LandZukunft: Ein Modellprojekt für ländliche Regionalentwicklung

Strandurlaub Dithmarschen

Vor allem ländlich geprägte Regionen müssen in den kommenden Jahren große soziale Veränderungen meistern. Die Jungen ziehen weg. Viele Branchen leiden in der Folge unter Fachkräftemangel. Zurück bleiben die Älteren. Das Bundeslandwirtschaftsministerium startete deshalb ein Modellprojekt mit dem Titel „Landzukunft“ zur regionalen ländlichen Entwicklung. Bewerben konnten sich 17 ländliche Randgebiete, die vom Thünen Institut vorab ausgewählt wurden. Neben Dithmarschen wurden dabei Birkenfeld, Holzminden und die Uckermark als Modellregionen gefördert. Das Ziel: Auch wenn die ausgewählten Regionen oft die gleichen Probleme haben, sollten sie doch regional spezifische Lösungen finden.

Jutta Schwengsbier hat sich die Ergebnisse des Modellvorhabens LandZukunft in Dithmarschen und der Uckermark angesehen.

Über dem Watt kreischen die Möwen. Hunderttausende andere Vögel machen hier Rast auf Ihrem Flug von Skandinavien nach Afrika. Der Nationalpark Wattenmeer an der Nordseeküste ist eines der vogelreichsten Gebiete Europas. Und eines der beliebtesten Urlaubsgebiete Deutschlands.

Auch am Sandstrand von Büsum tummeln sich jedes Jahr Tausende Besucher. Um durchs Watt zu wandern. Zum Fahrrad fahren über die Deiche. Oder um sich in den zahlreichen Restaurants und an den Fischbuden im Büsumer Hafen lokale Spezialitäten servieren zu lassen. Ein Hotel reiht sich hier ans andere.

Doch schon wenige Kilometer von der Büsumer Küste entfernt sind kaum noch Häuser zu sehen. Statt dessen ragen Windräder aus grünen Feldern. In der hügellosen, fruchtbaren Marschlandschaft sehen sie aus wie ein Wald aus geflügelten Stahltürmen, der sich bis zum Horizont hinzieht. Dazwischen grasen Schafe. Eine durchaus pittoreske Landschaft. Auf die Landstrassen, die zwischen den Dörfern im Kreis Dithmarscher hin und her mäandern, verirren sich aber nur selten Autos. Von den Touristenströmen, die die Küstenorte zur Hochsaison überfluten, ist im Hinterland nur wenig zu sehen.

 

Die Stadt Wesselburen, per Auto in nur einer Viertelstunde von Büsum aus zu erreichen, hat schon seit Jahren große Probleme. Vor dem schmucken, weiss gekalkten Rathaus laden runde Tische und Kaffeehaus Stühle zum verweilen ein. Der Ortskern rund um die Kirche ist verkehrsberuhigt. Informationstafeln zeigen die touristischen Highlights der Region. Doch trotz des einladenden Ambientes sind im Zentrum Wesselburens kaum Besucher zu sehen. Die Stadtverwaltung hat sich deshalb entschlossen, das Zentrum gemeinsam mit Ihren Bürgern umzugestalten.

Im Rathaus von Wesselburen hat Jörn Timm eine Expertengruppe aus Bürgern, Unternehmern und Verwaltungsfachleuten zusammengerufen, die die bevorstehende Umstrukturierung planen. Das Ziel: Wesselburen soll attraktiver werden für Touristen vor allem aber auch für seine eigenen Bewohner. Wie viele ländliche Regionen in Deutschland ist auch Dithmarschen vom demographischen Wandel stark betroffen. Als Verwaltungsleiter sowohl von Büsum als auch von Wesselburen muss sich Jörn Timm in den beiden Kommunen ganz unterschiedlichen Herausforderungen stellen. Während der Tourismus in Büsum boomt, nimmt die Bevölkerung im Umland drastisch ab.

Mittlerweile haben wir in der Stadt Wesselburen noch 3200 Einwohner. Die Stadt Wesselburen als ländlicher Zentralort übernimmt aber die Nahbereichsversorgung für das gesamte Umland. Mit ungefähr 7 bis 8000 Einwohnern. Das ist die Versorgungsfunktion, die die Stadt Wesselburen wahrzunehmen hat. Mit Infrastruktur über Supermärkte, Schwimmbäder, Bildungseinrichtungen.

