Rezension: Vladimir Kecmanovic „Sibirien“

 Vladimir Kecmanovic „Sibirien“In wirren Kriegszeiten, wenn Staaten ihren Rechts- und Machtanspruch nicht mehr durchzusetzen vermögen, so heißt es im Nachwort zu dem Roman, den wir Ihnen im Folgenden vorstellen wollen, blüht die Kriminalität. Genau das geschah in neunziger Jahren in Jugoslawien. Inzwischen existiert dieses Land nicht mehr. Angesichts der schwer zu durchschauenden Probleme, fristen die kleinen Nachfolgestaaten Jugoslawiens ein Dasein im Schatten des öffentlichen Interesses. Was einst Jugoslawien war, wird heute politisch korrekt unter dem Begriff  „Westlicher Balkan“ zusammengefasst. Der alte Name also ist verschwunden, die Kriminalität aber, die  ist geblieben. Aus den spontane Schiebereien, Plünderungen und Schwarzmarktgeschäften im Gefolge der Kriege und Wirtschaftssanktionen, hat sich eine nur schwer in den Griff zu bekommende organisierte Kriminalität entwickelt. Vor diesem Hintergrund spielt der Roman „Sibirien“ des 1972 geborenen serbischen Autors Vladimir Kecmanovic, dessen deutsche Übersetzung Matthes und Seitz soeben vorgelegt hat. Mirko Schwanitz hat ihn gelesen.

Vladimir Kecmanovic hat bereits ein halbes Dutzend Romane geschrieben. Doch den deutschen Lesern ist der 1972 in Sarajevo geborene serbische Autor weitgehend unbekannt.  Nur in der  Literaturzeitschrift „Neue Rundschau“ erschienen vor einigen Jahren Fragmente aus einem seiner Romane. In „Felix“, so dessen Titel, erzählte er die Geschichte von einem betrügerischen Rentner.  KecmanovicsThema sind die moralischen Folgen der Kriege, die in den 90er Jahren den Vielvölkerstaat Jugoslawien zerstörten. Sein Roman „Sibirien“ spielt im serbisch-kroatischen Mafiamilieu.

Miki hebt die Hand. Sozusagen: Du sollst ihm folgen. Miki dreht den Kopf zu dir. […] Sozusagen: Er wartet darauf, dass du dich bei ihm einhakst. […] Ihr kommt in einen Hof. Im Hof steht ein Auto. […] Mein Auto steht am Ende der Straße, sagst du. Scheiße, was soll ich jetzt machen? Er sagt: Ich würde sagen, das ist das geringste Problem. Er ist schon um den Wagen herum und hat die Tür aufgemacht. Er setzt sich, lässt den Motor an. Stützt sich mit dem Ellbogen auf die Rückenlehne. Durchbohrt dich mit seinem Blick. Kleine, sagt er, lass den Blödsinn und setz dich rein! Du sagst: Leck mich! Im Dunkeln siehst du die Hand nicht, die deine packt. Spürst nur den Griff, mit dem er dich in den Wagen zerrt. Du fällst quer über den Sitz. Auf den Bauch. Hörst, wie die Tür zuknallt. Es ruckt – der Wagen fährt. Mit einiger Mühe drehst du den Arsch in Richtung Polster. Stemmst dich kurz hoch und setzt dich. […] Du brüllst: Geht’s noch, du Affe, hat mein Alter gesagt, du sollst auf mich aufpassen oder mich verprügeln? Seine Stimme – feinster Tranquilizer. Er sagt: Vergiss deinen Alten.

Im Schatten europäischen Desinteresses betreiben reich gewordene Kriminelle ihr Unwesen inzwischen organisiert und in großem Stil. Die Kriminellen und Mörder der jugoslawischen Zerfallskriege von einst sind nun Geschäftsleute mit schwer gesicherten Anwesen. Von dort steuern sie, wenn notwendig, die Politik der neuen Kleinstaaten auf dem Balkan – die bei Kecmanovic nichts anderes sind, als eine neue Spielwiese für deren kriminelle Geschäfte. Kurzatmig und hart erzählt uns der  Autor in „Sibirien“ wie ein Mafiaboß die eigene Tochter entführen und in einer Gegend festhalten lässt, in der selbst die Signale der TV-Sender nur noch schwach ankommen.

Der Schnee auf dem Bildschirm nervt mich. Das Rauschen nervt mich. Eine Moderatorin, die sich auf Serbisch feiert, nervt mich. Ein kichernder Typ auch. Eine Sängerin, die auf Serbisch heult, nervt mich. Und auch ein Zeichentrickfilm mit Stimmen, die auf Kroatisch quaken. Ein paar Typen, die auf Kroatisch um einen Tisch herum klugscheißen, kotzen mich an. Auch die Kerle, die hinter einem Ball herrennen. Irgendwelche Jungs, die vor Müllcontainern rappen, kotzen mich an. Eine Modelparade, die über den Laufsteg zieht, kotzt mich an. Die Stimme einer Tussi, die auf Kroatisch über Mode faselt kotzt mich an. […] Ups! Ups! Ups! Anstelle der selbstverliebten Moderatorin und des kichernden Typs erscheint auf dem Bildschirm – mein Foto! Man hört die Stimme eines Sprechers. Er sagt, dass die Tochter eines zwielichtigen Geschäftsmanns gekidnappt wurde!

