Litauen: Vilnius glitzert

Wie die größte Baltenrepublik sich auf die Ratspräsidentschaft vorbereitet

Litauen ist ein modernes Land

Litauen ist ein modernes Land

Wenn Litauen am 1. Juli die EU-Ratspräsidentschaft turnusgemäß übernimmt, hat das Land mit dem EU-Neuling Kroatien eins gemeinsam. Beide Länder befanden sich bis vor etwas mehr als 20 Jahren hinter dem Eisernen Vorhang. Litauen war sogar eine Sowjetrepublik, die erst 1991 ihre Unabhängigkeit von Moskau erklärte und mit dem EU-Beitritt vor neun Jahren endgültig den nach Europa fand. Die ersten Jahre als EU-Mitglied galt die Baltenrepublik als das Armenhaus der Staatengemeinschaft und die Finanzkrise 2009 setzte dem kleinen Land besonders stark zu. Radikale Reformen brachten die junge Demokratie wieder auf Wachstumskurs. Heute blicken die Litauen optimistisch in die Zukunft und auf das kommende halbe Jahr. Markus Nowak berichtet aus Vilnius.

Die Reiseführerin Jolanta Kostygin führt polnischen Touristen durch die Altstadt von Vilnius. Auf dem Programm stehen das Tor der Morgenröte, ein Dutzend barocke Kirchen, und irgendwann auch der Präsidentenpalast. Die Residenz von Staatspräsidentin Dalia Grybauskaitė wird im nächsten halben Jahr EU-weit häufig im Fokus stehen: Litauen führt im 2. Halbjahr den EU-Rat an. Erwartungen, die auch Reiseführerin Jolanta hegt.

Ich habe mir das Programm der Präsidentschaft angeschaut: Über 3000 Veranstaltungen sollen in dem halben Jahr stattfinden. Das ist viel. Ich hoffe ja, es kommen mehr Touristen und werden Litauen als ein europäisches Land wahrnehmen.

 

Die 3 Millionen-Einwohner große Baltenrepublik ist im Zuge der EU-Osterweiterung 2004 der Europäischen Gemeinschaft beigetreten. Bis 1991 war Litauen eine Sowjetrepublik – es ist damit die erste EU-Ratspräsidentschaft eines postsowjetischen Staates. Ehre und Bürde zugleich, sagt der Parlamentarier Petras Austrevicius, der vor neun Jahren selbst die Beitrittsverhandlungen führte.

Als ein Staat mittlerer Größe sind wir ein Beispiel dafür, was ein Land leisten kann, wenn es sich auf den europäischen Weg begibt und Beispielen folgt, die andere Länder aufgezeigt haben. Wir sind proeuropäisch und wollen ein starkes Signal für andere Länder sein, die hoffen, sich Europa anschließen zu können.

Auf der Agenda des litauischen EU-Ratsvorsitzes stehen mitten in der Euro-Krise vor allem die Arbeit an der Europäischen Wirtschaftsregierung und der Abschluss des mehrjährigen Finanzrahmens 2014-2020. Doch Vilnius will auch eigene Schwerpunkte setzen, etwa in Sachen Östliche Partnerschaft. Eigennutz und eine gemeinsame Geschichte verbindet, sagt die Journalistin Palmira Krupenkaitė:

Litauen sieht sich als eine Art Brücke, wir glauben, wir kennen etwa Belarus oder die Ukraine besser, als es die Westeuropäer tun. Es sind ja unsere Nachbarn, mit denen wir ein gutes Verhältnis haben wollen. Zudem gibt es viele Geschäftsleute, die in diesen Ländern tätig sind.

Bei allen Erwartungen mischen sich auch Stimmen, die eine Realisierung der Pläne kritisch sehen. Nicht nur, weil das Land mit gerade drei Millionen Einwohnern und als Nicht-Euroland nur wenig Gewicht innerhalb der Staatengemeinschaft hat. Ramūnas Vilpišauskas, Politikprofessor an der Vilniuser Universität, bemerkt zudem ein falsches Verständnis der Rolle der Ratspräsidentschaft:

Manche unserer Politiker dachten, die EU-Ratspräsidentschaft sei eine Möglichkeit, die nationalen Bedürfnisse zu artikulieren. Im gewissen Sinne ist sie es auch, aber in einem eher geringen Maße. Mittlerweile wird das hier auch verstanden und man versteht auch, dass gerade ein gutes Moderieren, die eigenen Bedürfnisse unterstreichen kann und die eigene Stimme glaubhafter macht.

Als glaubhaft sieht sich Litauen etwa in Sachen Krisenbekämpfung. Die Baltenrepublik erwischte die Finanzkrise 2009 bitterkalt und ließ die Arbeitslosigkeit explodieren. Nur eine radikale Rosskur brachte das Land wieder auf Wachstumskurs. Für den Parlamentarier Petras Austrevicius ist sein Land daher ein Vorbild für andere EU-Krisenstaaten.

Wir haben eine bittere Pille schlucken müssen und wir taten es zur richtigen Zeit. Jetzt sind wir wieder da und in einer besseren Verfassung als vor der Krise. Das kann eine Lektion für alle Mitgliedstaaten sein. Wir können nicht einfach die Augen verschließen und an eine bessere Zukunft glauben, wir müssen an der Realisierung dieser Zukunft arbeiten.

Produziert für WDR 5 Osteuropa-Magazin.