Fluchthilfe: Mit einem Täuschungsmanöver nach Berlin

Einem Flüchtling über die Grenze zu bringen – das gilt offiziell nicht nur in Deutschland als strafbar. Fluchthelfern droht eine Geld- oder sogar Gefängnisstrafe. Doch ein Berliner Paar lässt sich davon nicht abschrecken. Seit zwei Jahren kennen sie einen jungen Syrer, den sie auf einer ihren Reisen getroffen haben. Seit dem begleiten sie den Kriegsflüchtling erst virtuell per Facebook und Whatsapp auf seiner Flucht, sind froh, dass er die Bootsfahrt von der türkischen zur griechischen Küste überlebt. Aber auf der letzten Etappe reicht es nicht mehr, nur per Smartphone und Computer dabei zu sein. Für die unpassierbaren Grenzen wird das Berliner Paar zu Fluchthelfern. Ihre Geschichte haben sie Maximilian Grosser erzählt – und weil die Rechtslage zu Fluchthilfe nicht eindeutig ist, sollen hier die richtigen Namen nicht genannt werden.

Eigentlich wollte Ahmed Tiermediziner werden, für seinen Abschluss brauchte er nur noch ein Jahr. Doch statt Examen schrieb er in den vergangenen drei Jahren Nachrichten von seiner Flucht aus Syrien – auch an das Berliner Paar Gunnar und Sophie. Die Studentin kennt den jungen Syrer seit einer Reise nach Jordanien vor zwei Jahren. Als Ahmed aus Mazedonien und dann Serbien schreibte – wurde der Plan von Sophie und Gunnar plötzlich konkret: sie wollten dem syrischen Flüchtling die letzte Etappe erleichtern und ihn mit dem Auto aus Budapest nach Berlin holen. Eine Woche bereiten sie sich darauf vor, erzählt Sophie. Denn Offiziell ist das eigentlich strafbare Fluchthilfe.

Wir waren bei einer linken Rechtsberatung, dann noch bei einer Organisation, bei zwei Rechtsanwaltskanzleien. Was sind die Konsequenzen für uns, welche Leute ziehen wir hinein, bringen die wahrscheinlich auch in schlechte Situationen. Dann hatten wir einen sehr schönen Anwaltbesuch, bei einem Menschen, der uns ziemlich bestärkt hat, das zu tun, der uns klar gemacht hat, das Fluchthilfe, die nicht kommerziell geschieht, dass die nicht mal strafbar ist.

 

Während sich Ahmed von Serbien in Richtung Ungarn weiter durchschlug, packten Sophie und Gunnar Gepäck für einen Urlaub und einen Reisführer für Täuschungsmanöver ein. Ein gemeinsamer Freund, der Ahmed ähnlich sieht, gab seine Pass mit dazu. Sophie und der Theaterregisseur Gunnar sitzen mit Ahmed in einer Berlin Studenten-WG, als sie das erzählen und sind noch immer überrascht, über die gelungene Fluchthilfe. Die startete an einem Sonntagmorgen Mitte Juni. Ein kleiner Peugeot dient als Fluchtwagen, im Autoradio läuft Rockmusik und die Songs des Buena Vista Social Club. Auf der Fahrt feilte das Paar an seinen Geschichten, die sie Polizisten auftischen könnten.

Wir hatten so verschiedene Szenarien durchgespielt, was könnte passieren, wenn wir angehalten werden. Erstmal treten wir als befreundete Gruppe auf, die gerade Urlaub macht und hatten noch ein Backup im Internet, eine Mitfahrgelegenheit reingestellt. Und diese Mitfahrgelegenheit von einer neuen Adresse aus gebucht.

Als Sophie und Gunnar Budapest erreicht hatten, waren kaum syrische Flüchtlinge auf den Straßen zu sehen. Nur wenige Orte gibt es für die Hilfesuchenden, an denen sie ohne gültige Papiere unterkommen. An einem wartete Ahmed, erzählt Gunnar.

Eines davon ist das berühmte Omnibushotel. Das ist ein unfassbar ranziges Hotel. Es war von unserer Seite relativ unklug, dass wir uns da irgendwie aufgehalten haben.

Das Hotelpersonal wurde auf Gunnar und Sophie sofort aufmerksam und bereitete den beiden Sorgen. Haben sie vielleicht das Nummernschild notiert und an die Polizei gemeldet? Doch die Freude für Sophie und Gunnar war größer als die Sorgen, als sie Ahmed vor dem Hotel treffen. Doch den Syrer beherrschen noch die düsteren Tage seiner Flucht.

Ich hatte ein falsches Lächeln aufgesetzt. Ich hatte eine harte Zeit hinter mir, die Nacht, als ich die ungarische Grenze überquerte, wurde ich verprügelt. Ich konnte in dem Moment nicht viel erzählen, ich machte mir Sorgen, weil sich die beiden für mich in Gefahr brachten.

Kurz darauf machten sich die drei zurück auf den Weg nach Berlin. Nur einmal, an der Grenze zur Slowakei mussten sie Angst haben, dass der Plan auffliegt, erinnert sich Gunnar.

Wir hatten dann doch eine Situation, dass der Grenzübergang zwischen der Slowakei und Ungarn dann doch besetzt war auf der Rückfahrt, was er auf der Hinfahrt nicht war. Das war mit Abstand die größte Schrecksekunde. Dann war da ein großer sehr imposant wirkender grüner Mann mit einer Kelle.

Der Grenzpolizist sieht allerdings nur den Reiseführer auf dem Armaturenbrett. Und Gunnar, der als Beifahrer Brötchen schmiert. Das Täuschungsmanöver gelingt, die Kontrolle fällt aus. Die Fluchthelfer mit Ahmed auf dem Rücksitz durften als gewöhnliche Touristen weiterfahren. Ein paar Stunden später erreichten sie Berlin – und feierten in einer Kneipe ihre anderthalbtägige Mission.

Produziert für Deutschlandfunk heute.