Inzwischen fehlen in Dithmarschen in vielen Bereichen qualifizierte Fachkräfte. Nicht nur in der Windindustrie sondern auch im Tourismus. Ein Problem, mit dem viele ländliche Gebiete zu kämpfen haben. Auch in der Uckermark, einer anderen Modellregion des Projektes LandZukunft, haben in den letzten beiden Jahren 20.000 Menschen den Kreis verlassen. Bislang hat der Landkreis Uckermark schon 25 Prozent seiner Einwohner verloren. Bis 2030 werden nach Schätzungen nur noch unter 100.000 von derzeit 127.000 Menschen in der Region leben. Wie kann die Bevölkerung trotzdem weiter mit allem Notwendigen versorgt werden? Wie können neue Strukturen aufgebaut werden, die trotz sinkender Bevölkerungszahlen die Gesundheitsversorgung, Pflegedienstleistungen oder den öffentlichen Nahverkehr gewährleisten? Um diese großen Herausforderungen zu meistern, waren beim Modellprojekt Landzukunft Politik, Verwaltung und unternehmerische Menschen zum ersten mal gemeinsam gefordert, nach Lösungen zu suchen.

Einer der Unternehmer, der für die Uckermark ein regionales Erfolgskonzept entwickelt hat, war Piet Wolters. Mit verschmitztem Lächeln erzählt der Bauer, wie er die Idee für ein neues Nahverkehrskonzept fand. Der Holländer ist direkt nach der Wende 1989 aus den Niederlanden in die Uckermark gezogen. Als Landwirt in der dritten Generation hat Wolters eine ehemalige LPG übernommen und dort mit seiner Frau und zwei Söhnen einen großen Milchviehbetrieb aufgebaut.

In mehreren Ställen hält Wolters rund 800 Milchkühe. Wie im Kindergarten werden die neuen Kälbchen separat in Kleingruppen in abgetrennten Boxen betreut. Kühe, die kurz vor dem Kalben stehen, bekommen ein mit extra Stroh gut ausgelegtes Wochenbett und Kraftfutter. Es ist jedem Stall deutlich anzusehen. Piet Wolters ist ein gestandener Landwirt. Schlank, ja fast zierlich, arbeitet er als moderner Bauer nicht so sehr mit Kraft sondern mit Köpfchen. Er liebt seine Tiere und betreut sie mit einem ausgeklügelten System.

Wir produzieren ungefähr um die 22.000 Liter Milch am Tag. Und wir verarbeiten maximal um die 4000 Liter Milch am Tag.

Um nicht vom Preisdiktat der Großmolkereien abhängig zu sein, hat Piet Wolters seine eigene Käserei aufgebaut. Unter der Eigenmarke Uckerkaas bietet der Milchbauer so ausgefallene Sorten wie Brennessel-Paprika-Käse, Kreuzkümmel-Käse, Pfeffer-Senf-Käse oder Bärlauch-Algen-Käse an. Doch Wolters beschränkt sich nicht darauf, ausgefallene Milchprodukte herzustellen. Er hat sich ein ganz eigenes Vermarktungskonzept ausgedacht. Eine Kette seiner eigenen Q-Regio Läden. Spezialitätengeschäfte für regionale Produkte.

Kälbchen im Stall von Piet Wolters

Kälbchen im Stall von Piet Wolters

 

Ein Käseladen oder ein Laden mit regionale Produkt, Wir haben gewählt für einen Laden mit regionalen Produkten. Es entwickelt sich. Auf diesen Moment haben wir Franchise-Nehmer und eigene Läden. Und sind so weit, dass wir seit 2 Jahren auch mit den Großhandel angefangen sind für regionale Produkten.

