Rezension: Dasa Drndic „Sonnenschein“

Schriftstellerin Dasa Drndic

Dasa Drndic, 1946 geboren, gilt in ihrer Heimat Kroatien als eine der wichtigsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Hierzulande ist sie noch völlig unbekannt. Mit ihrem bereits in 12 Sprachen und nun auch ins Deutsche übersetzten Roman „Sonnenschein“ könnte sich das jetzt ändern. Drndic, stammt aus Istrien. Einem Landstrich in dem es für viele Menschen normal ist, mehrsprachig zu sein, italienisch, slowenisch und kroatisch zu sprechen. Und so lässt die Autorin ihre Geschichte denn auch in Gorizia spielen, einer gemischtsprachigen Stadt, gelegen am der italienisch-slowenischen Grenze nahe Triest. Es ist ein Roman über die seit Suche einer Mutter nach ihrem Sohn.Es ist ein Roman, der uns – 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz – auf beklemmende Weise noch einmal mit der Schuld unserer Väter und Großväter konfrontiert. Denn er handelt von der deutschen Besatzung im adriatischen Küstenland. Gekonnt verflicht Dasa Drnidic hier Fakten und Fiktion, um sich dem zu nähern, was die Wahrheit sein könnte. Sie zeigt die Mechanismen des Bösen auf, führt uns vor, wie aus gewöhnlichen Menschen Verbrecher wurden und schreibt gegen das Vergessen an.

Die Tageszeitung „The Times“ aus London urteilte über das Buch: „Sonnenschein“ ist nicht nur ein Roman. Er ist ein historisches Zeugnis, ein Meisterwerk.“ Für uns hat Mirko Schwanitz das Buch gelesen und mit der Autorin gesprochen:

In einem Zimmer des italienischen Teils der Stadt Gorizia nahe Triest sitzt Haya Tedeschi in einem Schaukelstuhl und wartet. Wartet darauf, dass ihr Sohn zurückkehrt. Der Sohn, der 62 Jahre zuvor in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit aus dem Kinderwagen verschwunden ist. Das Kind von Kurt Franz.

Dasa Drndic SonnenscheinEin Mittwoch im Januar 1944. Die Dämmerung ist in schneeweiße Funken gehüllt, und wenn sich die Tür zum Kiosk La Gioia öffnet, fliegen Kristalle wie magischer Staub herein und sinken auf die goldgelbe Theke, in der sich der Geruch von Tabak, Honig und Kirschen eingenistet hat … Mit einem Lächeln voll gedämpfter Hoffnung empfängt Haya den letzten Kunden dieses Abends. Ein dreißigjähriger Deutscher in Uniform., … Der Deutsche … beugt sich über die Theke, blickt Haya tief in die grünen Augen und sagt, einen 120er Film bitte, bitte einen Kodak, sagt er leise, als wurde er ihr am offenen Kamin atemlos ins Ohr flüstern, ziehen Sie sich aus. Nach einundzwanzig Jahren, …, verkündet das Messingglöckchen an der Tür des Kiosks La Gioia …, klingeling, den Beginn einer neuen Liebesgeschichte in der Familie Tedeschi, einer weiteren Liebe im Krieg.

Haya Tedesci ist Jüdin und ebenso fiktiv wie ihre Liason. Kurt Franz aber ist eine reale Figur der Geschichte. Im Buch lässt er Haya im Stich, wird Kommandant von Treblinka. Als ihm, erst 1965, der Prozess gemacht wird, spricht der Richter von einem der sadistischsten Kriegsverbrecher, die je vor einem Gericht standen. Aber das alles erfährt Haya erst viel später. Am Ende ihres Lebens ist sie vereinsamt. Ohnmächtig versucht sie das Puzzle ihrer Biografie zusammenzusetzen. Aus dieser zerbrochenen Biografie macht Dasa Drndic auf großartige Weise ein Mosaik europäischer Geschichte. Dass die Autorin dabei gleichsam jeden Stein dieses Mosaiks wie unter eine Lupe genau betrachtet, macht es dem Leser nicht immer einfach. Denn jedes Mal wird er tief in verschachtelte Sätze und eine neue Geschichte gerissen.

