Vietnam: Kontrollierte Literatur

Vietnamesische Autoren und die Abkehr vom Kommunismus

Lange vor den Umbrüchen in Osteuropa begannen die vietnamesischen Kommunisten ihr Land langsam zu öffnen.  „Doi Moi“ – Politik der Erneuerung nannten sie ihren Kurs, mit dem sie ihr Land  modernisieren wollten. Tatsächlich bewahrten sie es so vor dem Zusammenbruch, der die meisten Staaten des damaligen sozialistischen Lagers schon bald ereilen sollte. Heute zählt Vietnam heute zu den „Tigerstaaten“ Asiens.Und doch gibt es bis heute keine Meinungsfreiheit, hält die allmächtige Partei den Kulturbetrieb noch immer unter strikter Kontrolle.

Doch allmählich beginnen sich immer mehr Autoren abzuwenden von den kommunistischen Idealen und kritisieren in ihren Büchern zugleich, wie die noch immer herrschenden Kommunisten mehr und mehr zu roten Kapitalisten werden und die während der Befreiungskriege mit 2 Millionen Opfern hart erkämpfte Solidarität in der Gesellschaft auf dem Altar von Korruption und Vetternwirtschaft opfern. Die Situation von vietnamesischen Autoren war eines der Themen auf der heute (Sonntag) zu Ende gehenden Jahrestagung des deutschen PEN. Mirko Schwanitz berichtet:

Eine zähe Masse aus Fahrradfahrern und tausenden  Mopeds wälzt sich eilig durch die Straßen. Schon am Morgen wirkt Saigon wie auf Speed. Seit die Kommunisten 1986 „Doi Moi“ verkündeten, die „Politik der Erneuerung“ hat sich das Land in die Reihe der Tigerstaaten Asiens katapultiert. Das Erdgeschoss  von Vietnams südlicher Metropole gleicht schon lange einem riesigen Kaufhaus

Ich schreibe am liebsten über das Leben der Leute, die unmittelbar um mich herum leben. Ich würde mir wünschen, dass die Stadt einmal leer wäre, nicht dieser brodelnde Hexenkessel. Eigentlich kann Saigon keinen einzigen Menschen mehr vertragen.

 

…beschreibt die 42jährige Schriftstellerin Van Thi Vang Anh das Leben in Saigon. In zahlreichen Kurzgeschichten und fünf Büchern hat sie festgehalten, wie die Folgen des Doi Moi das Land  verändert haben. Seit Ende der Neunziger Jahre spiegelt auch die vietnamesische Literatur nicht mehr nur den heldenhaften Befreiungskampf gegen die Amerikaner,  sondern auch die Willkür der Kommunisten, erklärt der Schriftsteller Ngyen Quang Sang

Bei uns  wird immer behauptet, dass die Menschen, die damals an der Front gekämpft haben, von der Kommunistischen Partei unterstützt wurden. Aber in Wirklichkeit wurden nur die unterstützt, die eine relativ gute Ausbildung hatten und die bekamen die entsprechenden Funktionen. Die kleinen Leute wurden in ihre Dörfer geschickt und mussten weiterleben wie vor dem Krieg, ohne Hilfe, ohne Unterstützung.

Quang Sang löste einen Skandal aus, als er ein Buch über einen ehemaligen Soldaten schrieb, der im Kampf ein Schiff versenkte, damit es nicht den Amerikanern in die Hände fiel. Als er in sein Dorf zurückkehrt, wird er aber nicht als Held gefeiert, sondern als Verräter verurteilt.

Vor Doi Moi waren die literarischen Helden meist Kriegshelden. In meinem Werk „Der pensionierte General“ erzähle auch ich von einem solchen Helden. Aber ich zeigte einen solchen Helden in einer Situation, in der er sich dem normalen Leben stellen muss, letztlich an ihm scheitert, weil er hier kein Held sein kann, weil ihm seine gewohnte Rolle hier nicht hilft.

…erinnert sich Ngyuen Huy Thiep, während er im Zug von Saigon nach Hanoi sitzt. Es war Thiep der bereits 1986 mit seinem kurzen Text den Epochenwechsel in der vietnamesischen Literatur einleitete, die früheren Helden vom Sockel holte und so zum ersten Vertreter der neuen jungen Literatur Vietnams wurde. In diesem Text, abgedruckt auch in seinem 2009 auch in Deutschland erschienen Erzählband  „Der pensionierte General“ gab Thiep zum ersten Mal einen Helden der Lächerlichkeit preis, stellte die Gleichmacherei in Frage und kritisierte gleichzeitig, wie die Kommunisten mit jenen umgingen, die dafür gesorgt hatten, dass Vietnam befreit wurde.

Ich glaube, dass die Literatur in Vietnam noch immer etwas anderes ist, als in anderen Ländern. Sie ist noch immer sehr eng mit der Politik verwoben. Die meisten Schriftsteller sind nach wie vor Angestellte des Staates. Das heißt, dass ihre Bücher ganz klar propagandistischen Zwecken dienen. Doch Vietnam verändert sich. Und das führt natürlich dazu, dass auch die Literatur sich verändern muss.

Die Partei beäugt misstrauisch die Abkehr einer immer größer werdenden Gruppe von Schriftstellern von den kommunistischen Idealen der Vergangenheit, sagt die Schriftstellerin Van Thi Vang Anh:

Ich schreibe darüber, dass es kaum noch Solidarität zwischen den ärmeren und reicheren Menschen in diesem Land gibt. In meinen Büchern kritisiere ich Korruption und Vetternwirtschaft. Klar, manchmal trauen sich ein paar auf die Straße mit Plakaten, auf denen sie die Leute auffordern, einander beizustehen. Aber von konkreten Taten sind die meisten noch weit entfernt.

Das würde ihnen auch nicht gut bekommen. Denn der wirtschaftlichen Liberalisierung ist mitnichten eine  ideologische gefolgt. Die Partei gewährt der Literatur nur solange Freiheiten, wie sie sich zwischen zwei Buchdeckeln befindet. Öffentliche Kritik jedoch ist bis heute für jeden vietnamesischen Autor gefährlich. Das musste auch die Schriftstellerin Tran Khai Thanh Thuy erfahren, die begonnen hatte, in einem Internet-Blog über Menschenrechtsverletzungen zu schreiben. Sie wurde unter einem Vorwand verhaftet und zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

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