Piet Wolters Hof liegt in Bandelow, einem kleinen Dorf 15 Kilometer entfernt von Prenzlau. Der Kreishauptstadt der Uckermark. Auch hier liegen die Häuser, die Dörfer und Kleinstädte weit verstreut. Die Uckermark ist nicht so flach wie Dithmarschen. Felder, sanft ansteigende Hügel, Wälder, viele Seen wechseln sich ab. In der deutsch-polnischen Grenzregion ist die Uckermark noch abgelegener als Dithmarschen. Es fehlen die Windräder, die von einer florierenden Energiebranche zeugen. Statt dessen leben und arbeiten hier viele kleine Produzenten regionaler Produkte. Was Piet Wolters für seine Q-Regio Geschäfte fehlte, war ein passendes Logistik-Konzept, um eine Lieferkette von kleinen Dörfern bis zu seinen Q-Regio Läden oder zu Hotels und Supermärkten  aufzubauen. Für Wolters und für andere Projektentwickler beim Modellvorhaben Landzukunft war klar: Der Reichtum und zugleich die größte Herausforderung der Uckermark ist ihre Vielfalt.

Einer der größten Schätze der Uckermark ist das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Seit dem Mittelalter wurden die Wälder hier als Weiden genutzt. Die knorrigen alten Buchen, die hunderte Verästellungen in die Sonne strecken, zeugen davon, wie sie als junge Triebe immer wieder von Schafen oder Rindern verbissen wurden. Einer dieser Baumriesen, die sogenannte Silke Buche, gehört inzwischen zum Weltnaturerbe.

Es ist so, dass diese Landschaft ja durch die Eiszeit geprägt worden ist. Und sich dadurch eine große landschaftliche Vielfalt hier ergeben hat. Wir haben im Landkreis über 500 Seen mit über einem Hektar Größe. Diese Landschaftliche Vielfalt bedingt auch eben eine große Artenvielfalt. Und die ist für Mitteleuropa einmalig. Egal, ob das bei den Vögeln ist oder bei den Insekten und so natürlich auch bei den Pflanzen. Wir haben hier in der Uckermark über 1200 verschiedene Arten höherer Pflanzen.

Michael Steinland hat die Naturwachtstation Blumberger Mühle im Biosphärenreservat mit aufgebaut. Er koordiniert heute für die Uckermark die Landesgartenschauen. Bislang wird das Biosphärenreservat vor allem als Naherholungsgebiet genutzt. Als einer der Projektmanager für das Modellvorhaben Landzukunft suchte der Biologe Michael Steinland nach Möglichkeiten, diesen Artenreichtum für die Uckermark auch wirtschaftlich zu erschliessen. Nachhaltig und umweltschonend. Er kennt die Region schon seit Kindertagen. Seine Idee: Warum nicht die einzigartige Natur, warum nicht Wildkräuter zu einem Schwerpunkt der Regionalentwicklung machen? Nach seinen Recherchen könnte der Verkauf von Wildkräutern sehr lukrativ sein. Auch Produzenten für Naturmedizin und Naturkosmetik sind daran interessiert. Zudem kennt Michael Steinland viele kleine Produzenten wie Uta Kietsch, die sich für so einen Wildkräuteranbau in der Region interessieren.

Die Gartenbautechnikerin lebt und arbeitet auf einem großen Gutshof am Rande des Biosphärenreservates. In den oberen Etagen der alten Vierseithofes sind einige Ferienwohnungen. Unten teilen sich mehrere Freiberufler die Büros. Ihre Nachbarin züchtet auf einigen Weiden nebenan Pferde.

Uta Kietsch selbst hat die Erlaubnis, im Biosphärenreservat seltene Pflanzen einzusammeln. Auf einigen Ackerflächen ihres Gutshofs baut sie diese wieder an, um Saatgut daraus zu gewinnen.

Die Uckermark ist schon eine Region, wo es etliche Pflanzen und Tierarten gibt, die wo anders längst ausgestorben sind. Das hängt vor allem mit dieser sehr vielfältigen Landschaft zusammen. Sehr schnell wechselnde Standorte. Da gibts ne Kuppe, da ist es trocken und sandig und kalkreich, in der Senke da ist es dann gleich feucht und viel lehmiger. Demzufolge variieren die Pflanzen auch auf engem Raum. Dadurch ist es natürlich für mich auch leicht Saatgut zu sammeln, weil das auf kleinem Raum wirklich ne große Vielfalt da ist.