Ich glaube dass die Pointe der Literatur das Detail ist. Wie viele Schriftsteller gehe also auch ich vom Detail aus. Und anhand der Details versuche ich dann die diese ganze Zeit darzustellen und mit Hilfe von persönlichen Geschichten den  Zeitgeist zu beschreiben.  Ich weiß, dass viele Menschen wie meine Haya Tedesci nicht die Kraft haben, die wichtigen Details ihrer Zeit zu bemerken.

 

Und so lässt die Autorin ihre Haya Tedesci in ihrer Wohnung einsam Fotos ordnen, Zeitungsauschnitte, Briefe. Die Hauptfigur übernimmt die Arbeit der Autorin. Sie  montiert Gedichte über die Shoa, zitiert aus Romanen, stellt den  Biografien der Opfer detailliert recherchierte Täterprofile gegenüber. Und der Leser, der glaubte, schon alles über den Nationalsozialismus zu wissen? – spürt, wie sich in ihm mit jeder neugelesenen Seite eine immer größere, dunklere Fassungslosigkeit ausbreitet.

Ich experimentiere gern mit Formen. Bevor ich zu schreiben beginne, denke ich lange nach, was für eine Form ich auswählen werde. Ich suche etwas womit ich spielen kann, damit es nicht langweilig wird. So wie die Welt sich verändert, verändert sich auch die Form des Romans immer wieder. Sie lehnt sich an den Inhalt an, der nur Fragmente unserer Wirklichkeit abbilden kann.  Die Geschichten, die ich um Haya Tedesci baue sind wie Schweinwerfer, die plötzlich und punktuell erhellen, was alles um sie herum geschieht.

Manchmal bedarf es keiner Geschichten. Dann stehen da nur noch Namen. 70 Seiten lang sind in diesem Roman die Namen aller ermordeten italienischen Juden aufgezählt. Hinter jedem Namen, sagt Dasa Drndic, steckt eine Geschichte. Es sind die Geschichten der Opfer. Aber es gibt noch andere Geschichten. Und es ist Haya Tedesci die für diese Geschichten ein Namensregister anlegt.

Aus der Zeitung schneidet sie die unvollständige Liste der SS-Männer aus, unvollständig, weil es über hundert waren, die, ausgestattet mit schrecklicher Macht, zwischen 1943 und 1945 dieses Adriatische Küstenland durchpflügten; und wo sind da die gewöhnlichen Soldaten, wo sind die Frauen, die ein bisschen Sommerurlaub  machten an der Küste; und wo sind die Italiener in Diensten des Reichs, wo sind die Zivilisten, die stillen Beobachter, die unsichtbaren Kriegsteilnehmer? Aber da bin auch ich, sagt Haya. Auf der Liste findet Haya Namen von Menschen, an deren Tisch sie gegessen hat, denen sie die Hand geschüttelt hat, dann sucht sie und untersucht, ordnet, schläft nicht mehr… Hinter jedem Namen verbirgt sich eine Geschichte.

Zum Ende wechselt der Roman noch einmal komplett die Perspektive. Der Leser begegnet Haya Tedescis geraubten Sohn Antonio, der jetzt Hans Traube heißt. Aus dem Kinderwagen von faschistischen Baby-Jägern entführt, wuchs er zunächst in einem Lebensborn-Heim auf und wurde später einer strammen SS-Leihmutter übergeben.  Erst 1998 erfährt er, dass er nicht der ist, der er zu sein glaubt. Und nun beginnt auch Hans er seine wahre Mutter zu suchen…. Was für ein grausamer, doch wunderbarer Roman gegen das Vergessen ist Dasa Drndic da gelungen! Allein sein Titel bleibt ein Rätsel.

Produziert für BR 2 Diwan.