Kämpferin gegen Feminzide in Mexiko

 Imelda Marrufo und ihr Kampf um Frauenrechte in der „Stadt der toten Frauen“

Imelda Marrufo Nava

Juristn und Fraurenrechtlerin Imelda Marrufo Nava (c)boell.de/stephan-roehl.de

Im Ranking der gefährlichsten Städte der Welt belegt die nordmexikanische Stadt Ciudad Juarez seit Jahren immer einen der vorderen Plätze. Verantwortlich dafür sind die seit Jahren andauernden Kämpfe von Drogenkartellen untereinander – allein 2000 Tote forderten sie 2010. Nur vier Prozent der Verbrechen werden hier je aufgeklärt. Opfer dieses permanenten Klimas von Gewalt und Straflosigkeit sind immer wieder auch Frauen, die auf brutale Weise ermordet werden. Inzwischen ist die als Feminizid bekannte Mordserie weltbekannt: der Schriftsteller Roberto Bolano hat sie etwa in seinem Roman „2666“ beschrieben, der Film „Im Paradies der Mörder“ hat einen tiefen Einblick in den mühevollen Kampf um die Rechte von Frauen gegeben.

Nicht ohne Grund trägt Ciudad Juarez den prägenden Titel „Stadt der toten Frauen“. Und doch gibt es Hoffnung in der von Grausamkeiten zersetzten Stadt. Seit 2001 kämpft die Juristin Imelda Marrufo Nava mit einem Netzwerk von Frauenrechtsorganisationen für die Aufklärung der Morde und gegen das frauenfeindliche Klima von Juarez. Für ihren Mut wurde sie am vergangenen Freitag stellvertretend mit dem Anne-Klein-Frauenpreis der Heinrich-Böll-Stiftung ausgezeichnet – Maximilian Grosser hat Imelda Marrufo Nava in Berlin getroffen und erfahren, dass die Menschenrechtlerin in der für Frauen tödlichsten Stadt dennoch einen Lieblingsort hat.

In der Nähe meiner Wohnung gibt es den einzigen Park von Ciudad Juarez. Dort gehe ich gern spazieren, auch, weil es der einzige Ort ist, an dem ich das machen kann. Denn die Fußgängerwege von Juarez sind mit Löchern übersät.

…erzählt Imelda Marrufo Nava über ihren Lieblingsort in Ciudad Juarez. Schwer vorstellbar, dass es in diesem nordmexikanischen Moloch an der Grenze zu den USA überhaupt einen solch friedlichen Ort gibt. Denn bekannt ist die Stadt seit den Neunzigerjahren als Drehscheibe von Drogenschmugglern und Menschenhändlern – und für den im Umfeld der organisierten Kriminalität massenhaften Anstieg von Morden an Frauen. In einem der ärmsten Viertel der trostlosen Wüstenstadt wuchs die Menschenrechtlerin Nava auf. Und erinnert sich dennoch an eine friedliche Schulzeit in Ciudad Juarez.

In dem Viertel gab es keine gepflasterten Straßen und keinerlei staatliche Infrastruktur, keine öffentlichen Verkehrsmittel. Ich ging damals auf die einzige Schule in dem Viertel, an der ich Abitur machen konnte. Die war in einem sehr schlechten Zustand. Trotzdem habe ich dort viel gelernt, weil die Lehrer sehr engagiert waren. Jeder Einzelne wurde wertgeschätzt. Dort wurde ich auch zur Aktivistin.

 

Mit ihrem von kleinen Löckchen umrahmten Gesicht sieht sie aus wie die Darstellungen auf einem der unzähligen Madonnenbildchen. Ihr Glaube an eine bessere Welt und ihr Humor helfen ihr dabei sich gegen die alltägliche Gewalt in Juarez zu stemmen. Ihre Eltern haben ihr diese Allem trotzende Kraft und Zuversicht gegeben.

Sich in den Dienst anderer zu stellen – das habe ich von meiner Mutter gelernt. Sie hat sich für mich und meine Geschwister immer zurückgenommen, damit wir es einmal besser haben. Ich habe damals als Kind auch viel lateinamerikanische Protestmusik gehört – so habe ich gelernt, was politisch in Lateinamerika vor sich geht.

