Renato Baretic: Der achte Beauftragte

Baretic Der achte BeauftragteRenato Baretic ist bisher ein in Deutschland völlig unbekannter Autor. Das könnte sich jetzt ändern – denn soeben ist im Dittrich-Verlag sein Roman „Der achte Beauftragte“ erschienen. Ein Buch über eine geheimnisvolle Insel in der Adria, die sich weigert, urbanisiert und mit dem Rest der Welt verbunden zu werden. Der von Alida Bremer ins Deutsche übersetzte Roman und sein Autor sind in ihrem Heimatland Kroatien absolute Stars. Nach dem unser Rezensent Mirko Schwanitz das Buch gelesen hatte, war auch ihm klar, warum dieses Buch das zurzeit meistgelesene in Kroatien ist, warum es dort fast alle Literaturpreise erhalten hat, die das kleine Land zu vergeben hat.

 

Wohin mit einem Parteirivalen, der einem gefährlich werden könnte, weil seine Beliebtheitswerte steigen? Man lockt ihn mit einer schönen Frau in die Falle und entsorgt ihn dann. In Kroatien kein Problem, wozu hat man schließlich 1014 Inseln. Das ist der Stoff, aus dem Renato Baretic seinen grandios komischen und zugleich zutiefst politischen Roman komponiert hat.

Ich wollte einen relativ unsympathischen Mann, der in der Hauptstadt und im Zentrum der Macht lebt, an einen Ort verpflanzen, an dem er mit niemandem telefonisch kommunizieren kann. Er sollte komplett von der Welt abgeschnitten sein. Ich musste also eine Insel erfinden, zu der kein einziges Handysignal reicht.

 

Drittchen, so der Name der Insel, ist ein Ort der Gegensätze: Keinerlei Telefon, doch überall Solardächer, keine Verwaltung und doch ist die durch italienische Schmuggler organisierte Versorgung besser als im übrigen Kroatien. Und dann die Sprache: Hinter den mit Spitzenunterröcken verhängten Wohnzimmerfenstern wird ein unverständliches Kauderwelsch aus kroatischen Inseldialekten, Italienisch und australischem Englisch gesprochen. Hier soll Sinisa, Baretics Held, die Autorität der Regierung herstellen und im Auftrag des Premierministers die bevorstehenden Wahlen organisieren.

… er sagte, dass die ehemaligen Regierungen dort unten in zehn Jahren sieben Beauftragte verschlissen haben, und dass keiner etwas erreicht hat. … und jetzt soll ich mich mit ihnen herum schlagen. Und bei ihnen Parteien, Wahlen und eine Regierung einführen. … aber wieso – verdammt noch mal – hat das in zehn Jahren niemand hinbekommen? …Da muss es einen ziemlich beschissenen Haken geben.

 

Der Haken ist, der Hauptdarsteller muss in dieser fulminanten Burleske lernen, dass Politik ganz ohne Politiker funktionieren kann. Dabei zeichnet Baretic die Inselbewohner als so liebenswert-schrullige Figuren, dass man als Leser jedes Mal laut lachen muss, wenn sie die Argumente des „achten Beauftragten“ für die Gründung von Parteien als Voraussetzung für Wahlen mit ihren eigenen Lebensweisheiten pulverisieren. Einer von ihnen ist der Bosnier Selim, von dem man nicht weiß, ob ihn der Bosnienkrieg oder seine eigenen verrückten Geschichten, a la „ich war mit Shakira im Bett“ auf die Insel verschlagen haben.

Bevor ich an den Roman dachte, hatte ich die Idee, eine Figur wie Münchhausen zu erschaffen, einen sympathischen Hochstapler, der viele Lügengeschichten erzählt, von denen sich aber immer wieder einige als wahr herausstellen: Einen Menschen also bei dem man nie weiß woran man ist, der es mir aber ermöglicht, bestimmte Dinge und Zusammenhänge klarer herauszuarbeiten.

Es ist die große Kunst von Baretic, in diesem Verwirrspiel von Wahrheit und Lüge auf eine geradezu schwebend hintergründige Weise, die oft so schwer zu durchschauenden Widersprüche zwischen Politik und Moral offenzulegen.

Die Politiker wie der Chef von Sinisa sind und bleiben bei mir bis zum Schluss unsympathisch. Sinisa aber, schiebt sich am Ende ab von der Yacht des Premierministers ab, trennt sich von seinem bisherigen Leben und fährt zu seiner Insel zurück.

Der Erfolg des Buches ist, ist am Ende kein Geheimnis – es bietet den Lesern selbst eine Insel. Auf die kann man sich – wenn auch nur für einige Stunden – vor den Realitäten des Alltags in Sicherheit bringen und unter südlicher Sonne träumen. Eine Flucht, die allen Lesern und Leserinnen wärmstens empfohlen sei…

Produziert für ORF Morgenjournal.

Renato Baretic‘ Buch Der achte Beauftragte ist beim Dittrich Verlag erschienen.