Auch wenn es einfach ist, im Wald Kräuter zu finden: Wie sollen die Wildkräuter zu Kunden nach Berlin kommen? Große Logistik-Unternehmen wie DHL können solche Kleinstmengen an Lebensmitteln nicht preiswert verschicken. Ausserdem sind die Lieferzeiten von normalen Logistikern für frische Kräuter oder andere leicht verderbliche Waren zu lang. Viele der kleinen Produzenten in der Uckermark haben beim Transport das gleiche Problem. Die Vernetzung vieler unterschiedlicher Akteure beim Modellvorhaben LandZukunft hat für die Uckermark eine ungewöhnliche Lösung gebracht.

Obwohl die Kühe von Piet Wolter jeden Tag Tausende Liter Milch produzieren, hatte der Bauer fast das gleiche Transportproblem wie Uta Kietsch. Wie sollen Käse, Milcheis oder andere leicht verderbliche Waren seiner Zulieferer zu seinen Spezialitätengeschäften kommen? Schnell und preiswert. Wolters Idee: Warum nicht mit Linienbussen des öffentlichen Personen-Nahverkehrs auch regional erzeugte Lebensmittel transportieren? Im Rahmen des Modellprojektes LandZukunft konnte der Landwirt die Idee erst ausprobieren und dann umsetzen.

Wir haben deutlichen Unterschied gemerkt. LandZukunft war viel flexibler. Ich muss ganz ehrlich sagen, bei der Anfangskonzept und die Idee, was wir erst mit de Initiativ-Nehmer besprochen haben, haben wir doch eine ganze Menge mitgekriegt, dass man doch ein klein wenig skeptisch war. Kann das überhaupt funktionieren? Das Lebensmittelpaketen oder Paketen mit Lebensmitteln, das die mit dem Bus transportiert werden. Um die Geschichte zu überwinden und zu sagen, ja es geht, wir brauchen Stück Entwicklungsfleiss und auch ein Stück, um das ganze dann in die Gänge zu kriegen, dafür war eigentlich die Förderung ganz wichtig.

Inzwischen haben sich die Fahrgäste und auch die Busfahrer daran gewöhnt. Während die Passagiere ein und aussteigen laden die Fahrer Warenpakete um. In einer Testphase wurden einige der Fahrtrouten verändert. Doch nun bringen die neuen Kombi-Busse der Uckermark jeden Tag Kräuter, Marmelade oder andere regionale Produkte von kleinen Dörfern zu Hotels oder zu Bauer Wolters und seinen Spezialitätengeschäften.

Durch das neue Mobilitätskonzept, Menschen und Waren gemeinsam zu transportieren, hat die Uckermark einen großen Schritt hin zu mehr wirtschaftlicher Eigenständigkeit geschafft. Entscheidend dafür war die enge Zusammenarbeit eines innovativen Unternehmers mit der öffentlichen Hand. Erst durch die Vernetzung aller Akteure konnte ohne große Kosten ein tragfähiges Konzept entwickelt werden, – für einen neuen, regionalen Wirtschaftskreislauf, der vielen zugute kommt.

Auch in Dithmarschen hat die Vernetzung von Unternehmern mit der öffentlichen Hand neue Ideen gebracht. Gleich neben dem schmucken Rathaus, hinter der roten Backsteinkirche in Wesselburen, störte jahrelang eine Brandruine das Stadtbild. Was tun mit dem Schandfleck im Ostzentrum ? Woher das Geld nehmen, um hier eine an die Altstadt angepasste neue Immobilie zu bauen? Das Konzept kam schließlich von Bernd Nommensen, dem zweiten Bürgermeister der Stadt. Der Unternehmer hatte schon länger darüber nachgedacht zu expandieren.

Das von Nommensen konzipierte und betriebene Altenpflegewohnhaus Nora liegt ziemlich zentral in Wesselburen. Von den 24 Bewohnern sind 17 dement, oder alltagseingeschränkt, wie das in der Fachsprache inzwischen korrekt heißt. Viele der hier lebenden Frauen finden sich nicht mehr alleine zurecht. Das Haus ist in seiner Architektur und seiner Innenorganisation genau an ihre Bedürfnisse angepasst.

