Montenegro: Poetiker der Apokalypse

Der montenegrinische Autor Nikolaidis und die Pressefreiheit

Andrej Nikolaidis

Die Journalisten in Montenegro reiben sich zurzeit verdutzt die Augen angesichts der ungeheuren Solidaritätswelle, mit der sich die französische Öffentlichkeit schützend vor die Pressefreiheit stellt. Die Beileidsadresse, die Montenegros Premier Milo Djukanovic den Franzosen schickte empfinden sie wie eine Verhöhnung der Opfer. Denn in seinem eigenen Land bezeichnet er Journalisten schon mal als Agenten oder Medienmafia. In Djukanovics kleinen Adriastaat gehören Morde, Prügelattacken, Brandanschläge gegen Redaktionsgebäude zum Lebensalltag von Journalisten – ohne dass dies bisher in Europa auf ähnlich große Empörung gestoßen wäre, wie jetzt die Morde in Frankreich.

Andrej Nikolaidis, Montenegros bedeutendster Gegenwartsautor, dessen Roman „Die Ankunft“ erst vor kurzem in deutscher Übersetzung erschien, ist beeindruckt von der Reaktion der Franzosen und hofft, das die europäische Öffentlichkeit in Zukunft generell sensibilisiertert ist, wenn, egal in welchem Land, die Pressefreiheit durch Gewaltakte bedroht wird. Mirko Schwanitz hat Andrej Nikolaidis getroffen.

Der Mann mit dem Vollbart und den funkelnden Augen hinter den Brillengläsern wird die Bilder nie vergessen können. Nicht die Fotos des ermordeten Chefredakteurs, nicht das zertrümmerte Gesicht der Journalistenkollegin. Der Mann stammt nicht aus Frankreich, sondern aus einem Land, in dem niemand auf den Straßen protestiert, wenn Journalisten angegriffen und umgebracht werden. Andrej Nikolaidis, Journalist und Schriftsteller, stammt aus Montenegro

Die Gewalt gegen Journalisten in Montenegro kommt nicht von Islamisten wie jetzt in Frankreich. Sie kommt von Tycoons, die sich während der Umbrüche der neunziger Jahre maßlos bereichert haben. Die Gewalt geht von Menschen aus, die glauben, sich außerhalb des Rechtssystems bewegen zu können. Einige von uns wurden umgebracht, andere zusammengeschlagen. Als Journalist kann dir in Montenegro alles passieren.

 

Kam für viele Franzosen der islamistische Terroranschlag auf die Kollegen der Satirezeitschrift „Charlie Ebdo“ völlig überraschend, arbeiten Journalisten und Autoren in Montenegro bereits seit Jahren unter Lebensgefahr, wenn sie gegen Korruption, Vetternwirtschaft oder Nationalismus anschreiben. Wir hier hatten noch nie das Gefühl wirklicher Sicherheit, sagt Andrej Nikolaidis.

Mein Auto wurde mehrfach demoliert. Ich bekomme Drohanrufe. Ich bekam auch Briefe mit Morddrohungen. Damit gehe ich schon gar nicht mehr zur Polizei. Politiker, die ich als Nationalisten entlarvt habe, versuchten mich ins Gefängnis zu bringen.

Andrej Nikolaidis ist, wie viele seiner Kollegen, Journalist und Schriftsteller zugleich. Vor kurzem ist sein Roman „Die Ankunft“ in deutscher Übersetzung erschienen. Das Material, das er in diesem Roman nicht unterbringen konnte, veröffentlichte er in seiner Heimat in einem glänzenden Essayband mit dem Titel „Die Poetik der Apokalypse“. Auf die Frage, warum er sich nicht ganz dem Schreiben widme und trotz der damit verbundenen Gefahren immer wieder als Journalist arbeite, sagt er.

In Montenegro lesen immer noch mehr Leute eine Zeitung als ein Buch. Außerdem kann man mit Zeitungsartikeln mehr Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen nehmen als mit einem Buch. In jedem Fall kannst du erwarten, dass du dafür mehr Ärger bekommst.

Hinzukomme, dass ein Autor in einem Land, in dem es für knapp 650 000 Einwohner kaum mehr als zehn Buchhandlungen gebe, vom Schreiben nicht leben könne. Nikolaidis war Kellner, schuftete auf dem Bau, bevor er sich kurze Zeit auch politisch engagierte.

Andrej Nikoalidis Die AnkunftVor einigen Jahren war ich als Berater im Parlament tätig. Es sollte ein Gesetz verabschiedet werden, nach dem jeder, der sich von einem Artikel beleidigt fühlt, das Recht hat, den Journalisten des Artikels ins Gefängnis zu bringen. Ich konnte durchsetzen, dass diese Passage gestrichen wurde. Am Ende hatten wir tatsächlich ein Gesetz, das Journalisten besser schützt. Ein Gesetz allein aber nützt nichts. Es muss auch umgesetzt werden.

Doch während in Frankreich 90 000 Beamte die Mörder der Journalisten von „Charlie Ebdo“ jagten und am Ende stellten, ist in Montenegro der Mord am Chefredakteur der Zeitung „Dan“ seit Jahren unaufgeklärt. Andrej Nikolaidis aber will sich nicht einschüchtern lassen. Denn in einer immer engeren Verquickung von Politik und Medien sieht er eine neue Gefahr für die Pressefreiheit in seinem Land.

Ich bin in meinen Artikeln immer provokativer als in meiner Literatur. Wenn ich mich in Zeitungen zu Wort melde versuche ich immer die Redefreiheit zu verteidigen und das tue ich dann dort wirklich sehr intensiv.

Produziert für Deutschlandfunk Kultur heute.