Rezension Szilard Borbely: „Die Mittellosen“

Szilard Borbely Die Mittellosen„Die Mittellosen“ heißt der unlängst bei Suhrkamp erschienene Roman des hierzulande noch völlig unbekannten Autors Szilard Borbely.  Es handelt vom Leben in einem Dorf, in dem die meisten Dorfbewohner arm, im wahrsten Sinn des Wortes „mittellos“ sind. In seiner Heimat Ungarn zählt man Borbely zu den großen zeitgenössischen Lyrikern, dekoriert mit allen wichtigen Literaturpreisen, die das Land zu vergeben hat. Fast ein Dutzend Gedichtbände hat er dort veröffentlicht, in vielen beschäftigte sich der bis vor kurzem in Debrecen lehrende Dozent für ältere ungarische Literatur mit existenziellen Fragen, mit dem Umgang mit der Erinnerung etwa, aber auch mit Themen wie Tod oder Angst.Um Erinnerung und Angst dreht sich auch alles in Borbelys Roman inhaltlich beklemmenden Roman „Die Mittellosen“ in dem Borbely seine eigene Kindheit verarbeitete. Mirko Schwanitz hat den Roman gelesen.

Der 1963 in einem kleinen siebenbürgischen Weiler geborene Szilard Borbely war einer der bekanntesten Lyriker Ungarns. Mehr als zehn Gedichtbände hatte er bereits veröffentlicht, bevor er 2013 seinen Roman, „Die Mittellosen“, schrieb. Es ist das erste und bisher einzige Buch des grandiosen, aber hierzulande noch unbekannten Autors, das bisher auf Deutsch vorliegt

Wir gehen und schweigen. Dreiundzwanzig Jahre trennen uns. Die Dreiundzwanzig kann man nicht teilen. Die Dreiundzwanzig ist nur durch sich selbst teilbar. Und durch eins. So ist die Einsamkeit zwischen uns. Man kann sie nicht in Teile zerlegen.

 

Schon in den ersten Zeilen des Romans, in denen ein kleiner Junge davon erzählt, wie es ist neben der Mutter zu laufen, springt einen die Verzweiflung an, eine diffuse Angst. Von ihr ist das Leben des heranwachsenden Ich-Erzählers erfüllt. Sie nimmt ihm den Atem, macht seine Sätze kurz und hart und scharf.

Ich fürchte mich vor den Hexen. Vor den Schwarzkünstlern, den sich in Stiere verwandelnden Unholden. Mir graut vor dem bösen Blick, vor Verwünschung. Vor den Zigeunern, die Kinder stehlen, um sie zu essen. Vor den Juden, die Kinder fangen. Ich fürchte mich vor den Brunnen.

Vor allem fürchtet sich dieser Junge. Besonders aber vor den Launen der Mutter, die sich im Brunnen umbringen will, selten spricht, still weint und laut schreit und an deren Arme und Beine sich die Kinder krallen, wenn sie sich wieder einmal den Strick nehmen will.

Nachts wagen wir nicht einzuschlafen. Uns ablösend, passen wir auf, dass sie sich nicht hinausstiehlt. Wir wachen. Als ich an der Reihe bin, schlafe ich ständig ein. Nach Luft ringend wache ich auf, ob die Mutter nicht rausgegangen ist. Stumm geben wir einander Zeichen.

Borbelys Roman hat stark autobiografische Züge und ist dennoch mehr als das beklemmende Porträt einer Familie in einem ungarischen Dorf am Ende der 60er Jahre. Mit seinem, von den Übersetzern Heike Flemming und Laslo Kornitzer kongenial übertragenen Sprachrhythmus,  gelingt es Borbely zu zeigen, was mit dem Leben passiert, wenn sich die Alltagssprache vollsaugt mit Gewalt, wenn ihr jede Kultur, jede Zärtlichkeit abhanden kommt.

„Warum geht das nicht? Nur weil es immer so gemacht wurde?“ Wenn sich meine Schwester mit meiner Mutter streitet, dann sagt meine Mutter, rede mir nicht rein. „Ich habe dich rausgeschissen. Ich werde mich doch nicht mit meiner Scheiße streiten“, sagt sie.

Der Junge versucht das Geheimnis zu ergründen, das die Familie zu Außenseitern und die Mutter so traurig und unbeherrscht macht. Er beobachtet und trainiert sich einen geradezu sezierenden Scharfblick an.

„Ich bin kein Jude“, sagt mein Vater. Er sagt das zu meiner Mutter. Sie ist böse auf ihn. „Zum Teufel mit deinem sturen Judenblut“, sagt sie, als sie sich streiten. … „Ich bin kein Jude. Schlag es dir aus dem Kopf“, sagt er zu meiner Mutter. Leise, fast flüsternd.

Ungeheuer effektvoll lässt Borbely im Schatten seiner Sätze alte  Ressentiments wuchern, dieses unausrottbare Unkraut der Geschichte.

Den Juden kann man nicht sehen. Der Jude ist nur ein Wort. Er ist überall, weil man ständig von ihm spricht, aber er ist unsichtbar. Der Jude ist das Gelbe an der Unterseite des Kartoffelblatts. Man braucht es nur umzudrehen, und es ist da. Gewöhnlich macht man es zwischen den Nägeln platt wie die Laus.

Mit solchen Reflexionen durchbricht Borbely immer wieder und geradezu subversiv die Chronologie des Romans. Die Lebenden leben nicht mehr, die Toten sind nicht gestorben. Die Zeit löst sich auf und  plötzlich ist alles Gegenwart. „Wir sind Ungarn, dass müsst ihr sagen“, schärft die Mutter den Kindern ein. In Ungarn kein Ungar zu sein, schien schon damals ein Unglück.

Ich ersticke fast, wenn man von den Juden redet. Wenn ich das Wort Jude höre, schnürt es mir die Kehle zu. Ich schnappe nach Luft. Bekomme Ohrensausen. … Ich gebe mir Mühe, so zu tun, als gehe mich das nichts an. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. … Meine Ohren glühen. …  Ich habe Angst, dass meine Ohren mich verraten. Sie reden immer über die Juden. Die Worte sind voller Drohungen. Ich habe Angst vor den Worten.

Szilard Borbely wuchs selbst in einer halbjüdischen Familie auf. Sein Großvater kam in Auschwitz um. Es dürften auch die jüngsten Ereignisse in Ungarn gewesen sein, die ihn dazu bewegten, den Roman „Die Mittellosen“ zu schreiben. In einem Brief an seine Übersetzerin Heike Flemming berichtet er zuletzt von Niedergeschlagenheit und „posttraumatischen Depressionen“. „Ich dachte, ich könne über all das schon schreiben“, heißt es da. Aber nein, wie sich herausgestellt hat.“ Szilard Borbely nahm sich im Februar das Leben. Uns hinterlässt er seinen einzigen, aber großartigen Roman.

Produziert für BR 2 Diwan.