Ukraine: Schützengräben und Kontaktzonen

Osteuropäische Intellektuelle beraten über den  Umgang mit Russlands Manipulationsfabriken

Bei einer Konferenzreihe in Tutzing, München und Berlin haben mehr als 80 junge Medienexperten, Journalisten, Schriftsteller und osteuropäische Nachwuchspolitiker darüber beraten, wie man der derzeitigen russischen Propagandamaschinerie wirksam begegnen könne. Immer wieder zur Sprache kamen dabei sogenannte Troll-Fabriken. Das sind keine Fabelwesen, die inzwischen industriell gefertigt werden. Als Trolle werden die meist jungen internet-Spezialisten bezeichnet, die für ein nach russischen Maßstäben fürstliches Gehalt in sozialen Netzwerken oder per Kommentarfunktion bei wichtigen westlichen Medien Propaganda-Botschaften verbreiten. Jutta Schwengsbier berichtet.

Die westliche Welt, konstatiert der Osteuropahistoriker und Buchautor, Karl Schlögel, ist von der neuen Form der psychologischen Kriegsführung durch Russland völlig überrumpelt worden.

Es gibt eine ganz gezielte Instrumentierung. Mit diesen Troll-Fabriken, dass plötzlich die Redaktionen, immer wenn man ein Interview gegeben hat oder was geschrieben hat, oder an der Universität bekam ich plötzlich auf meine email wahnsinnig viel Post von irgendwelchen Leuten, die mich mit stereotypen Beschuldigungen, oder es wurden Briefe verschickt an alle Osteuropa-Historiker und Slawisten in ganz Deutschland. Wer dieser Schlögel denn sei und was der da jetzt treibt. Das war klar. Das war nicht eine spontane Aktion, sondern das war orchestriert auf höchstem Niveau.

Die modernen russischen Nachrichtenzentralen sind hochgerüstet für einen Informationskrieg in dutzenden von Fremdsprachen. Mit Fernsehsendern, Radiostationen. Nachrichtenagenturen. Satellitenprogrammen. Per Internet und Sozialen Medien. Die von dort aus mit dreistelligen Millionenbudgets gesteuerten staatlichen Desinformationskampagnen sind eher als orwellsche Sprachverwirrung zu charakterisieren, als durch einen Vergleich mit den Propagandakanälen aus Zeiten des Kalten Krieges. „In der Ukraine haben Faschisten die Macht ergriffen“, hieß es zum Beispiel. Oder „die Separatisten in der Ostukraine wehren sich gegen eine Unterdrückung der russischen Sprache“. Solche Behauptungen wurden mit so einer Vehemenz über verschiedenste russische Kanäle ausgestrahlt, bis sie schließlich von westlichen Medien ungeprüft in zahlreichen Talkshows wiederholt wurden, beklagt Karl Schlögel. Der Osteuropaexperte hat sich deshalb selbst aufgemacht, die neuen Feindbilder in der Realität zu überprüfen.

Man stellt fest, es ist schwierig, in Charkiv überhaupt eine ukrainisch sprachige Zeitung zu bekommen. Ja. Im Fernsehen wird Bilingualität praktiziert, wie sich das die Deutschen überhaupt nicht vorstellen können. Aber in den Talk-Shows erzählt man uns über die Diskriminierung des Russischen.

Schlögels Resümee: Vieles von dem, was da veröffentlicht wird, ist einfach nicht wahr. Wilde Vermutungen, Falschmeldungen, Verschwörungstheorien. Hassbotschaften. Die Cyber-Soldaten des russischen Informationskriegs verpacken inzwischen alles wie eine Nachricht. Mit gutem Journalismus hat das nichts mehr zu tun.

Feindbildproduktion ist zu einem zentralen Bestandteil beim Schüren von Konflikten, ja der Kriegsführung selbst geworden. Die neuen Medien haben ein Volumen und eine Intensität erreicht, das manche meinen Bilder seien schon zu einer eigenen Wirklichkeit geworden. Das wollen uns auch viele weiss machen. In einem Krieg der Bilder, so wird behauptet, kann nicht mehr unterschieden werden zwischen Fiktion und Fakten, zwischen Fantasterei und Wirklichkeit, zwischen Wahrheit und Lüge. Die Behauptung, dass alle Bilder gleich wahr und gleich falsch seien und das man sich kein Urteil mehr erlauben könne, ist eine Grundvoraussetzung des postmodernen Informationskrieges. // Es ist unwahr, denn wir können vor Ort gehen. Wir können recherchieren. Wir können herausfinden, was der Wahrheit entspricht, was nicht.

Guter Journalismus, die Überprüfung von Fakten, sei die einzige Möglichkeit der staatlichen Propaganda zu begegnen, ist auch Maxim Erestavi überzeugt. Aus dieser Erkenntnis heraus gehörte der junge ukrainische Journalist vor zwei Jahren zu den Mitbegründern des Internet- Senders „Hromadske.TV“.

Die Gesellschaft ist schon lange von Propaganda beeinflusst. Irgendwann hat jeder genug davon. (..) Unsere Mission ist es, die Gesellschaft mit genügend Informationen zu versorgen, zum Beispiel über Korruption. Wir haben oft darüber gesprochen, wie korrupt die Gesellschaft ist. Wie korrupt ukrainische Offizielle sind. Jetzt kann jeder konkrete Fälle von Korruption benennen. Wir reden über sehr teuere Autos bestimmter Behördenvertreter. Wir haben über Korruption innerhalb der ukrainischen Regierung bei der Verteilung internationaler Hilfe berichtet. Diese Geschichten machen einen wirklichen Unterschied.

Der ursprünglich von Freiwilligen der Euromaidan-Bewegung initiierte multimediale Internet-Kanal hat sich heute zu einem der wichtigsten osteuropäischen Mediennetzwerke entwickelt. Inzwischen erscheint Hromadske international neben ukrainisch auch auf englisch und russisch. Mit einem jährlichen Budget von rund 1 Million Euro. Finanziert wird das seit 2 Jahren bestehende Medienprojekt über Crowd Funding. Und von einige westlichen Staaten, die der russischen Propaganda inzwischen durch verstärkte Förderung von zivilgesellschaftlichem Engagement zu begegnen versuchen. Denn die russische Propaganda nur mit westlicher Antipropaganda zu beantworten, sei der falsche Weg, glaubt Maxim Erestavi.

Propaganda radikalisiert die Gesellschaften. Propaganda läßt die gemäßigte Mitte verschwinden. Es gibt keine Ebene mehr für Diskussionen und keine Basis für guten Journalismus. Journalismus wird polarisiert, voreingenommen und produziert Hass und falsche Botschaften.

Viele Menschen sind derzeit schon nicht mehr zu einem Dialog bereit, weil die Wunden des Krieges viel zu tief sind, fasst der Schriftsteller Serhii Zhadan seine Erfahrungen in der Ukraine zusammen. Sein Appell:

Solange wir reden, müssen wir mit dem reden fortfahren. Solange das Gegenüber nicht zur Waffe greift, muss man versuchen mit ihm weiter zu sprechen. Sehr oft hören wir unser Gegenüber nicht, weil wir selbst viel zu großen Lärm machen.

Für Zhadan und andere Osteuropaexperten ist klar: In Zeiten der Medienhysterie kommen wir aus den medialen Schützengräben nur durch Dialoge wieder heraus. Nicht mit Anti-Propaganda! Sondern durch neue Kontaktzonen, in denen wieder über eine gemeinsame Zukunft geredet wird.

Eine Produktion für ORF.