Juden im »Tatort« und Schwarze in den Schlagzeilen

Eine internationale Konferenz erforscht Rassismus in den Medien

medien und minderheiten

Muslime in der Mittelschicht, Schwarze als Rechtsanwälte oder Juden ohne Kippa? Geschichten die auch in deutschen Medien nur sehr selten vorkommen – vorherrschend sind meist stereotype Bilder, wenn über Minderheiten berichtet wird. Roma tauchen oft nur als sogenannte Armutsflüchtlinge und Gefahr für das Sozialsystem auf. Und der Islam wird mit Fanatismus und Terrorismus gleichgesetzt. Grund dafür ist, dass Minderheiten nur einen Nachrichtenwert haben – um es einmal zugespitzt auszudrücken – wenn sie Probleme machen und negativ auffallen. Dieser Umgang mit Vorurteilen in Medien war nun auch Thema einer Konferenz in Berlin. Hier trafen sich internationale Medienforscher, um ihre Beobachtungen, um über das Verhältnis von „Medien und Minderheiten“ – so der Titel des Treffens – zu diskutieren. Doch nicht nur Nachrichten fördern stereotype Bilder, wie Maximilian Grosser zeigt.

Kriminalkommissar Horst Schimanski will einem orthodoxen Juden helfen, weil der angeblich in dubiose Geschäfte verwickelt ist. So erzählt es der Spielfilm von 2004. Auch ein Konstanzer Tatort von 2003 mit Kommissarin Klara Blum widmete sich einem ähnlichen Thema. Beide Krimifilme wollten über antisemitische Vorurteile aufklären – und verfehlten im Spiel mit den Ressentiments ihr eigentliches Ziel, sagt Medienforscher Daniel Wildmann,

Letztlich geht es darum, wie inszeniere ich orthodoxe Juden in Bezug auf die Frage, wo stehen sie in der deutschen Gesellschaft. Es geht um eine bestimmte visuelle Sprache, die in den Zwanzigern entwickelt wurde, mit Jud Süß wahrscheinlich Allgemeingut wurde im Bezug auf wie sehen jüdische Räume aus, wie sehen orthodoxe Juden aus. Und das ist wahrscheinlich das Problem bei diesen Filmen, dass sie nicht loskommen, von bestimmten Kennzeichnungen, die Juden außerhalb der Gesellschaft zeigen.

 

Statt aufzuklären transportierten beide Spielfilme antisemitische Bilder weiter. Unbewussten Rassismus oder unterschwellige Diskriminierung nennen das Forscher. Abzulesen ist der auch den Titelseiten von deutschsprachigen Nachrichtenmagazinen wie Focus, Stern, oder Cicero: ‚Die dunkle Seite des Islam’ oder ‚Unheimliche Gäste’ oder ‚Ist der Islam böse?’ Die Verengung des Islam auf Terrorismus und Fanatismus herrscht auch in Talkshowredaktionen vor, klagte die Konferenzleiterin Yasemin Shooman.

Ich bin mal von einem Journalisten in einem Hintergrundgespräch gefragt worden, geplant war eine Fernsehsendung zum Thema: „Passt der Islam zu unserer Kultur?“ Und er fragte mich, wo werden denn in Deutschland Muslime diskriminiert. Da habe ich gesagt: Fangen wir mal bei ihrem Sendungstitel an. Was glauben sie wie geht es Menschen, die dieser Minderheit angehören und das immer wieder erleben, dass sie ausgeschlossen werden?

Deshalb lud die Antiislamismusforscherin Yasemin Shooman internationale Medienforscher ins Jüdische Museum Berlin ein. Deren Forschungsfeld sind Stereotype in Medien sowie das Denken in Redaktionen, das Vorurteile gegenüber Minderheiten begünstigt. Die Ergebnisse vor allem aus typischen Einwandererländern wie Großbritannien und USA sind alarmierend. Augie Fleras Urteil über kanadische Fernsehkanäle zeigte das exemplarisch.

Die Medien unterscheiden zwischen guten und schlechten Minderheiten. Es gibt für sie die Minderheiten als Vorbilder, die als hart arbeitend, bewusst gegenüber kanadischen Werten und mit intaktem Familienleben dargestellt werden. Im Kontrast werden andere Minderheiten als diejenigen gezeigt, die kanadische Werte angeblich ablehnen. Eigentlich will Kanada eine multikulturelle Gesellschaft sein. Dabei geht es aber nicht um Vielfalt, sondern um Integration ins existierende System. Kulturelle Unterschiede sind belanglos.

Dieses Denken unterstützt die Macht der Stereotype über Migranten. Türkische Frauen, die akademische Bilderbuchkarrieren machen? Oder Roma, die erfolgreiche Unternehmer sind und nicht betteln? Für viele schwer vorstellbar – und wenn doch, werden sie nur als seltene Einzelbeispiele präsentiert. Solange Medien nach Geschichten verlangen, deren Slogans als gute Idee auf T-Shirts passen, wird sich wenig daran ändern – so ein Fazit der Berliner Konferenz. Deswegen sind Onlinemedien und soziale Netzwerke derzeit die wichtigsten Mittel, um gegen Stereotype anzukämpfen. Kommunikationsforscher Charlton McIllwain hatte das zuletzt im Fall des getöteten Schwarzen Michael Brown in Ferguson analysiert.

Nicht nur all die Nachrichten und Informationen über die Tötung Michael Browns begannen in Sozialen Medien. Sondern auch, dass der Fall in Ferguson als rassistische Tat gewertet wurde. Und das hielt an. Ich fand es überraschend, dass alle großen Medien, selbst die rechtsgerichteten Fox News, über diesen Schwarzen als unbewaffnetes Opfer berichteten. Für mich geht das direkt zurück auf den Austausch via Twitter.

Auch im deutschsprachigen Raum war eine Twitter-Kampagne zu Alltagsrassismus erfolgreich. Mit dem Hashtag #Schauhin versammelte der Kurznachrichtendienst Meldungen über Diskriminierung etwa in Schulen, Behörden und Universitäten. Drei Tag lang war das das beherrschende Thema des Sozialen Netzwerks. Und klassische Nachrichtenmedien berichteten darüber.

Produziert für SRF 2 Kultur.