Künstler und der Krieg in der Ukraine

Im Osten der Ukraine herrscht Krieg – so berichten es ukrainische Kulturschaffende. Nicht länger wollen ukrainische Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle das verschweigen und gaben in der Berliner Akademie der Künste erstmals Einblicke in die Kultur- und Kunstarbeiten in Zeiten des Kriegs. Auf den vergangen Tagen trafen sie sich auf dem Kongress „Werte und Wandel“ und diskutierten über ihre Rolle während des Umbruchs in der Ukraine. Kann Kunst Motor für den gesellschaftlichen Wandel sein? Und: wie kann sie helfen, die Werte des Euromaidan zu verteidigen? Das sind Fragen, auf die ukrainische Künstler, Theatermacher, Dichter und Schriftsteller eine Antwort suchten. Ein Beitrag von Maximilian Grosser.

Charkiw ist die zweitgrößte Stadt nach Kiew. Doch zu hören oder zu lesen ist von ihr nur selten. Dabei wird der Alltag in der ostukrainischen Industriemetropole wie in keiner anderen Stadt immer stärker vom Krieg im Donbas bestimmt – so erzählte es der ukrainische Schriftsteller Serghij Zhadan auf dem Berliner Kongress „Werte und Wandel“.

Die Stimmung in der Stadt ist ziemlich angespannt. Es gibt Terroranschläge, es gibt ständig Explosionen, überall gehen Bomben hoch. Vor einigen Monaten gab es einen Terroranschlag in einem Pub, bei dem 13 Personen verletzt wurden. Der Frieden in Charkiw ist sehr angespannt, die Stimmung kann jederzeit kippen – und in einen Konflikt umschlagen.

 

Seine Heimatstadt Charkiw nennt Zhadan einen Schmelztiegel des Kriegsalltags. Rund vierhunderttausend Flüchtlinge aus dem Konfliktgebiet bevölkern neben den anderthalb Millionen Einwohnern die Stadt. Durch die Straßen patrouillieren Soldaten. Tausende Freiwillige erfüllen zudem Aufgaben, die der ukrainische Staat nicht mehr leistet: sie helfen Verwundeten, unterstützen Soldaten und kümmern sich um die Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet. Über diesen Alltag zu schreiben ist wichtiger als über Politik, sagt Serghij Zhadan, eine der wichtigsten Stimmen der ukrainischen Literatur

Im Moment befinden wir uns in einer sehr interessanten aber auch dramatischen Epoche unsere Geschichte, in der sich die Gesellschaft neu formiert. Natürlich müssen in einer solchen Situation die Stimmen der Autoren zu hören sein, Schriftsteller haben kein Recht zu schweigen. Mir ist es deshalb wichtig, dass ich nicht über geopolitische Konstellationen schreibe, über Politik insgesamt, sondern über die ganz normalen Menschen des Landes. Es gibt im Moment sehr viel Propaganda, die die Wahrheit verwässert darstellt. Vielleicht sind es die Künstler die den Moment wahrheitsgemäß fixieren können.

Nicht nur ukrainische Schriftsteller, auch die Theaterregisseurin Mariya Zaichenko tritt für den Kampf um Wahrheit ein. Mit ihrer Kompanie Arabesky Theater ist sie in der gesamten Ukraine für ihr kritisches dokumentarisches Theater etwa über Tschernobyl oder über den ukrainischen Nationalismus Anfang der 1940er Jahre bekannt. Historisches Theater, in dem die Zuschauer Parallelen zum aktuellen Geschehen in der Ukraine, dem Umbruch und dem Krieg ziehen – sagt Mariya Zaichenko.

Unsere Mission ist es, dass teilweise traumatisierten Menschen unterschiedlicher politischer Überzeugungen in Dialog miteinander geraten. Deshalb spielen wir dokumentarische Stücke und schließen daran Publikumsdiskussionen an. Ich bin davon überzeugt, dass das einen gewissen therapeutischen Effekt hat. Bei uns treffen etwa Journalisten oder die freiwilligen Helfer auf Soldaten, die im Donbas gekämpft haben. Die Soldaten erzählen über ihre Kriegserfahrungen, über die sie nicht mit ihren Familien sprechen können. Ich hoffe, das andere Theater auch diese initiative aufnehmen.

Im historischen Dokumentartheater sieht Marya Zaichenko eine Chance, um auch zwischen verfeindeten politischen Gruppen egal ob sie Putin oder die Ukraine unterstützen Brücken zu bauen. Für Theater, Kunst oder Romane über den Euromaidan oder dem Konflikt im Donbas sei es allerdings noch zu früh – so ein Fazit der ukrainischen Kulturschaffenden auf dem Treffen „Werte und Wandel“ in Berlin. Erst einmal sei es wichtiger das Bewusstsein für die Werte des Euromaidan zu schärfen und an den Kampf gegen Korruption und Vetternwirtschaft zu erinnern, sagt die Lyrikerin Halyna Kruk aus dem westukrainischen Lviv.

In der Ukraine gibt es eine lange Tradition, dass sich Autoren und Leser miteinander auf Lesungen über wichtige soziale Themen austauschen. Darin sehe ich meine Aufgabe bestimmte Sachen zu erklären, etwa was bedeutet Korruption im Alltag oder woher kommen Ressentiments oder was macht die sowjetische Nostalgie mit uns. Darin liegt meine Hoffnung, dass die Leute das irgendwann verstehen.

Auch wenn in Halyna Kruks Heimatstadt Lviv unweit der polnischen Grenze der Konflikt in der Ost-Ukraine weit entfernt scheint, spielen sich vor ihren Augen täglich die gleichen menschlichen Tragödien ab wie im 1000 km östlicher liegendem Charkiw. Noch hadert Halyna Kruk mit sich über das Leiden der Kriegsopfer zu schreiben. Dennoch: Schriftsteller und Künstler werden auf die sich jetzt schon abzeichnenden Probleme bald eine Antwort finden müssen – sagt Halyna Kruk.

Wir werden mit ganz neuen Problemen konfrontiert. Es gibt durch den Krieg viele Kinder,        die ihre Eltern verloren haben, die ihre Eltern nie kennen lernen werden. Es gibt die Verstümmelten, die Kriegsopfer, die in unserer Gesellschaft nur wenig Aufmerksamkeit bekommen. Menschen mit traumatischen Erlebnissen. Flüchtlinge, die alles verloren haben. Familien, die zerstritten sind, aufgrund ihrer unterschiedlichen politischen Ansichten untereinander. Für mich sind das offene Wunden in der Gesellschaft, die schmerzen. Und ich kann mich nicht an sie herantrauen, weil ich denke, wenn ich mich hinsetze und anfange zu schreiben, streue ich Salz in diese Wunden.

Produziert für Deutschlandfunk Kultur heute.