Kroatien: Mühsal der Toleranz – Vukovar , 25 Jahre Jahre nach der totalen Zerstörung

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Vier Städte stehen geradezu symbolisch für das Grauen der jugoslawischen Zerfallskriege: Sarajevo, Srebrenica, Mostar und Vukovar. Vor genau 25 Jahren, am 18. November 1991 wurde Vukovar, einst eine der schönsten Barockstädte an der Donau, nach monatelanger Belagerung, Opfer der Jugoslawischen Volksarmee. Vukovar gilt bis heute als einzige Stadt in Europa, die nach dem Zweiten Weltkrieg in einer kriegerischen Auseinandersetzung komplett zerbombt wurde. Die auf die Eroberung  folgenden Massaker an kroatischen Zivilisten waren das erst große Kriegsverbrechen im Jugoslawienkrieg.
Heute sollen wieder 27 000 Menschen in der Stadt leben. Kroaten vor allem. Aber auch 30 Prozent Serben. Doch das einst so multikulturelle, kosmopolitische Bürgertum, das die Stadt über Jahrhunderte prägte, gibt es nicht mehr.

Wie also leben die Menschen in dieser Stadt heute zusammen? Kann man in einer Stadt überhaupt zusammenleben, in der es nach Ethnien getrennte Kindergärten und Schulklassen gibt? In der es auf den Boulevards Cafes gibt, in denen entweder nur Serben oder nur Kroaten verkehren?

Bojana Radetic und Mirko Schwanitz haben Vukovar besucht:

Aus einem Lautsprecher im Keller des Spitals in Vukovar, dringt eine historische Radioreportage. Jeder  kroatische Jugendliche  muss einmal in seiner Schulzeit das kleine Museum besuchen, das hier unten an das erste grosse Kriegsverbrechen des Jugoslawienkrieges erinnert.
In der Ausbildung hatten wir nichts über Kriegschirurgie gelernt Wir konnten uns das Grauen nicht vorstellen, das uns erwartete. Hier musste ich zum ersten Mal sehen, wie es aussieht, wenn Kugeln im Körper eines Menschen explodieren. Von so etwas hatten wir keine Ahnung


Lena Vrtaric war damals Krankenschwester. Als die Stadt nach 85 tägigem Bombardement fiel wurden 300 ihrer Patienten von serbischen Soldaten getötet und Vukovar war ein Trümmerfeld. Wie zusammenleben mit einer solchen Erinnerung? Einer Erinnerung, die bis heute die Bevölkerungsgruppen in der Stadt spaltet?
Wir Serben sind skeptisch, ob man der jungen Generation Geschichte wie in diesem Museum vermitteln sollte. Die Darstellung der Ereignisse ist für die Kinder derart schockierend, dass viele weinend heraus kommen Ich fürchte, dass diese Besuche nur dazu dienen, den Hass gegen die Serben zu schüren.

… meint das serbische Gemeinderatsmitglied Srdan Milakovic. Bis heute werden in Vukovar kroatische und serbische Schüler in getrennten Klassen unterrichtet, gibt es immer noch Cafes, in die nur Kroaten und andere, in die nur Serben gehen. Aber es gibt auch Menschen wie Ivanka Milicic im Theater des Kroatischen Kulturhauses. Seit Jahren müht sie sich, ihr Theater für alle Nationalitäten in der Stadt zu öffnen.
Wir sind sehr stolz auf unsere kleines Theaterstudio „Martin“. Hier treten sowohl Berufs- als auch Amateurschauspieler auf. Das Theaterstudio steht allen offen. Nicht nur Kroaten, sondern auch Serben und allen anderen in unserer Stadt lebenden Minderheiten:   Ungarn, Ukrainer, Russinen… Jeden Monat gibt es hier mindestens zwei Aufführungen für Erwachsene und eine für Kinder.
Zaghaft, sehr zaghaft nur erholt sich die Kulturszene der Stadt, für deren multikulturelle Wurzeln die Bomben von damals noch immer wie hartnäckiges Gift wirken. Das zumindest meint Biljana Gaca. Die Kroatin ist Vukovars jüngstes Gemeinderatsmitglied und sitzt heute fast demonstrativ in einem sonst nur von Serben besuchten Cafe.

Ich finde Politik super, weil man dadurch etwas verändern kann. Und ich will etwas verändern. Ich will, dass das Leben in dieser Stadt besser wird. Ich will nicht, dass wir nur eine „Stadt der Helden“ oder eine „Stadt der Opfer“ sind. Bis heute kommen viele Besucher nur wegen des 18. Novembers in die Stadt.
Es wird Zeit, dass Vukovar auf der Kulturlandkarte Kroatiens nicht mehr nur die Funktion einer Erinnerungsstätte an den Krieg zukommt, meint Nikola Ćurčić. Er ist Songtexter der bekanntesten Punkrock- Band der Stadt, Borovsko Stakori. Die Bandmitglieder organisierten bereits diverse underground-Festivals und Bandcamps für junge Songwriter. Auch wir gingen in getrennte Klassen, sagt Kazimir Garvanovic. Aber in unserer Band ist es ganz selbstverständlich, dass Serben und Kroaten gemeinsam Musik machen. Es tut sich was in Vukovar.

Ich wünsche mir, dass in der Stadt mehr Jobs geschaffen würden und dass die Menschen glücklich sind. Die Stadt hat eine besondere Energie, ich fühle mich echt wohl hier. Nur wenn es diesen Nationalismus nicht gäbe. Musik ist für mich Therapie, Musik verbindet uns.

Porduziert für SRF 2 Kultur.