Israel: Seine Autoren und der Gaza-Krieg

Yoshua Sobol

Yoshua Sobol

Seit dem 26. August herrscht zwischen der Hamas und Israel ein fragiler Waffenstillstand. Doch die Spannungen nehmen schon wieder zu. Erst vor wenigen Tagen wurde erneut eine Mörsergranate von Gaza aus auf Israel gefeuert, Palästinenserpräsident Abbas warf Israel vor wenigen Tagen auf der UN-Vollversammlung Völkermord. Israels Regierungschef Netanjahu goss ebenfalls Öl ins Feuer und behauptete, Hamas und IS würden die gleichen Ziele verfolgen. Mit Unruhe beobachten zahlreiche israelische Kulturschaffende wie die israelische Gesellschaft immer mehr nach rechts rückt und eine pragmatische Politik der Aussöhnung immer unwahrscheinlicher wird.Wenn es nicht bald gelingt, einen pragmatischen Ausgleich mit den Palästinensern im Gaza-Streifen und im Westjordan-Land zu finden, dann, so sagen einige dieser israelischen Kulturschaffenden, bewege sich das Land allmählich aber sicher auf einen Apartheitsstaat zu. Mirko Schwanitz war in Tel Aviv und hat mit Theaterschaffenden und Autoren über die Folgen des Gaza-Krieges für die israelische Gesellschaft gesprochen.

Es ist ein warmer Herbstmorgen vor dem Habima-Theater in Tel Aviv. Springbrunnen plätschern. Leute fahren auf grünen Mieträdern zur Arbeit. Ein Mann mäht auf einem kleinen Traktor den Rasen. Yoshua Sobol sitzt vor dem Arcafé und blinzelt in die Sonne. Die entspannte Ruhe täuscht, meint der bekannte Dramaturg. Seit langem spüre er, das ein Riss durch die Gesellschaft gehe und der bisher geltende Grundkonsens, Konflikte nur demokratisch auszutragen, immer mehr aufgeweicht werde.

Meine Angst ist, dass sich Israel mehr und mehr zu einem Land entwickelt, in dem die Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird. Ein Land, in dem Menschen allein wegen ihrer politischen Überzeugungen Schwierigkeiten bekommen. Im Zusammenhang mit den Ereignissen in Gaza griffen rechte Demonstranten zum ersten Mal in der Geschichte unseres Landes eine Anti-Kriegskundgebung an.

 

Der Schock über die  jüngsten Ereignisse sitzt bei vielen Kulturschaffenden noch immer tief. Gewalttätigkeit innerhalb der israelischen Gesellschaft galt eigentlich als Tabu. Dass sich das jetzt zu ändern scheint, erfahren zurzeit zahlreiche Autoren, Theatermacher und Journalisten, die die Regierungspolitik gegenüber den Palästinensern und der terroristischen Hamas öffentlich und heftig kritisieren. Auch Etgar Keret, einer der bekanntesten israelischen Filmemacher und Schriftsteller. Ich treffe ihn im Triangel, dem ersten Kaffee Tel Avis, das rund um die Uhr geöffnet hatte.

Ich war überzeugt, dass die Meinungsfreiheit in unserem Land stets unangefochten bleiben würde.  Doch plötzlich gibt es Leute, die dir Hass-Emails schreiben, die zum Boykott deiner Bücher aufrufen, deine Familie mit dem Tode bedrohen, deinem Sohn Krebs wünschen. Das ist etwas, das im israelischen Diskurs in der Vergangenheit nicht existierte. Dieses Tabu ist im letzten Gaza-Krieg gebrochen worden.

Etgar Keret, dessen Roman „Gaza Blues“ auch in Deutschland erschien, ist der Auffassung, dass man mit der Entscheidung Krieg zu führen,  immer auch Verantwortung übernehmen muss – für die toten israelischen Soldaten ebenso wie für die Opfer in Gaza. Dass er und andere Kulturschaffende in Internetforen für solche Meinungen als „Hasser Israels“ verunglimpft werden, auch dafür trügen die politischen Führer Israels eine Mitverantwortung.

Wir haben einen Außenminister, der auf seiner Facebook-Seite dazu aufruft, alle Geschäfte israelischer Araber zu boykottieren, die mit den Leuten in Gaza sympathisieren. Wir haben Leute in  Regierungsparteien, die auf ihren Facebook-Seiten dazu aufrufen,  nicht nur die Terroristen der Hamas umzubringen, sondern auch deren Mütter. Das ist Rassismus, der  vielleicht schon die Grenze zum Faschismus überschreitet. Diese Leute aber nennen es Patriotismus. Das ist extrem gefährlich.

Wie sein Kollege Etgar Keret ist auch der Schriftsteller Nir Baram der festen Überzeugung, dass sich Sicherheit für Israel nicht durch ein Mehr an Gewalt erzwingen lässt. Seit Jahren setzt sich der Autor für ein friedliches Zusammenleben zwischen Juden und Palästinensern ein. Bei einem gemeinsamen Spaziergang über die belebten Straßen Tel Avis beschreibt er die Zeit nach der Ermordung von drei Kindern jüdischer Siedler, die dem Gaza-Krieg vorausging.

Es war wie eine Welle. Araber wurden überall in Israel attackiert – in Bussen, Zügen Restaurants. Es war eine fürchterliche Zeit. Das Merkwürdige an Israel ist, dass es für zwei Wochen eine Apokalypse gibt, die sich dann plötzlich legt wie ein Sturm auf dem Meer. Doch immer bleibt etwas zurück und alle leiden an den Konsequenzen.

Die Mehrheit der Israelis hätte sich in einem komplizierten Verleugnungssystem eingerichtet, das von einem Gefühl moralischer Überlegenheit gegenüber den Palästinensern und arabischen Nachbarn gespeist werde, meint Nir Baram. Jüdische Kinder werden diesem System zufolge grausam ermordet, während es für jedes tote palästinensische Kind eine Rechtfertigung gebe. Was passiert, wenn dieses System nicht bald durchbrochen wird, frage ich den Theaterautor Yoshua Sobol zum Abschied.

Unser Land würde mehr und mehr rassistisch werden. Das alles hängt unmittelbar zusammen mit dem Erstarken des rechten politischen Lagers, das alle zwei Jahre einen kleinen Krieg führt – wie zum Beispiel den letzten im Gaza-Streifen. Das Ergebnis ist nicht mehr Frieden, sondern eine Zunahme „anti-arabischer“ Einstellungen. Ich sehe meine Aufgabe darin, mitzuwirken bei dem Versuch etwas in diesem Land zu ändern.

Produziert für Deutschlandfunk Kultur heute.