Ich bin selbst examinierter Altenpfleger. Habe dann mehrere Fortbildungen gemacht zum Pflegedienstleiter, zum Heimleiter. Habe selbst Jahrelang eine Einrichtung des DRK Wohlfahrtsverband geführt und dann sind wir mal auf die Idee gekommen, man kann Pflege doch auch ein klein bisschen besser machen.

Jörn Timm vor geplantem Seniorenzentrum

Jörn Timm vor geplantem Seniorenzentrum

 

Pflege besser machen, hieß für Bernd Nommensen, sein Altenwohnhaus als Kleingruppengemeinschaft zu gestalten. Ein wohltueneder Gegensatz zu sonst  üblichen Großanlagen

Der Eingangsbereich im Pflegehaus Nora führt zu einem großen Raum mit offener Küche. Rechts daneben stehen ein Sofa und mehrere Sessel. Links davor ist ein großer Aufenthaltsraum mit Tischen und Stühlen zum Essen oder Karten spielen. Von hier aus führen jeweils zwei kurze Flure zu den Einzelzimmern der Bewohner. So finden sich die Bewohner besser zurecht. sagt Nommensen. Minna Hahn lebt schon seit 2 Jahren hier, – seit sie im Rollstuhl sitzt.

Ich bin hier in Wesselburen geboren. Und wohn hier jetzt 86 Jahre. Ich musste ins Heim, weil ich nicht mehr laufen konnte. Und meine Kinder wollte ich da nicht mit belasten. Und ich fiel auch immer mal hin. Und darum habe ich gesagt, ich geh ins Heim. Aber nur hierher. Und das haben die Kinder zurecht gekriegt. Und jetzt bin ich zweieinhalb Jahre hier. Das wurde immer durch ganz Wesselburen besprochen. Also in Pflegeheim Nora ist das am Schönsten.

Der Bedarf an neuen Altenpflegemöglichkeiten auch in Wesselburen ist groß. Dort, wo lange die Brandruine stand, soll nun ein offenes Bürger- und Altenpflegezentrum entstehen. Mit einigen betreuten Wohnungen für ältere Ehepaare, mit einer Tagespflegeeinrichtung auch für Demenzerkrankte und mit einem Kaffee, als Treffpunkt für alle interessierten Bürgerinnen und Bürger. Um alle Einwohner in das Projekt einzubeziehen, gründeten die Wesselburener dazu eine Sozialgenossenschaft, die das Projekt finanziert. Für Nommensen ist das ein tragfähiges Zukunftsmodell für viele kleine Gemeinden in Deutschland.

Jede Kommune, die 1000 Einwohner hat, sollte eine kommunale Genossenschaft gründen, mit den Bürgern zusammen. Mit den späteren Bewohnern zusammen. Jeder gibt eine kleine Einlage rein, damit man so viel Geld zusammen aquirieren kann, dass man sagen kann, so ein Pflegewohnhaus bauen wir bei uns in der Gemeinde. Und wir behalten unsere Senioren, die seit 60-70 Jahren hier bei uns leben,

Mit ihrer Idee, die Pflegeinfrastruktur über lokale Sozialgenossenschaften zu organisieren, sind die Wesselburener inzwischen Vorbild für viele Kommunen in ganz Deutschland geworden. Entscheidend für die Idee war dabei nicht die vergleichsweise geringe Fördersumme von 200.000 Euro, – sondern die geforderte Kooperation von Unternehmern mit der Verwaltung. Das habe einen Richtungswechsel eingeleitet, gibt Jörn Timm zu, der Verwaltungsleiter von Wesselburen.

Die Stadtverordnetenversammlung hat seinerzeit den Bedarf nicht gesehen. Man kann davon ausgehen, dass so 10 bis 15 Jahre wenig bis gar nichts passiert ist. Das is so ein bisschen verschlafen worden. Das Schicksal teilt Wesselburen mit ganz vielen Kommunen.

Rechtzeitig die Zeichen der Zeit zu erkennen ist nicht einfach, geben auch die Verantwortlichen der Kreisverwaltung in Heide zu. Die Kreishauptstadt von Dithmarschen ist von Wesselburen über einige schmale Landstrassen in wenigen Minuten zu erreichen. Auch hier sind die Probleme schon im Ortskern deutlich zu sehen. Die Parkplätze am großen Marktplatz sind auch zu Stoßzeiten selten voll belegt. Den Geschäften fehlt die Kundschaft. Viele Wohnungen und Häuser in der Stadt suchen Mieter. Als Weg aus der Misere hatten Politik und Verwaltung zunächst an ein Leuchtturmprojekt gedacht, gibt Denis Smuda zu. Er koordinierte als Projektmanager das Modellvorhaben LandZukunft in Dithmarschen.

