jahr für Jahr ein bisschen mehr. Erst dann sagten sie uns, dass wir alle mit Strontium verseucht worden waren. Wir haben unsere Gesundheit verloren. Sogar mein Kind. Meine zweite Tochter wurde  nach meinem Einsatz in Tschernobyl geboren. Ab 9 Jahren bis sie 20 Jahre alt war, musste sie sechs mal operiert werden.

Das Atomkraftwerk Tschernobyl war damals eines der Größten auf der Welt. Es gehörte zum strategischen Militärprogramm der sowjetischen Armee. Doch die Technik des Reaktors war völlig veraltet. Der Unfall war eigentlich nur eine Frage der Zeit. 10% der ehemaligen Liquidatoren sind schon gestorben. 65% sind Invaliden. Die meisten von Ihnen wurden einfach vergessen, sagt Tudor Căpăţînă. Der Präsident der Opferorganisation mit dem Titel „Tschernobyl“, wurde selbst auch als Helfer nach der Reaktorkatastrophe eingesetzt.

Ohne uns wäre eine Region bis zu 500 km um das Atomkraftwerk vollständig verbrannt. Es gab zwei thermische Explosionen. Wir Liquidatoren haben geholfen, um Tausende andere Leben zu retten. Sonst hätte es eine dritten thermonukleare Explosion gegeben.

Gewürdigt wurde ihr Opfer bislang nicht. Von Renten wie in Russland, können die vergessenen Liquidatoren aus den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken nur träumen. Sie erhalten keinerlei medizinische Betreuung und werden seit nunmehr 25 Jahren mit den Folgen allein gelassen.

Produziert für WDR 5 Osteuropamagazin.