Mehr Kartell als Wettbewerb: Wie zeitgemäß ist der deutsche Wohlfahrtsstaat ?

Seit Jahrzehnten dominieren nur wenige Wohlfahrtsorganisationen den Markt der Sozialdienstleistungen in Deutschland. Doch obwohl das Sozialbudget der Bundesrepublik Deutschland inzwischen 770 Milliarden Euro pro Jahr übersteigt, fehlt oft das Geld, um innovative neue Sozialkonzepte zu finanzieren. Viele junge Start-ups im Sozialbereich wollen sich nicht mehr auf den Staat oder die Wohlfahrt verlassen, um soziale und ökologische Probleme zu lösen. Künftig sollen am Gemeinwohl orientierte Unternehmen soziale Probleme mit unternehmerischen Mitteln lösen helfen. Inzwischen ist ein harter Kampf um staatliche Fördermittel zwischen den sozialen Start-ups und den etablierten Großbürokratien der Wohlfahrt entbrannt. Sind die Wohlfahrtsverbände noch Träger sozialer Veränderungen oder bremsen sie soziale Innovationen eher aus, fragt Jutta Schwengsbier.

Es war durchaus eine große große Umstellung jetzt ein Baby zu haben alles war irgendwie wirklich anders und schwieriger. Wenn man wie in unserer Situation keine Großeltern in der Nähe hat.

Wie Susanne Bormann und ihrem Mann ergeht es vielen jungen Eltern. Beide waren berufstätig. Wie vielen jungen Familien fehlt ihnen das soziale Netz, die Großmutter in der Nähe, die beim Babybetreuen einmal aushilft. Deshalb haben sie sich an das gemeinnützige Sozialunternehmen wellcome gewandt, das einen Leih-Oma Service für Neugeborene organisiert. Ausgedacht hat sich diese sogenannten frühkindlichen Hilfen Rose Volz-Schmidt.

 

Mein Arbeitgeber fand das am Anfang ganz toll, weil wir haben Preise bekommen. Mein höheres Ziel damals war, eine sogenannte Intrapreneurin zu sein. Das heißt, ich hatte so gedacht, soziale Innovation muss doch auch von Innen heraus möglich sein. Für mich selber war es kein Weg.

Rose Volz-Schmidt, damals Leiterin einer evangelischen Familienbildungsstätte in Hamburg, wollte ihren Leih-Oma Service bundesweit anbieten. In die weitere Verbreitung ihrer innovativen Idee wollte die Diakonie aber nichts investieren. Rose Volz-Schmidt entschied sich deshalb zu kündigen und ein eigenes Sozialunternehmen aufzubauen. Eigentlich sind auch die Wohlfahrtsorganisationen gefordert, neue soziale Dienstleistungen zu entwickeln. Die katholische Kirche hatte über ihre guten Kontakte zur Politik schon Anfang des 20. Jahrhunderts in die Sozialgesetze schreiben lassen, dass soziale Dienstleistungen in Deutschland nur von den große Wohlfahrtsverbände und Kirchen erbracht werden sollen. Der Staat zahlte. Die großen Wohlfahrtsverbände erhielten alle Kosten für ihre Leistungen erstattet. Als das Sozialbudget immer stärker anwuchs, versuchte die Bundesregierung in den 1990er Jahren mehr Wettbewerb zuzulassen, vor allem um Kosten zu sparen. Doch Wettbewerb und soziale Fürsorge lasse sich nicht vereinbaren, glaubt Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD.

Wo es nicht mehr darum geht, wie erbringt man die beste Leistung für Menschen, die zu pflegen sind, sondern wo es nur noch darum geht, wie macht man das am billigsten.

Doch statt selbst nach innovativen, kostensparenden Lösungen zu suchen, versuchen die großen Wohlfahrtsorganisationen die innovativere Konkurrenz zu behindern. Das bekommt auch Rose Volz-Schmidt zu spüren. Trotz seiner Innovationskraft und vielfacher Auszeichnungen erhält wellcome oft keine öffentlichen Fördermittel, weil die Platzhirsche hinter verschlossenen Türen ihre Pfründe gegen Newcomer verteidigen.

Im sozialen Bereich, wo es um Dienstleistungen geht, haben wir fast schon Kartell ähnliche Strukturen. Dass sozusagen die, die das Geld nehmen, also alle die in der Wohlfahrt tätig sind, gleichzeitig ganz stark die Gesetze mit beeinflussen, die bestimmen, wem Leistungen entgolten werden. Jugendhilfeausschüsse zum Beispiel ,wo Gelder lokal verteilt werden, sind häufig besetzt mehrheitlich von Trägern, die dann selber das Geld nehmen, was sie sich sozusagen grade bewilligt haben. Ich glaube, das gibt es so nur im Sozialbereich.

Nach 100 Jahren ist ein Wandel dieses Kartell-Systems dringend geboten. Nach Angaben von Ashoka, des weltweit größten Netzwerkes für Sozialunternehmen, nutzen mehr als die Hälfte seiner Mitglieder wie Rose Volz- Schmidt Doppelstrukturen, um mit Geschäftsgewinnen die eigenen gemeinnützigen Tätigkeiten mitfinanzieren zu können. Hier liegt die Zukunft auch für die soziale Grundversorgung in Deutschland.

Produziert für WDR 5 Politikum.