Krim: Gestohlenes Parlament

Die Krimtataren fühlen sich von der Welt vergessen

Mustafa Dshemilev wird die Rückkerh in seiner Heimat-verweigert

Mustafa Dshemilev wird die Rückkerh in seiner Heimat-verweigert

Während die Kämpfe in der Ostukraine trotz des in Minsk vereinbarten Waffenstillstands kein Ende nehmen wollen, gelangen Informationen von der annektierten Krim nur spärlich zu uns. Doch offenbar spitzt sich dort die Situation für die Krimtataren, immer weiter zu. Die 260000 Muslime, stellen auf der Halbinsel die größte nationale Minderheit. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Krimtataren von Stalin als fünfte Kolonne der Deutschen Wehrmacht verunglimpft und in die Steppen Kasachstans deportiert: Mit Beginn der Neunziger Jahre kehrten die Überlebenden der Deportation und deren Nachfahren zurück in ihre alte Heimat. Ihr Land, ihre Häuser aber waren da längst von Russen in Besitz genommen worden. Die pro-russischen Behörden auf der damals noch autonomen Krim taten alles, um den Krimtataren die Rückkehr so schwer wie möglich zu machen. Die neuen Machthaber betrachten die Krimtataren nun mehr oder weniger offen als Feinde.

Dabei hatte Präsident Putin, dem langjährigen Führer der Krimtataren, Mustafa Dschemilev, in einem persönlichen Telefonat zugesagt, das die Krimtataren bei einem Anschluss der Krim an Russland nichts zu befürchten hätten. Doch was das Wort des russischen Präsidenten wert ist, erleben die Tataren seit dem Anschluss der Krim auf ganz eigene Weise. Mirko Schwanitz berichtet von der Krim.*

Noch ruft der Muezzin in Bachtschissaraj. Bachtschissaraj ist die einzige Stadt auf der Krim, in der die Krimtataren die Bevölkerungsmehrheit stellen. Vor dem alten Khan-Palast warten ein paar alte Frauen mit Einweckgläsern und ein paar selbstgemachten Süßigkeiten. Alles wirkt friedlich, Sicherheitskräfte der neuen Machthaber sind nicht zu sehen.

Unweit des Palastes, plätschert das Flüßchen Dschuruksu durch eine geradezu gespenstisch stille Stadt. Besuch bei Ali Khamsin, dem außenpolitischen Sprecher der krimtatarischen Selbstverwaltung, der Medschlis. Sein Haus steht etwas abseits der befestigten Hauptstraßen. In der Küche summt der Teekessel. Still versammelt sich die Familie um den Tisch. Dann beginnt Ali zu erzählen.

In Bachtschissaraj, der Stadt in der ich wohne, wurden in meiner Straße mehrere Häuser mit Kreuzen markiert. Als meine Tochter eines Abends nach Hause kam, fand sie auf den Stufen vor unserer Eingangstür einen Ziegelstein und darunter eine zerquetschte Puppe. Das war ein klares Zeichen.

Mehrfach hätten nach diesem Vorfall maskierte Spezialkräfte sein Haus durchsucht, erklärt Ali.

Ich kann nur eines dazu sagen. Die Durchsuchungen der Häuser unserer Volksvertreter sind eine Form der Unterdrückung, die für uns unerwartet war. Das alles geschieht mit Billigung Moskaus und es lässt für mich nur einen Schluss zu. Man will die Krimtataren ihrer Volksvertretung berauben.

Am 12. Februar erst entschied ein Gericht in Moskau, dass der langjährige Führer der Krimtataren, Mustafa Dshemilev, bis 2019 nicht mehr in seine Heimat zurückkehren darf. Auch Refat Dshubarov, dem Vorsitzenden der krimtatarischen Selbstverwaltung, wird die Rückkehr verwehrt. Vor kurzem, erklärt Ali, hätten Moskaus Machthaber auch das Gebäude der krimtatarischen Volksvertretung und deren Bankkonten in Höhe von 4,5 Millionen Rubel beschlagnahmt. Doch die neuen Herrscher beschränken den Druck nicht allein auf die politischen Vertreter der Krim-Tataren. Ankunft in Viktoriwka. In dem kleinen Weiler lebt Familie Kralajev ohne fließendes Wasser, ohne Gasanschluss.