 

Dass sie vom eigenen Vater nur deshalb entführt wurde, um zwei Regierungen dazu zu bringen, eine konkurrierende Mafia-Gruppierung auszuschalten, begreift die namenlose Tochter und Heldin nur langsam. Nur selten erzählt sie von ihrer Entführung in der Ich-Form. Meist spricht sie von sich in der zweiten Person. Ganz so, als sei sie eine neutrale Beobachterin des Geschehens. In kraftvollen Ausdrücken, einer sich am Slang der Gangster anlehnenden Sprache, kommentiert die junge Frau zunehmend präzise die Handlungen ihrer Entführer. Auf diese Weise gelingt dem Autor ein wie auf Twitter geposteter, dahinrasender  Text, der neben dem eigentlichen Plot noch eine andere Geschichte erzählt.

Zwischen den Säulen erscheint ein Typ im Trainingsanzug. Sein Schädel quadratisch, sein Körper untersetzt. […] Du siehst ein Grinsen in Mikis Mundwinkeln. Hörst schallendes Lachen. Du drehst den Kopf. Und siehst: Der quadratische Typ kommt lauthals lachend auf euch zu. Du Mistkerl ruft er, warum erschreckst du meine Leute! Plötzlich zuckt Mikis Hand. […] Du siehst: Der quadratische Typ zuckt zusammen. […] Du wirfst dich flach auf den Rücksitz. Hörst Kichern. Hebst den Kopf. Sie umarmen sich. Klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. Geben einander einen Kuss. Der quadratische Typ will Miki auch einen auf die andere Wange küssen. Miki weicht zurück. Er sagt: Nur wenn wir uns den dritten Kuss geben.  Der quadratische Typ stößt ihn lachend von sich. Und tönt:  Dazu kriegst du mich nicht du serbischer Arsch. […] Diesmal bin ich dein … wie sagt ihr noch dazu? Weiß der Geier, sagt Miki. Vielleicht …. Wohltäter. Ja, Wohltäter auf Serbisch. Wir haben unsere eigene Sprache, sagt er. Und der Quadratschädel: Jaja, Wohltäter, ich scheiß auf deinen Wohltäter und auf deine Sprache. Du siehst: Er richtet seinen Blick auf dich. Und sagt: Ach, da ist ja auch das Fräulein, nachdem der halbe Westliche Balkan – so nennt man die Scheiße doch jetzt – sucht.

In dem Kecmanovic seine Heldin die  Umgangsformen innerhalb des Mafiamilieus genau beobachten lässt, wird „Sibirien“ auch zu einem Roman, der dem Leser erklärt, warum das organisierte Verbrechen den westlichen Balkan heute wie ein Krebsgeschwür durchsetzt. Denn nur wenigen dürfte bekannt sein, dass die Kriminellen in Serbien und Kroatien sich nie von der Kriegshetze in den 90er Jahren anstecken ließen. Sie gingen weiterhin ausschließlich ihren „geschäftlichen Interessen“ nach. Sie vermieteten sich,  wie die Übersetzer Mirijana und Klaus Wittman in ihrem überaus erhellenden Nachwort schreiben, sogar gegenseitig Panzer. Und so werden die damals von den Nationalisten als Schimpfwörter gebrauchten Begriffe „Ustascha“ für die Kroaten und „Tschetniks“ für die Serben, bei Kecmanovics Gangstern zu fast zärtlich gebrauchten Kosebezeichnungen.

Du siehst, ein junger Typ in sportlichem Outfit geht auf die Haustür zu. […] Schnell robbst du an die Zimmertür. Legst das Ohr an das Schlüsselloch. […] Du drückst die Klinke ganz langsam und leise runter. Machst die Tür auf, als unten die Haustür quietscht. […] Du hörst Miki sagen: Wo kommst du denn her, lieber Hrvoje? Was kann ich für dich tun, mein Ustascha?

Der Titel des Romans „Sibirien“ allerdings bleibt ein Rätsel. Kecmanovic sei aufgefallen, so heißt es dazu im Nachwort, dass Gefängnisinsassen sich häufig mit Dostojewski beschäftigten. Deshalb lasse er seine namenlose Erzählerin immer wieder Parallelen zwischen dem Motiv der Buße – bei Dostojewski in der sibirischen Verbannung verortet – und der Entführung in eine an Sibirien erinnernde Gegend ziehen. Diese, weil den Leser in die Irre führende  intellektuelle Spielerei des Autors, ist die größte Schwachstelle des ansonsten lesenswerten und spannenden Romans.

Vladimir Kecmanovic, „Sibirien“, Matthes & Seitz, 144 Seiten, Übersetzt von Mirjana und Klaus Wittman, Preis: 19,90 Euro.

Produziert für BR 2 Diwan.