Ihren Gerechtigkeitssinn haben nicht nur die Songs von Silvio Rodriguez geprägt – Ungerechtigkeiten gab es auch direkt vor ihrer Haustür in Ciudad Juarez. Immer wieder musste sie mit ansehen, wie Bürgerechte mit Füßen getreten wurden.

Ich habe Jura studiert, weil ich gesehen habe, dass die Bewohner von Juarez immer schlecht behandelt wurden, wenn sie ihre Rechte auf staatliche Hilfe eingeforderten. Ich habe mir damals gesagt, dass wir besser informiert sein müssen, um zu unserem Recht zu kommen. Mit meiner Ausbildung zur Rechtsanwältin kann ich anderen Frauen helfen, zu ihrem Recht zu kommen.

Heute kämpft die Juristin gegen ein Klima der Frauenfeindlichkeit und Straflosigkeit in ihrer Heimatstadt. Denn nur ein verschwindend geringer Bruchteil der Frauenmorde wird aufgeklärt. Allein 1500 Frauen wurden zwischen 2000 und 2009 getötet, die in Juarez oft zu Hungerlöhnen in den zahlreichen Montagefabriken internationaler Konzerne arbeiten. Die meisten werden als Opfer des Drogenkriegs in Juarez abgetan. Doch häusliche Gewalt und sexuelle Übergriffe seien der häufigeren Gründe für die Morde, glaubt Imelda Marrufo Nava. Die seien zudem Alltag in Juarez und entspringen einer über Generationen vererbten Kultur von Frauenfeindlichkeit und wird durch die Missachtung von Frauenrechten durch staatliche Behörden sogar noch gefördert

Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass man die Morde als Feminizid bezeichnet. Frauen werden ermordet, nur weil sie Frauen sind. Der interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte hat dazu ein Urteil gefällt, das so genannte Baumwollfeldurteil. In dem spricht er von einem ausgeprägten Hass staatlicher Institutionen gegen Frauen in Mexiko. Ich als Feministin bezeichne deswegen Mexiko als einen machistischen Staat.

Das Urteil bezieht sich auf eine der ersten grausamen Höhepunkte der als Feminizide weltweit bekannt gewordenen beispiellosen Mordserie. 2001 wurden acht verstümmelte Frauenleichen weggeworfen wie Hausmüll auf einer Brache, einem alten Baumwollfeld, gefunden. Kurz darauf gründete Imelda Marrufo Nava das Netzwerk „Red Mesa de Mujeres de Cuidud Juarez“. Auf Deutsch: der „Frauentisch von Juarez“. Seit dem vereint es zehn Frauenrechtsorganisationen, die den Frauen der Stadt Gesundheitsbildung und Rechtsaufklärung anbieten. Nava und ihren Mitstreiterinnen ist es auch zu verdanken, dass die Frauenmorde öffentlich bekannt werden und Richter Anklage gegen die Täter erheben. Die Hilfe für die Opfer der Feminizide steht dabei allerdings im Vordergrund – wie etwa für die Mutter des mexikanischen Mädchens Idaly Laguna.

Idaly ist eine junge Frau gewesen, die im Februar 2010 verschwunden ist. Sie war auf der Suche nach Arbeit in einer Modelagentur. Ihre Mutter Nora hat dafür gekämpft, Idaly lebend wieder zu sehen. Wir halfen ihr bei der Suche. Vor anderthalb Jahren erfuhr sie, dass Behörden einen Knochen von Idaly in der Wüste gefunden hatten, das ihre Tochter nicht mehr lebt. Die gefundenen Gebeine ihrer Tochter konnte Nora im Dezember vergangenen Jahres beerdigen.

Der Frauentisch von Juarez unterstützt Idalys Mutter und viele andere Frauen, die traumatisiert von den Morden an schweren Depressionen leiden und deswegen oft nicht mehr arbeiten können. Imelda Marrufos Navas gibt vielen wieder Lebensmut. In der Auszeichnung mit dem Anne-Klein-Frauenpreis sehen die Frauenrechtlerin und ihre Mitstreiterinnen nicht nur eine Anerkennung ihrer Arbeit. Der Preis ist für sie zugleich ein Schutzschirm für ihren Kampf gegen die Feminizide in der „Stadt der toten Frauen“.

Produziert für rbb kulturradio Zeitpunkte.