Tickende Zeitbomben

Die Flüchtlinge im Kaukasus

Noch vor der Auflösung der Sowjetunion hatte sich Südossetien zur unabhängigen Republik erklärt. Diese Unabhängigkeit wurde von Georgien nie akzeptiert. Die Region sei und bleibe georgisches Staatsgebiet. Zwei mal, 1990 und im Jahr 2008, versuchte Georgien dann Südossetien militärisch zu besetzen. Beide male verhinderten russische Truppen die gewaltsame Wiedereingliederung. Viele der Georgier, die 2008 aus Südossetien vertrieben wurden, leben bis heute in Lagern. Eines der größten ist Cerovani. Edita Badasyan und Jutta Schwengsbier haben mit Flüchtlingen über Ihr Leben dort gesprochen.

Das Flüchtlingslager Cerovani wirkt bunt und friedlich. Über Hänge verstreut liegen grün- und rosafarbene Häuschen. Je nachdem aus welchem Ort in Südossetien die Familien kommen, haben die Häuschen eine andere Farbe. In den rosa Häuschen leben die Flüchtlinge aus dem Dorf Akhalgori. Grün ist der Bezirk für Flüchtlinge aus den Orten Tamarasheni und Tskhinvali. In einem der rund 2000 Bungalows leben  auch Zurab Bekalazde, sein Bruder und sein  alter Vater. Gleich am Tag nach dem Kriegsausbruch in Südossetien musste die ganze Familie fliehen. Der 52jährige arbeitet als Lektor im theologischen Seminar in Tiflis.

Ich erinnere mich noch genau, was damals passierte. Wir waren an dem Konflikt nicht beteiligt. Als russisches Militär und Panzer kamen, mussten wir nach Tiflis fliehen. 

 

Bei ihrem Einmarsch zerstörte die russische Armee in Südossetien  mehrere von Georgiern bewohnte Dörfer. 23000 Georgier sind vor vier Jahren vertrieben worden. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bezeichnete diese Militäroperationen später als ethnische Säuberungen. Zurab Bekaladze und seine Familie hatten Pech. Die Strasse vor seinem Haus war die informelle Grenze zwischen der georgischen und der ossetischen Seite.

Auf unserer Strasse stand ein georgisches Haus neben einem ossetischen Haus. Alle lebten friedlich nebeneinander. Ich habe selbst nie eine Waffe in die Hand genommen. Ich habe die ganze Zeit nur gebetet. Ich weiss, mein Haus steht noch. Dort wohnen heute unsere früheren Nachbarn die Osseten sind.

Alle Georgier aus Zurabs Dorf müssen heute in Cerovani leben. Er sitzt oft bei den Männern und spielt mit ihnen Domino. Die Steine klappern.

Wir sind alle arbeitslos. Vom Staat bekommen wir nur 25 Lari monatlich, das sind 11 Euro.  Was sollen wir damit tun? Den Sommer sitzen wir die ganze Zeit hier draussen. Früher, in Tskhinvali,  hatten wir Arbeit. Als Flüchtlingen haben wir nichts mehr. 

In den vergangenen vier Jahren wurden in Cerovani neben den kleine Bungalows auch eine Schule und Geschäfte gebaut. Sogar eine Arzt- Praxis gibt es. Viele Wege gleichen aber noch Trampelpfaden. Nur einige zentrale Strassen sind asphaltiert. Die meisten leben im Provisorium. Marina Kuduhova war Leiterin einer Musik Schule in Akhalgori. Ihre Mann war Bauer. Jetzt sind beide arbeitslos. Zuhause in Südossetien hatte das Ehepaar ein großes Haus. In Cerovani muss sich ihre Familie mit 6 Personen zwei Zimmer teilen. Die 48jährige zeigt mit leerem, stumpfen Blick auf schwarze Schimmelflecken an der Decke, den Wänden und am Fußboden ihres Schlafzimmers.

Jeden Winter läuft Wasser ins Haus. Die Decke und die Wände sind nicht richtig gebaut worden. Es gibt zwar Gas und Strom. Aber was nützt das, wenn wir nicht dafür zahlen können. Ich habe in den vergangen vier Jahren keine einzige Arbeit gefunden. Wenn ich meinen ossetischen Familienname sage wars das. Und in Südossetien können wir nicht bleiben, weil mein Mann Georgier ist. Wir haben alles verloren. Die Russen werden uns niemals in unsere Heimat zurückkehren lassen. Letztes Jahr sind meine Eltern gestorben. Ich durfte nicht einmal zur Beerdigung fahren. 

Für Ältere gebe es überhaupt keine Hoffnung, sagt Marina Kuduhova und fängt dabei an zu weinen. Oft wagen nur die Jüngeren den Schritt in eine neue Zukunft. Viele wandern aus. Sie vermisse ihre Kinder zwar sehr, erzählt Nino Saakaschwili. Ohne die Hilfe ihrer Kinder könnte sie nicht überleben.

Meine Tochter arbeitet in Griechenland als Altenpflegerin. Sie musste fünftausend Dollar Schulden machen, um dorthin fahren zu können. Jetzt hilft sie uns und schickt jeden Monat ein bisschen Geld.

Die Regierung in Georgien tue viel zu wenig, um die Flüchtlinge zu unterstützen, schimpft Zurab Bendianishvili. Der Direktor der Nichtregierungsorganisation Koalition für Flüchtlingsrechte kommt regelmäßig nach Cerovani und schaut sich um. Die Stimmung hier sei regelrecht explosiv.

Die Regierung hat nichts getan, um diese Flüchtlinge zu integrieren oder ihnen eine Perspektive zu bieten. Es wurden nur diese Bungalows gebaut. Das reicht nicht. Die Flüchtlinge versuchen natürlich selbst, ihr Leben zu verbessern. Das bedeutet konkret: Sie wollen illegal in die EU ausreisen. Es gibt in Cerovani eigentlich nur zwei Kategorien. Einige Flüchtlinge haben noch kein Geld, um ausreisen zu können. Die anderen sind schon ausgereist.

Cerovani sei inzwischen wie eine tickende Zeitbombe, fürchtet Bendianishvili. Die illegale Ausreise in die EU sei dabei nur das kleinere Problem. Hinter vorgehaltener Hand sprechen dann einige noch eine andere Vermutung aus: Solange Cerovani existiere, demonstriere Georgien seine Gebietsansprüche auf Südossetien. Das Flüchtlingslager sei wie ein Brandherd, der lange im verborgenen schwele. Sobald sich die Windrichtung drehe, könnten die Flammen sofort wieder hoch emporlodern. Auch wenn Zurab Bekaladze und viele heute nicht glauben, jemals zurückkehren zu können. Insgeheim hoffen sie das schon. Ohne große Veränderungen in der Politik wird es keine Lösung geben. Unser Präsident Saakaschwili kann nichts machen. Der Schlüssel für diesen Konflikt liegt im Kreml. Das wissen alle. Da sage ich nichts Neues.

Produziert für Deutschlandradio Wissen.