Georgien – Ein Versuchslabor für Frauenmörder?

Warum Georgiens Frauen um ihr Leben fürchten

Der 25. November wird international als der Tag begangen, an dem auf die weltweit zunehmende Gewalt gegen Frauen aufmerksam gemacht werden soll. Vor diesem Hintergrund wollen wir den Blick in ein Land werfen, das in den Medien oft nur am Rande aufscheint – Georgien. Dort erschüttert in diesem Jahr eine grausame Mordserie an Frauen die Öffentlichkeit und führt nun zu anhaltenden Protesten über die Untätigkeit der Behörden. Sopho Zurabiani, eine junge 27 Jahre alte Justizbeamtin wurde am hellichten Tag an einer Bushaltestelle erschossen, eine Universitätsdozentin vor den Augen ihrer Studenten umgebracht. Es scheint, als hätten die Mörder überhaupt keine Angst vor Sanktionen. Wie konnte es dazu kommen? Edita Badasyan ist dieser Frage nachgegangen.

Es herrscht Aufruhr vor dem Parlamentsgebäude in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Dutzende Frauen schlagen im Takt auf Töpfe und Pfannen. Viele haben ihre Augen mit Tüchern verbunden und sich den Mund mit Tesa-Band verklebt. Grund ihres Protests ist die Untätigkeit der Behörden angesichts der dramatisch steigenden Zahl von Gewalttaten an Frauen in dem kleinen Kaukasus-Land. Sopho Kilassonia ist eine der Demonstrantinnen.

Wir haben unsere Augen verbunden, sagt die 42jährige, weil es bei uns eine Pseudokultur gibt, derzufolge Frauen blind alles zu ertragen haben, was um sie herum oder in der eigenen Familie vorgeht. Wir haben uns den Mund verklebt, weil diese Pseudokultur vorschreibt, dass wir alles still erdulden sollen. Unser Lärm richtet sich an die Politiker. Unsere verbundenen Augen und verklebten Münder aber sollen den anderen Frauen zeigen, dass es auch unser Schweigen, unser Erdulden ist, die Gewalt gegen Frauen begünstigt.

 

Eine bisher beispiellose Gewaltserie erschüttert das nur 4,5 Millionen Einwohner zählende Georgien. Im vergangenen Jahr wurden acht Frauen in ihren eigenen Familien ermordet, in diesem Jahr wurden bereits 23 Frauenmorde registriert. Die Bushaltestelle Varketili in einem Plattenbau-Viertel am Rande der Stadt. Keine Blumen liegen hier und kein Foto erinnert an die 27 Jahre alten Justizbeamtin Sopho Zurabiani, die hier erschossen wurde.

Sie hatte sich vor einigen Monaten von ihrem Mann getrennt, erzählt diese Nachbarin. Immer sei die junge Frau von hier zur Arbeit gefahren. Zuerst dachten wir, es sei ein Raubmord. Aber dann erfuhren wir, dass ihr Mann sie einfach erschossen hat. Sie verlor so viel Blut, dass sie auf dem Weg ins Krankenhaus verstarb.

Der Fall der Universitätsdozentin Maka Tsivtsivadze, die von ihrem Mann vor den Augen ihrer Studenten ermordet wurde, brachte das Fass zum Überlaufen. Die Frauen von Tiflis gingen auf die Straße. Frauen in anderen Städten folgten ihrem Beispiel.

Wie hier, vor dem Parlament in Tiflis, fordern sie alle ein härteres Durchgreifen der Behörden, härtere Bestrafungen der Täter und dass die Gesellschaft endlich aufhört wegzuschauen, wenn in ihrer Nachbarschaft oder der eigenen Familie Frauen oder Mädchen misshandelt oder vergewaltigt werden. Sie fordern aber auch eine klare Analyse, warum es in der georgischen Gesellschaft so weit kommen konnte:

Mehr als 20 Jahre erscheine ihr die georgische Gesellschaft wie ein Experiment, erklärt die Psychologin Rusiko Pkhakadze vom „Centre auf women consultation“ die Zunahme der Gewalt. In Georgien wären Aggressionen nicht bekämpft worden. Man habe sie zugelassen und beobachtet, was passiert. Man müsse sich nur einmal anschauen, welches Vorbild die Parlamentsabgeordneten der Gesellschaft böten, welche Hasskultur in den Debatten transportiert werde, sagt Rusiko Pkhakadze. Es sei auch diese politische Kultur, die dazu führte, dass die Täter immer offener vorgingen und keinerlei Angst mehr vor Sanktionen hätten.

Tatsächlich scheinen die georgischen Abgeordneten bisher kaum Handlungsbedarf zu sehen. Und das, obwohl es seit 2006 ein Gesetz gibt, das Frauen besser vor Gewalt schützen soll. Doch scheint die Umsetzung ein Problem. Es dauert viel zu lange, bis die Polizei selbst bei bekannten Fällen einschreitet, sagt Tamar Sabedaschwili vom „UN Women Programm“. Doch sie hofft, dass sich das mit dem Protest der georgischen Frauen nun ändern wird

Ich kann sagen, meint die Expertin, dass die Morde an den Frauen in diesem Jahr dazu beigetragen haben, dass endlich das Tabu gebrochen wurde, über diese Vorgänge zu sprechen. Es gibt noch immer Leute in unserer Gesellschaft, die diese Gewalt gegen Frauen rechtfertigen und kleinreden. Doch denen müssen wir in der nun öffentlich geführten Debatte klar zu verstehen geben, dass sie damit genauso viel Schuld auf sich laden, wie die Täter.

Produziert für SRF 4 Aktuell.