Wir sind auf dieses flache Feld gekommen. Das Haus hier, haben wir selbst gebaut, jeden Ziegel aus Meeressand und Zement mit unseren eigenen Händen geformt.

Seit der Annexion der Krim müssen die Kralajevs nun um ihr kleines Häuschen fürchten – die zwei Zimmer, die Hühner im Garten, die Gemüsebeete. Die Kralajevs waren zu Beginn der Neunziger Jahre aus der Stalinschen Verbannung nach Hause zurückgekehrt. Doch die pro-russischen Behörden verweigern den Kralajevs, schon seit mehr als 20 Jahren die Zuweisung eines legalen Grundstücks. Wie den Kralajevs geht es der Mehrheit der Krimtataren. Sie alle waren also gezwungen, ihr Häuschen illegal auf brachliegendem Land zu bauen. Vor diesem Hintergrund wollen die neuen Behörden nun alle Bewohner der Krim zwingen, Haus- und Grundbesitz neu registrieren zu lassen. Vater Kralajev bereitet das große Sorgen.

Noch ist das nicht beschlossen. Es gibt lediglich entsprechende Verlautbarungen. Dieses Gesetz birgt die reale Gefahr, dass die Mehrheit der Krimtataren ihre Häuser verliert. Man wird ihnen sagen, dass ihnen der Boden nicht gehört, dass ihre Häuser illegal errichtet sind und das dies gegen die Gesetze Russlands verstößt. Wenn wir aber auf diese Weise aus unseren Häusern vertrieben werden, wohin sollen wir dann gehen? Die Vorbereitungen für dieses Gesetz sind im Gange und nichts gibt uns die Hoffnung, dass die Behörden das Problem fair lösen werden.

Nur wenig mehr als 30 Kilometer von Bachtschissaraj entfernt liegt Simferopol, die Hauptstadt der Krim. Hier sind es vor allem Kleinunternehmer, die die Repressionen der neuen Machthaber am deutlichsten zu spüren bekommen.

Auch bei ihm hätten eines Tages schwerbewaffnete Maskierte im Lokal gestanden, erzählt dieser krimtatarische Restaurantbesitzer

Das Café war voll. Plötzlich kamen sie herein und verlangten von allen die Ausweise. Die Menschen waren geschockt … Sie sagten, alle Restaurants in der Straße würden kontrolliert. Später rief ich die anderen Restaurants an. In nicht einem von ihnen waren die Männer aufgetaucht. Sie haben nur krimtatarische und türkische Cafés kontrolliert

Ziel der Behörden sei es, die soziale Lage der Tataren so weit zu verschlechtern, dass viele von ihnen freiwillig die Krim verlassen, meint der Restaurantbesitzer. Festnahmen, Schikanen, Durchsuchungen von Moscheen, die Schließung der krimtatarischen Bibliotheken, die Beschlagnahme krimtatarischen Eigentums – vor dem Hintergrund einer immer länger werdenden Liste von Repressionen, versuchen politische Vertreter der Krimtataren wie Ali Khamsin Mechanismen zum

Schutz ihres Volkes zu entwickeln. Von der Welt fühlen wir uns dabei allerdings längst im Stich gelassen, sagt Ali Khamsin.

Wir werden nicht müde zu erklären, dass wir eine internationale Beobachtermission auf der Krim brauchen, die die Lage der Minderheiten untersucht. Wir brauchen ein internationales Forum zum Schutz der Rechte der Krimtataren, um die Sicherheit unseres Volkes auf der Krim zu gewährleisten.

*Hinweis: Aus Sicherheitsgründen wurde der Name der Familie aus Viktoriwka geändert. Die Namen aller O-Ton-Geber sind dem Autor bekannt.

Produziert für Deutschlandfunk Reportage.