Krim-Konflikt: „Nicht die Russen, wir werden bedroht“

Über die Situation der Krim-Tataren

Khan-Palast auf der Krim

Auf der Krim überschlagen sich die Ereignisse. Die illegale Regierung des selbsternannten Krim-Präsidenten Sergej Aksjonow will die aufgeheizte Situation nutzen und sich den bereits beschlossenen Anschluss an der Krim an Russland durch ein Referendum am 15. März bestätigen lassen. Die OSZE-Beobachter mussten gestern auch beim zweiten Versuch, auf die Halbinsel zu gelangen unverrichteter Dinge wieder umkehren, weil sie von Bewaffneten an der Weiterreise gehindert wurden. Währenddessen hoffen die 2,5 Millionen Krimtataren, die etwa 12 Prozent der Krim-Bevölkerung stellen, weiterhin auf internationalen Schutz.

Bisher haben die Tataren, die erst seit Beginn der neunziger Jahre aus der stalinistischen Verbannung auf die Krim zurückkehren durften, besonnen und ruhig reagiert – selbst offizielle Vertreter gaben keinerlei Erklärungen ab, um nicht weiteres Öl ins Feuer zu gießen. Mirko Schwanitz ist es jetzt als erstem Journalisten gelungen, ein Interview mit dem außenpolitischen Sprecher des Parlaments der Krimtataren zu führen.

In den Siedlungen der knapp 300 000 Krim-Tataren herrscht gespannte Ruhe. Abends patroullieren unbewaffnete Männer durch die Straßen, um Provokateure fernzuhalten. Die Krim-Tataren haben Angst, weniger vor den russischen Soldaten, als vielmehr vor anderen Einheiten, die nicht unter der Kontrolle der russischen Regierung stehen, erklärt der außenpolitische Sprecher der Krim-Tataren, Ali Khamzin:

Die größte Gefahr kommt derzeit von den Kosaken. Wir wissen nicht wer sie geschickt hat, aber inzwischen sind hunderte Kosaken auf der Krim aufgetaucht. Diese Kosakeneinheiten sind berüchtigt für Grausamkeiten und Plünderungen während des Krieges in Georgien – sie stammen aus dem russischen Gebiet Krasnodar.

 

Doch nicht nur die paramilitärischen Einheiten der Kosaken, die überall dort auftauchen, wo sie das Russentum in Gefahr sehen, beunruhigt die Krim-Tataren. Ali Khamsin bestätigt Gerüchte, wonach Häuser von Krimtataren mit Kreuzen gekennzeichnet worden sein sollen – wie einst Häuser von Juden vor den ersten Pogromen in Nazideutschland.

In Bachtschissaraj, der Stadt in der ich lebe, wurden allein in meiner Straße mehrere Häuser mit Kreuzen markiert. 24:36 Als meine Tochter am Abend nach Hause kam, fand sie auf den Stufen vor unserer Eingangstür einen Ziegelstein und darunter eine zerquetschte Puppe. Das war ein klares Zeichen.

Bisher haben die politischen Vertreter der Krimtataren, die 300 000 Tataren auf der Krim zu Ruhe aufgerufen. Wie die Krimtataren sich jedoch verhalten werden, sollte das geplante Referendum auf der Halbinsel, über eine Abspaltung der Krim, durchgeführt werden, ist offen. Die mit Waffengewalt installierte Krim-Regierung von Sergej Aksojonov, die dieses ungesetzliche Referendum durchsetzen will, sei keine legitime Vertretung der Bevölkerung der Krim, so Ali Khamsin.

Was wir über Aksjonovs Biografie wissen, ist, dass er während des Zerfalls der Sowjetunion ein Bandit war, hinterhältig und schlau. Sein Spitzname war „Gobelin“. Er behauptet, die Russen würden angegriffen. Dabei bestätigt selbst der russische Generalkonsul auf der Krim, Swetlitschni, das ihm bisher kein einziger Fall bekannt sei, in dem Russen auf der Krim angegriffen worden seien. Im Gegenteil: Es war Sergej Aksjonow, der 2012 mit einer Bande von 200 Helfern krimtatarische Häuser angriff und zerstörte.

Mehr noch – auch Gebetshäuser der muslimischen Tataren wurden in Brand gesetzt und in der Vergangenheit mehrere tatarische Friedhöfe geschändet. Von den Krimtataren gestellt und der Justiz übergeben, wurden die Täter wenig später freigelassen, die Verfahren eingestellt. Ebenso verfährt man mit Tätern, die krimtatarische Jugendliche angreifen.

Das sind die Bedingungen, unter denen wir hier leben. Die Türkei schweigt dazu. Deutschland schweigt dazu. Die Europäische Union unternimmt nichts. Warum unterstützt das Parlament der Krimtataren trotzdem den Kurs der Ukraine in die EU? Weil dort die Menschenrechte geachtet werden und die Rechte der Nationalen Minderheiten. Und weil wir hoffen, das diese Werte eine Garantie für den Fortbestand unseres Volkes sind.

Der außenpolitische Sprecher des Parlaments der Krimtataren ist verzweifelt. Und er warnt die EU: würde die Krim einfach Russland überlassen, dann könnten danach schon bald andere Regionen oder Länder an der Reihe sein.

Produziert für SRF 4 Echo der Zeit.