Lost Generation in Moldova

Wie Migrantenströme nach Westeuropa Kinder vereinsamen lassen

Heftig wird derzeit über die für 2014 geplante Freizügigkeit von Arbeitnehmern aus Bulgarien und Rumänien diskutiert. Populistische Stimmen werden laut, man sollte den Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt noch länger beschränken – doch ist das Problem klein, gemessen an dem, was sich noch weiter östlich von diesen beiden Ländern zusammenbraut. Millionen von Osteuropäern arbeiten schon seit Jahren illegal in den Ländern der EU. Menschen, die weder stehlen noch kriminell werden, die einfach nur arbeiten, unsichtbar als schlechtbezahlte Pflege- oder Reinigungskräfte oder Erdbeerpflücker… Sie waren gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, um ihre Familien zu ernähren. Der Zusammenbruch des Sozialismus, die Korruption und der Dilletantismus der politischen Eliten in einigen Ländern Osteuropas und die Gleichgültigkeit des Westens angesichts der sozialen Probleme, ließ ihnen keine andere Wahl. Das wirkliche Problem aber sind nicht sie. Das wirkliche Problem sind ihre Kinder, die in den Heimatländern seit Jahren eltern- und orientierungslos aufwachsen. Mirko Schwanitz und Simion Ciochina berichten.

Wir sind in der Schule Ialoveni, einer kleinen Stadt in Moldawien. Wie unter einem Brennglas zeigt sich in in diesem Klassenraum ein Problem, das nur wenige Politiker bisher wirklich ernst nehmen, meint Direktorin Valentina Secara:

(Direktorin:) So, nun heben diejenigen mal die Hände, deren Eltern im Ausland sind! (Kinder fragen:) Beide? (Direktorin:) Entweder Mama oder Papa oder beide. Aber behaltet die Hände oben, damit ich es sehen kann.

Loredanas, Christinas und Sandus Eltern sind in Russland. Dorins in Italien. Garis in Israel…. Es wird höchste Zeit, das die Politiker das Problem von Europas elternlosen Kindern erkennen, sagt Dr. Diana Keianu, Soziologin an der Universität Moldova.

14,5 Prozent aller Kinder in Moldawien wachsen ohne Mutter und Vater auf. Es gibt keine echte Kommunikation zwischen Eltern und Kindern und damit keine Erziehung, keine Wertevermittlung, keine Liebe, keine direkte Vernetzung.

 

Da die meisten Eltern illegal im Ausland arbeiten, ist eine Rückkehr zu den Kindern nicht oder nur sehr selten möglich. Und so wächst in Ost-Europa eine „lost generation” heran, die nur ein Ziel hat – ihr Land zu verlassen und den Eltern zu folgen. Hier, in der Schule von Ialoveni kann man den Keim neuer innereuropäischer Migrationsströme sprießen sehen.

Meine beiden Eltern arbeiten in Griechenland. Ich habe zwei ältere Schwestern und einen Bruder. Meine Eltern gingen vor 10 Jahren ins Ausland, als ich in die erste Klasse kam. … Jetzt möchte ich zu ihnen fahren und …mein Wunsch ist es, im Ausland zu bleiben.

Rodica gehört zu den 117 000 Kindern in Moldawien, die ohne Eltern aufwachsen. In Rumänien sind es schon 350 000, etwa eine Million sollen es in der Ukraine sein. Aber diese „lost generation”, die da auf der Suche nach einem besseren Leben ins Herz Europas drängt ist nicht gut ausgebildet, nicht motiviert und an monatliche Geldtransfers gewöhnt, sagt die seit 20 Jahren mit elternosen Kindern arbeitende moldawische Psychologin Zinaida Bolea

Schon bei Vorschulkindern beobachteten wir Depressionen, , psychosomatische Störungen. Die Teenager zeigen deutliche Verhaltensstörungen. Sie haben schlechtere schulische Leistungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch sind sehr verbreitet. Irgendwann werden sie ihren Eltern folgen und wir können dieses Phänomen können wir nicht aufhalten.

Es ist der Migrationsstrom einer traumatisierten und zu großen Teilen gleichgültigen Generation, auf den sich die EU da einstellen muss. Kinder, die zur Zeit der politischen Umbrüche in Osteuropa geboren wurden, sind inzwischen 23 Jahre alt. Es ist das Alter, in dem man sich auf den Weg macht. Wer ihnen keine Freizügkgeit gewährt, stärkt das Verbrechen, Schleuser- und Mädchenhändlerbanden. Europa muss die Arbeitsverhältnisse von Eltern legalisieren, die aus keinem anderen Grund ihr Land verlassen haben, als den, ihre Kinder zu ernähren und ihnen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Jede andere Politik ist der Idee eines vereinten Europas unwürdig und schafft neue, größere politische Probleme.

Produziert für WDR 5 Politikum.