Rezension: Thomas Geiger (Hrg.)Eine literarische Reise durch Europa

Thomas Geiger Luftspruenge

Mit Anthologien ist es so eine Sache – sie scheinen aus der Mode gekommen, fristen in manchem Bücherregal und mancher Buchhandlung ein trauriges Dasein. Und so gehört für manchen Verlag schon ein gewisser Mut dazu, die Idee der Anthologie neu zu beleben. dtv hat das getan. Der Leiter des Literarischen Coloquiums Berlin hat in dem Band „Luftsprünge – eine „literarische Reise durch Europa“ unternommen – zum großen Teil allerdings mit Texten, die nicht neu sind.

Warum das Ganze? Mirko Schwanitz hat das Buch gelesen und mit dem Herausgeber gesprochen:

Thomas Geiger versammelt in seiner „Literarischen Reise durch Europa“ gleich 37 Erzähler aus fast ebenso vielen Ländern. Das Konzept eines Lesebuchs schwebte ihm vor, so, wie man es aus der Schule kennt. Mit den Geschichten wollte er einen Kontrapunkt setzen zu all den Abgesängen auf die Einheit unseres Kontinents.

Das war sozusagen die Ausgangsüberlegung. Dass es eine große Europamüdigkeit … gibt. Wenn irgendwelche Akademien mit Europa kommen, dann winken alle ab und sagen: langweilig! Thema ist durch. Interessiert keinen. Macht nur Ärger. Und dann kommen noch Brüssel und die Institutionen.

In den von Thomas Geiger zusammengestellten Geschichten, erzählen bekannte und weniger bekannte Schriftsteller  von  i h r e  m  Europa – wie sie in ihm aufwuchsen, welche Bilder es in ihnen hervorruft,  welche Träume es in ihnen erschafft, wie sie sich verändern und was von ihnen blieb. Vor allem aber sehen sie das medial so geschmähte Europa anders. So, wie es vielleicht noch niemand gesehen hat. Etwa, wenn uns der Brite John Burnside in seiner Erzählung „How to fly“ mitnimmt in Europas Flughäfen – bis zum letzten von allen, irgendwo in der norwegischen Vidda, Europas größter Hochebene.

Lakselvs Flughafen ist abgelegen, winzig, am äußersten Rande Europas, weshalb es hier niemals geschäftig zugeht, und im Winter scheint er nahezu stillzuliegen. Man könnte meinen, es käme nur einmal am Tag ein Flugzeug vorbei, entlädt seine Passagiere, wendet und fliegt zurück nach Tromsö, steigt aus dieser schmalen Küstenstadt auf, überquert en route das Hochplateau und gewährt seinen Passagieren einen einmaligen Blick auf die steilen, schneebedeckten Seitenhänge des Vidda, einer der schönsten Landschaften, die ich je gesehen habe.                                   

                                           John Burnside, „How to Fly“ in „Luftsprünge“ S. 131, Übersetzer: Bernhard Robben

Anders als der Text von John Burnside sind nur wenige Geschichten im Buch wirklich neu. Vom traurigen Bergmann erzählte der Bulgare Georgi Gospodinov schon im Roman „Physik der Schwermut“. Über den  Sarajevoer Humor schrieb der Bosnier Dzevad Karahasan bereits im Essayband „Die Schatten der Städte“. Und die Dänin Janne Teller hat im Erzählband „Alles, worum es geht“ längst erklärt, warum wiegende Hüften hinter einem Bahndamm zu Gewalt führen können. Was also bringt es, all diese Geschichten aus ihren Kontexten zu reißen und in einem Erzählband neu zu versammeln?