Die gesamte Ausrichtung des Landzukunftsprozesses wäre eine ganz andere gewesen. Das heißt also in der Politik und Verwaltung herrschte so die Meinung, (..) worin ist die Region besonders gut. Das ist der Tourismus und die Windenergie und wir dachten, in dem Bereich bietet sich ein Modellprojekt dann auch an. Und direkt beim ersten Treffen mit den Unternehmern kristallisierte sich dann raus, das Oberthema sollte Fachkräftemangel sein. Das ist das, was die Unternehmer beschäftigt.

Angeregt von den Unternehmern in der Region entstand aber kein neuer Elfenbeinturm. Statt dessen entwickelte die Region Dithmarschen ein neues Bildungskonzept. Der Talentekompass genannte Wegweiser zeigt Kindern dabei neue Möglichkeiten, was man später mit Mathematik, Musik oder Biologie alles anfangen kann. Dabei präsentieren sich so unterschiedliche Lernorte wie der moderne Hafen von Brunsbüttel bis zum Steinzeitpark in Albersdorf.

Steinzeitjäger Chris Palasch

Steinzeitjäger Chris Palasch

Als Museum und Forschungsstandort zugleich ist der Steinzeitpark ein Treffpunkt für experimentelle Archäologie. Steinzeitjäger Chris Palasch lebt und arbeitet hier, wie unsere Vorfahren im Mesolithikum. Ganz in Leder gekleidet. Mit einfachen Werkzeugen probiert er aus, wie und womit Steinzeitjäger früher Ihre Hütten bauten ? Was wurde gekocht? Vielleicht Hühnchen mit wilden Kräutern und Heidelbeeren, gegrillt über dem offenen Lagerfeuer? Als Museumspädagoge bringt Palasch Kindern auch bei, wie sie selbst von Hand Wolle spinnen oder im Wald Spuren lesen können bei der Jagd.

Die können dann bei uns zum Beispiel nicht nur das Bogenschiessen lernen sondern wir können mit denen zum Beispiel auch die Bögen in Anlehnung an mesolithische Bögen selber hier auch erstellen. Oder die Pfeile dazu. Oder Speere oder Speerschleudern. Und lernen so halt auch wirklich die handwerklichen Techniken dazu.

Jörn Timm ist zufrieden. Für Wesselburen war das Modellprojekt die Initialzündung für gesellschaftlichen Wandel. Nicht nur bei der Altenpflege sondern auch im Jugendbereich.

Ich glaube, dass das Geld, was hier eingesetzt worden ist, Kosten Nutzen, ist extrem hoch. Wir haben eine ganze Menge erreicht. Man erkennt es auch daran, dass wir den Talentekompass tatsächlich mit anderen Fördermitteln fortführen wollen, den Schwerpunkt aber ein bisschen verlegen. Übergang Schule Beruf.

Die meisten Verantwortlichen in Dithmarschen und der Uckermark beurteilen die Veränderungen positiv. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat deshalb entschieden, das Modell nun im größeren Rahmen fortzuführen. Beim nun Landaufschwung genannten Programm werden 13 andere strukturschwache ländliche Regionen ihre Visionen für die Zukunft entwickeln. Bis Regionalbudgets zur Regelförderung werden, wird es zwar noch etwas dauern. Die Haushaltsordnung und der gesetzliche Rahmen erlauben es bislang nicht, dass die Regionen ihre Ziele selbst festlegen und ihre Entwicklungsstrategien alleine gestalten. Der Modellversuch hat aber gezeigt, dass viele mit großem Engagement mitwirken, sobald sie die Gelegenheit dazu erhalten. Mit etwas weniger Bürokratie und mehr kreativen Ideen können auch wirtschaftliche Randgebiete aus eigener Kraft ihre Zukunft neu gestalten.

Produziert für den Bayerischen Rundfunk.