Kinder als Streitschlichter

In Lettland sollen Kinder Konflikte entschärfen und Minderheiten integrieren

Wie kann man einander fremde Gruppen innerhalb einer Gesellschaft integrieren? Wie könnte aus Feindschaft Freundschaft werden? Wie kann es gelingen, dass Israelis und Palästinenser gegenseitige Vorurteile abbauen? Oder Deutsche und Türken sich weiter näher kommen? Wie könnten Nordiren und Iren in Belfast ihre Konflikte lösen? Oder bosnische Muslime und orthodoxe Serben in Sarajevo? Das kleine Lettland macht vor, wie es vielleicht gehen könnte. Seit die Mehrheit der Letten im vergangenen Jahr die Einführung des Russischen als zweite Amtssprache ablehnte, verhärten sich auch hier die Fronten zwischen Mehrheitsbevölkerung und russischer Minderheit. Die Russen igeln sich in ihren Stadtvierteln ein. Wer nicht will, muss hier nicht Lettisch sprechen – Amtssprache hin oder her. Doch für die junge Generation werden die gegenseitigen Vorurteile allmählich zum Problem und für Lettlands Zukunft selbst bergen sie enormen sozialen Sprengstoff. Nun will die Regierung die verhärteten Fronten mit einem Programm aufbrechen, dass auf die verbindende Kraft von Kindern setzt. Mirko Schwanitz und Tom Ancitis berichten.

Wir sind in Ikskile, 30 Kilometer von Lettlands Hauptstadt Riga entfernt. In der Sporthalle der Kleinstadt flitzen Kinder über das Spielfeld, Turnschuhe quietschen – für viele ein ganz normales Training. Doch nicht für Pauls. Denn der 12jährige Lette spielt zum ersten Mal in seinem Leben mit russischen Kindern.

Mein Sohn hatte bisher die typisch stereotypen Bilder von Russen. Er war der Meinung, es wäre besser, wenn es gar keine Russen in der Schule gäbe und das alle Russen böse sind. Aber nun hat Pauls hat seine Meinung total geändert.

 

…sagt Pauls Mutter Marita. Alles, was er früher von den Russen gedacht habe, stimme gar nicht, meint Pauls sechs Tage nach dem ersten Training in Ikskile. Der Grund, dass Pauls Meinung über die Russen sich derart geändert hat, ist ein außergewöhnliches Regierungsprogramm, das sich andere Länder zum Vorbild nehmen sollten – Israel und Palästina zum Beispiel, aber auch manch deutsche Großstadt mit hohem Migrantenanteil. Warum? Lettland fördert mit diesem Programm erfolgreich die Integration der über 550 000 Menschen zählenden russischen Minderheit. Dazu tauschen russische und lettische Familien für kurze Zeit einfach ihre Kinder. Die simple Idee stammt von Andrej Judins, einem Parlamentsabgeordneten:

Bei uns in Riga gibt es zum Beispiel ganze Stadtviertel, wo man sein ganzes Leben wohnen könnte, ohne zu wissen, dass Lettisch eigentlich Staatssprache ist. Deshalb gibt es in der russischen Minderheit Menschen, die keinerlei Motivation haben, sich zu integrieren. Es ist für das Leben einfach nicht notwendig.

Viele Letten aber empfinden gerade die Russen im Land als Bedrohung, die die Staatssprache gar nicht oder nur unzureichend sprechen. Genau aus diesem Grund, lasst die Russin Anna Sennatova ihren Sohn Kärlis gern an dem Projekt teilnehmen. Denn auch sie wohnt in einem Stadtviertel, in dem nur russisch gesprochen wird.

Er geht hier in eine russische Schule. Lettisch lernt er als Fremdsprache. Aber praktizieren kann er die Sprache nicht. Selbst beim Schwimmen, zu dem er jeden Abend geht, sind nur Russen. Unsere Kinder haben also keinerlei Möglichkeiten mit Letten zu kommunizieren.

Pauls und Kärlis sind zwei der ersten 100 Kinder, die an dem Programm teilnehmen. Inzwischen sind die beiden richtige Freunde, besuchen gemeinsam Sport- und Kulturveranstaltungen. Alle Eintritts- und Transportkosten übernimmt der lettische Staat. Die ersten Ergebnisse seien ermutigend, meint Andrej Judins. Denn wie das Beispiel von Pauls und Kärlis zeigt, sei ein solches Programm gut geeignet, nicht nur die lettischen Sprachkenntnisse zu verbessern, sondern auch die Vorurteile der Letten gegenüber ihren russischen Mitbürgern abzubauen

Viele Letten meinen, dass alle „Nicht-Letten“ nur eines im Sinn haben: Lettland zu zerstören. Seit der politischen Wende werden diese Stereotypen, permanent reproduziert. Wie kann man aber die Stereotypen aufbrechen? Nur indem man miteinander spricht.

Gerade einmal eine Woche hat es gedauert, das aus dem Letten Pauls und dem Russen Kärlis beste Freunde wurden. Nun wollen sie und ihre Familien sich auch weiterhin besuchen und anderen von ihrer Freundschaft über die Sprachgrenzen hinweg erzählen.

Produziert für WDR 5 Politikum.