Tschetschenien: Die Tagebücher der Polina Scherebzowa

Cover Polinas TagebuchZum 70. Mal jährt sich in diesem Jahr das Ende des Zweiten Weltkrieges. Eines der bewegenden Zeugnisse dieser Zeit ist das weltweit bekannte Tagebuch der Anne Frank. Jetzt ist aus einem weit weniger lang zurückliegenden Krieg ein ähnliches Tagebuch erschienen. Aus einem Krieg, den viele von uns schon vergessen haben. Das Tagebuch der Polina Scherebzowa aus dem vor genau sechs Jahren zu Ende gegangenen Tschetschenien-Krieg, hat das Zeug, die Welt ebenso zu erschüttern, wie die Aufzeichnungen von Anne Frank.Anders als Anne Frank allerdings ist seine Autorin der Hölle entkommen, wenn auch versehrt und traumatisiert. Nach ihrer Flucht nach Moskau wurde sie so zusammengeschlagen, dass sie ihr Kind verlor und keine weiteren Kinder bekommen kann. Polina Scherebzowa hat überlebt. Mirko Schwanitz hat sie getroffen.

Es ist ein beindruckender Stapel. Über dreißig dicke Schulhefte. Manche zerrissen. Einige fleckig. Andere mit losen Seiten. Seiten mit Ringbindung oder in angegrauten Pappeinbänden. Es sind die Tagebücher eines Mädchens, das in einem Krieg aufwuchs, der nicht vor siebzig, sondern vor gerade einmal sechs Jahren zu Ende ging –  und den heute schon wieder alle vergessen haben.

Als ich meine Tagebücher in den Computer tippte, war ich vor allem erstaunt, dass ich alles, was ich da aufgeschrieben hatte, überlebt habe. Ich komme aus Grosny, der Hauptstadt Tschetscheniens. Der Stadt, die 2003 von der UNO zur meistzerstörten Stadt der Welt erklärt wurde. Ich wuchs in zerbombten Straßen auf, ich sah die Leichen am Straßenrand, die Russen schossen, die Tschetschenen schossen. Und ich frage mich, wie ich all das überlebt habe.

 

Als 1994 der erste Tschetschenien-Krieg ausbrach, war Polina Scherebzowa noch ein kleines Mädchen, gerade einmal neun Jahre alt. 1999, als der zweite Tschetschenien-Krieg ausbrach, war sie 14 und gerade in der Pubertät. Als er endete, war sie 24.

Als ich anfing zu schreiben, tat ich das mit dem Wunsch, über Freunde zu schreiben, über kleine Kätzchen, den schönen Prinzen, der mich eines Tages umwerben wird. Ich hatte die Hoffnung, dass ich mich einmal mit Hilfe meiner Tagebücher an eine schöne Kindheit erinnern kann. Als ich die ersten Zeilen schrieb, war nicht damit zu rechnen, dass es schon kurz darauf einen Krieg geben würde.

Polinas Eintragungen beginnen wie alle Mädchentagebücher. Sie beschreibt ihren kindlichen Alltag. Den Streit mit Freundinnen, Ärger mit Klassenlehrerinnen. Doch schnell schleicht sich der Krieg in ihre Zeilen. Die Stadt wird zum Trümmerhaufen. Das Mädchen wird sich von geschmolzenem Schnee und Zwiebeln ernähren. Die Zähne werden ihr ausfallen. 1998 wird sie hören, wie in der Wohnung über ihr jemand gefoltert wird. 1999 wird eine russische Streubombe ihr auf dem Markt das Bein zerfetzen. Und über all die  Jahre hinweg wird sie beschreiben, wie der Hass die Menschen um sie herum entstellt.

Ich habe tausende Zuschriften voller Dankbarkeit erhalten. Dafür, dass jemand endlich die Wahrheit über den Tschetschenienkrieg erzählt. Viele waren vor allem dafür dankbar, dass ich darin weder einen tschetschenischen noch einen russischen Standpunkt vertrete, sondern einfach nur schildere, wie ich als Kind diesen Krieg erlebt habe.

Tatsächlich wäre dieses Buch nur schwer zu ertragen, wären  Polina Scherebzowas Schilderungen nicht so voller Herzenswärme und Lakonie. Mit dem unbestechlichen Blick eines Kindes berichtet sie  aus dem Herzen der Finsternis. Es grenzt an ein Wunder, das Polina Scherebzowa dieser Finsternis entkommen ist.

Es war nicht mehr auszuhalten. Alle, die kritisch über dieses Thema geschrieben hatten, Journalisten wie Anna Politkowskaja, Natalia Estimirowa oder Viktor Popow sind getötet worden. Andere wurden eingeschüchtert oder verprügelt oder im Gefängnis gelandet.

Mit Journalisten hatte der russische Machtapparat gerechnet. Dass in den Trümmern ein Kind zum unkorrumpierbaren Chronisten von Kriegsverbrechen wird, konnte der Apparat nicht ahnen. Vielleicht ist es das, was Polina Scherebzowa für Russland und seine tschetschenischen Vasallen so gefährlich macht, dass sie sich heute in Finnland verstecken muss. Weil „Polinas Tagebuch“ beweist, dass es doch eine reine, eine unverstellte Wahrheit gibt. Eine Wahrheit, die alle Lügen entlarvt. Ein bewegendes, ein schreckliches aber wunderbares Buch!

Produziert für SRF 2 Kultur.