Moldau: Auf dem Weg in Putins Zollunion?

Wie Putin im Schatten des Krim-Konflikts gegen die Republik Moldau vorgeht

Auf dem Wega nach Gagausien

Im Schatten der Krim-Krise, setzt Putin auch andere ehemalige Sowjetrepubliken unter Druck. Sein nächstes Ziel: Die Republik Moldau soll in eine postsowjetische Freihandelszone fern der EU einverleibt werden. Bisher nutzt er wirtschaftliche Druckmittel: erneut wurde die Einfuhr moldauischer Weine nach Russland erschwert und den ersten 20.000 von knapp einer halben Million moldauischen Gastarbeitern die Wiedereinreise nach Russland verwehrt. Nun startet Russland den nächsten Schachzug: Es will die autonome Region der gagausischen (gaga – usischen) Minderheit  in der Republik Moldau dazu ausnutzen, das geplante EU-Assoziierungsabkommen zu verhindern. Ein Beitrag von Simon Ciochină und Maximilian Grosser.

Im moldauischen Comrat erinnert ein gusseisernes Relikt an längst vergangene Zeiten. Vor einem schmucklosen Verwaltungsgebäude begrüßt ein riesiger Lenin die Besucher. Sein Blick noch immer zukunftsgerichtet, so als hätte es den Untergang des Sowjetreiches nie gegeben. Und irgendwie scheint ein letzter Funke dieses Geistes im Denken der Menschen, hier 100 km südlich der moldauischen Hauptstadt Chisinau, noch immer zu glühen.

98 Prozent der Bevölkerung in Comrat glaubt nicht an eine europäische Integration. Wir sind für mindestens zehn weitere Jahre psychologisch nicht reif für ein Bündnis mit der EU, Und die wenigen Unternehmen, die es hier gibt, sind doch gegenüber denen in Europa überhaupt nicht wettbewerbsfähig. Nur der russische Markt, kann uns über die nächsten zehn Jahre retten.

 

…sagt der akkurat gekleidete Mihail Formuzal. Der 54jährige ehemalige Sowjetmajor ist Gouverneur im verschlafenen Nest Comrat mit seinen 23.000 Einwohnern – der Heimat und dem Zentrum der der Gagausen. Insgesamt Rund 160.000 Menschen zählen zu der christlich orthodoxen Minderheit. Ihre Vorfahren stammen aus der Türkei.  Von seinem Büro direkt über Lenins Kopf regiert Formuzal über die seit zwanzig Jahren autonome Region Gagausien. Meist verständigt man sich hier auf Russisch. Im TV läuft Putins Staatsfernsehen. Doch die gagausische-russische Freundschaft hat noch andere, tiefere Wurzeln, sagt der Rentner Dimitri Dimcioglu.

Warum alle sagen, dass wir Gagausen die Russen lieben? Das hat mit unserer Geschichte zu tun. Als vor 200 Jahren der russische-osmanische Krieg tobte, haben uns die Russen gerettet. Seitdem sind wir Russland gegenüber loyal.

Die Loyalität für den früheren Bruderstaat nutzt Mihail Formuzal aus – und spielt damit Putin in die Hände. Sein Ziel: er will das schon lange geplante Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Republik Moldau um jeden Preis verhindern. Deswegen ließ er bereits vor einiger Zeit die Gagausen in einem Referendum abstimmen – mit überwältigendem Ergebnis. 98 Prozent sagten ‚nein’ zur EU und bevorzugen Putins postsowjetische Zollunion. Auch Dimitiri Dimcioglu. Doch er ließ sich von pragmatischen, nicht politischen Gründen leiten, betont der grauhaarige Herr.

Unser größtes Problem ist die Arbeitslosigkeit. Deswegen arbeiten viele Gagausen in Rußland. Aber wir haben uns nicht für Rußland, sondern nur für die Zollunion entschieden. Auch weil wir nur dort unsere Produkte verkaufen können. Wir haben nichts gegen die EU, sondern nur etwas gegen den Bruch mit Russland.

 

Für die landwirtschaftlich geprägte Region Gagausien ist der russische Markt lebensnotwendig, betont Mihail Formuzal. Außerdem arbeiten rund 25.000 gagausische Gastarbeiter in Russland.

Das Referendum ist auch Protest gegen die Macht in Chişinău. Die Regierung hat keine Lösungen für die wirtschaftlichen Probleme in Moldau. Wenn das Assozierungsabkommen unterschrieben wird, werden wir sofort aus der Russischen Föderation vertrieben. Was soll ich dann machen? Dann verlangen Menschen von mir Arbeit, die ich ihnen nicht geben kann.

Das EU-Handelsabkommen würde deshalb nach Formuzals Ansicht auch die Region Gagausien destabilisieren und deren Autonomie gefährden. Das Referendum birgt darüber hinaus noch weiteren politischen Sprengstoff. Denn die Gagausen stimmten gleichzeitig für die Unabhängigkeit von der Republik Moldau, falls das Parlament in Chişinău dem Assozierungsabkommen verabschiedet.

Petru Vlach hält aber die Spaltung zwischen Republik Moldau und Gagausien für unwahrscheinlich. Einen zweiten Transnistrien-Konflikt wird es nicht geben, sagt der Abgeordnete der Liberal-Demokratischen Partei Moldovas und Vertreter Gagausiens. Das Referendum ist denn auch als Ausdruck einer gagusischen Urangst anzusehen.

Daran sind auch die Politiker schuld. Seit dem Rumäniens Präsident Traian Basescu die Wiedervereinigung der Republik Moldau mit Rumänien fordert, haben wir nichts nennenswertes entgegen gesetzt, obwohl wir seit 1991 unabhängig sind und es bleiben wollen. Die Gagausen hat dieser Kurs in Schock versetzt, deswegen haben sie so entschieden. Wir wissen, dass Gagausien ein russophiles Gebiet ist. Das ist unsere Mentalität.

Formuzal weiß diese Ängste weiter zu schüren, in dem er das Gerücht einer möglichen Intervention des rumänischen Militärs in Gagausien streut – ganz im Sinne der russischen Propagada.

Produziert für WDR 5 Osteuropamagazin.