Geschmack der Räuberbarone

Eine Ausstellung im Kiewer Kunstmuseum zeigt Janukowitschs „Kunstschätze“

 

Die Kämpfe auf dem Maidan scheinen schon in Vergessenheit zu geraten. Nur ihre Folgen sind heute noch zu besichtigen. Dazu gehören aber nicht nur die Bestrebungen separatistischer Kräfte, Teile im Osten der Ukraine abzuspalten. Auch in Kunst und Kultur hinterließen die Kämpfe Spuren. So war z.B. der neo-klassizistische Prunkbau des Nationalen Kunstmuseum seit Jahresbeginn geschlossen, weil er sich damals, auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen in Kiew, sozusagen im Rücken von Janukowytschs Spezialeinheiten befand. Einem Gebiet, dass Sperrgebiet war. Jetzt hat das Museum seine Pforten geöffnet und macht sofort durch eine Sonderausstellung auf sich aufmerksam. Es hat alle Objekte aus Viktor Janukowytschs Residenz zusammengetragen und den bekanntesten postmodernen Maler der Ukraine gebeten, aus ihnen eine Ausstellung zu kreieren. Entstanden ist ein Exposition, die die Betrachter vor Entsetzen staunen lässt und Diskussionen provoziert. Mirko Schwanitz und Ivan Gayvanovich berichten.

Es herrscht wieder reges Treiben vor dem Nationalen Kunstmuseum in Kiew. Besucher eilen die Treppen hinauf, vorbei an den zwei riesigen Löwen, die den Eingang bewachen. Viele wollen die Sonderausstellung sehen, mit der das Museum nach monatelanger Schließzeit wiedereröffnet wurde. Gezeigt werden alle in Meschehyria, der Residenz des geflohenen Präsidenten Viktor Janukowytsch, gefundenen Artefakte.

…Interior-Dekor, sinnlose Geschenke… Was mich aber wirklich wundert ist, dass ich unter all dem auch eine Vase von Pablo Picasso sehe. Das meiste aber ist … kommerzielle Schmiererei, die keinen künstlerischen Wert hat. So viel goldene Bilderrahmen, so wenig Kunst.

 

…urteilt ein Besucher, der bekannte Rocksänger und Galerist Pawlo Gudimow. Warum aber stellt man so etwas aus? Es ist eine Frage, die Kurator Oleksander Rojtburd dieser Tage oft zu beantworten hat.

Es ist interessant zu sehen, auf welchem Niveau Viktor Janukowytsch dachte. In welcher Weise dieser Mensch den Wert von Kunst und Kultur beurteilte. Ein Mensch, der über unser Schicksal entschieden hat. Das ist doch durchaus sehr lehrreich.

Oleksander Rojtburd ist einer der bekanntesten postmodernistischen Maler der Ukraine. Es hat ihn und seine Co-Kuratorin Alissa Loschkina Mühe gekostet, Kitsch und Kunst in einem schlüssigen Ausstellungskonzept zu vereinen. Nun schreiten die Besucher wie durch ein Buch, das in einzelnen Kapiteln viel über Nariss und Psyche postsowjetischer politischer Eliten erzählt. Genau dies sei auch das Ziel der Ausstellungsmacher gewesen, erklärt Alissa Loschkina:

Im Großen und Ganzen zeigt die Ausstellung, was deren Kunstgeschmack am genauesten charakterisiert: es ist der Eklektizismus, diese absolute Inkonsequenz der Eigentümer. Bei Janukowytsch beginnt es mit der Residenz selbst. Ein Holzhaus im Rokoko-Stil! Daneben Gebäude im Empire-Stile des Stalinismus! Und unsere Ausstellung zeigt nun präzise eine ähnliche Gleichgültigkeit gegenüber Kunst und Kultur. Diese Schicht betrachtet alle Dinge nur als teure Spielzeuge zur Dekorierung ihres Lebens ohne über den kulturellen Kontext der Dinge nachzudenken.

Und so wechseln auf den Gesichtern vieler Besucher ungläubiges Staunen und blankes Entsetzen in rascher Reihenfolge. Auch bei Pawlo Gudimow, als er jenen Raum betritt, in dem das „Kapitel des Ruhms“ aufgeschlagen wird. Hier finden sich, neben zahlreichen Janukowytsch-Porträts auch Bilder aus dem Besitz des geflohenen Generalstaatsanwaltes Wiktor Pschonka. Der ließ sich als Generalfeldmarschall auf dem Schlachtfeld von Borodino verewigen, während seine Frau von einer anderen Leinwand als Zarin auf den Betrachter herabblickt.

Das sollte man eigentlich nicht im Nationalen Kunstmuseum, sondern eher in einem Museum für Psychiatrie zeigen. Was ich hier sehe sind psychische Abweichungen. Wie kann sich ein Mensch im 21. Jahrhundert mit solchen Selbst-Porträts umgeben?!

Eine andere Besucherin zeigt sich schier erschlagen von der Fülle von Kunst und Kitsch, Prunk und Protz.

Wie kann man zuhause nur so viele nutzlose Dinge horten? Wofür? Wofür nur so viel…..?

Befragt, ob er den Geschmack jener Eliten, aus denen auch ein Viktor Janukowytsch stammt, definieren könne, muss Kurator Oleksander Roitburd lange überlegen.

Es entstand eine Kultur der Geschmacklosigkeit, eine besondere Ästhetik – ich würde es als die Ästhetik von Räuberbaronen bezeichnen.

Da ist es wohl nur dem Zufall zu verdanken, das der Besucher im „Kapitel des Geistes“ zwischen all dem Prunk und Protz auch wirkliche Kunstschätze findet: Neben der Picasso-Vase auch wertvolle Ikonen aus dem 14. Jahrhundert oder eines der ersten in Osteuropa gedruckten Bücher aus dem Jahr 1574. Viele Besucher verlassen die Ausstellungen mit den unterschiedlichsten Gefühlen. Doch gibt es eines, das fast alle miteinander vereint. Eine Besucherin aus Moskau fasst es so zusammen

Ich denke, die Ausstellung erzählt von einem Menschen, der sich vom wahren Leben völlig entfernt hat. Ich fühle merkwürdigerweise so etwas wie Mitleid gegenüber soviel Armseligkeit. Ja, ich habe generell Mitleid gegenüber solchen Menschen.

Produziert für WDR 3 Mosaik.