Ich glaube, so ein Lesebuch kann vor allem die Vielfalt zeigen, die Vielfalt an Sprachen, die Vielfalt an Regionen, die Vielfalt an literarischen Ausdrucksformen und die Vielfalt an Autoren. Als ich fertig war mit der Auswahl fiel mir zweierlei auf. Das Eine war, dass es politischer wurde als ich dachte. Und dann, dass … je weiter ein politischer Glutkern sozusagen weg ist, desto persönlicher werden die Geschichten. Auch an den Rändern, merkwürdigerweise die englischen Geschichten, da ist `ne Liebesgeschichte. Oder Jean-Philippe Touissant aus Belgien ist `ne Liebesgeschichte…

Vielleicht ist es gerade Touissants Geschichte, die am besten die Magie dieser Anthologie zeigt. Zeigt, dass die Texte im Umfeld der anderen, den Gefühlen und Gedanken der Leser völlig neue Räume eröffnen können. Touissants Beschreibung seiner Angebeteten liest sich plötzlich wie eine Allegorie auf die Schwächen Europas, angesichts derer wir für die Stärken unseres Kontinents zunehmend blind zu werden scheinen.

Ich wusste nur zu gut, wie Marie einen fertigmachen konnte. Ich wusste bestens, was ihre anderen Kritiker nur zu einem Viertel wussten, wie oberflächlich sie war, wie leichtfertig, wie unverschämt und unbekümmert (und das sie niemals die Schubladen zumachte) aber kaum hatte ich diese Litanei schlechter Eigenschaften in Gedanken auch nur angetippt, stand mir auch schon wieder das Gegenteil dieser Beschwerden vor Augen, ihre geheime, verborgene Kehrseite, wie das wertvolle, den Blicken entzogene Unterfutter eines allzu auffälligen Schmucks.                            

                                      Jean-Philippe Touissant, „Nackt“ in „Luftsprünge“, S. 27, Übersetzer: Joachim Unseld

Das ist sicher eine schöne Interpretation, die mir auch sofort gefällt und  das ist mir eben auch wichtig, dass Europa als kultureller Raum aufscheint und das dieser eng besiedelte, wirklich kleine Kontinent so unglaublich vielfältig und kreativ war.

Eindrucksvoll erzählen Autoren, vom Litauer Eugenius Alisanka bis zum Iren Colm Toibin, von unserer Gegenwart. Sie reisen in ihren Geschichten vom Nordkap bis in die Ägais, von Russland bis nach Portugal. Und erzählen von allem, was zwischen diesen Punkten liegt: von Liebe und Identität, von Kriegen und Menschen auf der Suche nach Heimat oder wie die albanische Lyrikerin Luljeta Lleshanaku vom Leben in ihren Ländern:

 

Als meine Großmutter hierher kam

stand das Haus leer: es gab nur Waffen und den guten Namen.

Mit einer Handvoll Dingen sollte sie eine Stadt errichten,

ein Paar Schultern finden für einen Kopf.

Sie begann, in dem sie vor dem Haus einen Aprikosenbaum pflanzte.

Dann tröpfelten Kinder aus ihrem Körper,

wie Regen vom Vordach aus Eisenblech.

Und wer überlebte,

ist heute auf einer Schwarzweißfotografie erstarrt,

mit Anzügen aus Stoff und einem glatten Scheitel,

unbehaglich in der Brillantine,

wie in einem geliehenen Leben

Auszug aus: Luljeta Lleshanaku, „Montag in fünf Tagen“ in „Luftsprünge“, S. 16, Übersetzer: Andrea Grill

So werden die von Thomas Geiger versammelten Erzählungen mehr als nur „Luftsprünge“. Vor uns liegt eine literarische Vermessung Europas, ein poetisches Plädoyer. Doch ist dieser  Erzählband nicht nur eine Liebeserklärung an unseren Kontinent und seine gewordene Grenzenlosigkeit. Er ist vor allem eine Aufforderung, sich über seinen „allzu auffälligen Schmuck“ hinwegzusetzen und die Schönheit des von Touissant beschriebenen Unterfutters zu entdecken. Eine Aufforderung….

…. das man sich auf den Weg macht, sich mit der Geschichte und Gegenwart auseinandersetzt. Ich glaube, dass der Ausgangspunkt der Leser ist, der über solche Leseerfahrungen weiterlesen wird, wenn er Autoren für sich gefunden hat. Es ist ein großer Reichtum. Es ist eine große Vielfalt.

Produziert für BR 2 Diwan.