Nino Haratischwilis neue Buch: „Das achte Leben“

Nino Haratischwili Das achte LebenSoeben erschien der mit vielen Vorschuss-Lorbeeren bedachte neue Roman von Nino Haratischwili, die bereits mit ihren ersten Romanen „Juja“ und „Mein sanfter Zwilling“ große Aufmerksamkeit erregte. Für ihren neuen Roman „Das achte Leben“ hat die in Georgien geborene und seit ihrem 20 Lebensjahr in Deutschland lebende und auf Deutsch schreibende Autorin jahrelang in Archiven recherchiert – nicht nur in Moskau, St. Petersburg und in Georgien. Das Schreiben erfolgte parallel und zeitweise schien ihr das Projekt davonzulaufen Ich war wie ein Kind in einem Spielzeugladen, sagte Nino Haratischwili, unserem Rezensenten, ich wollte das das noch rein kommt, und dieses und jenes.Am Ende musste vieles wieder gestrichen und herausgenommen werden – es ist dennoch eines der gewichtigsten Bücher dieses Bücherherbstes. Das zumindest meint Mirko Schwanitz.

Mit „Das achte Leben“ legt die Autorin Nino Haratischwili bereits ihren dritten Roman vor. Eine opulente Familiensaga über fast 1300 Seiten. Und um es vorweg zu nehmen: Keine Seite in diesem Buch ist eine zu viel. Dennoch: es ist ein Wagnis diesen Roman aufzuschlagen. Selbst die Autorin warnt ihre Leser. Denn es ist …

… ein extremes Buch. In jeder Hinsicht. Und das bedeutet, dass es ein Buch ist voller Schrecken und Grausamkeiten, die ich nicht erfunden habe. Immer, wenn ich dachte, jetzt ist grad mal gut,  dann kam wieder nur Horror, so dass kaum ich selber irgendwie Luft holen konnte.

 

Kitty kroch von der Bahre hinunter und stürzte, ohne ihr totes Kind in die Arme zu nehmen, zur Tür. Bevor sie sie aufreißen konnte, wurde sie von außen geöffnet und ein Rotarmist, …, blieb vor Kitty stehen, hob sie vom Boden hoch, brachte sie zurück zur Bahre, … und schnallte sie fest. – Da kommt noch die Plazenta, Sie müssen noch …, rief Mariam entsetzt.  – Was seid ihr bloß für Menschen, was seid ihr für Menschen! …Die Blonde sah eine Weile mit resigniertem Gesicht auf Kittys blutüberströmten Unterleib und wandte sich an Mariam: – Du wirst die Blutung stoppen. …  Du musst ihr die Gebärmutter entfernen. … Sonst wird sie vielleicht wieder auf den Gedanken kommen, weitere Verräter in die Welt zu setzen. Du kannst doch operieren? – Was? Nein, nein, nein. …ich habe nur in der Poliklinik ausgeholfen. Mariam wurde immer hysterischer. – Tja, dann wird sie wohl verbluten müssen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kehrt ein georgischer Chocolatier nach Lehrjahren in der Fremde in seine Heimat zurück. Er wird reich, will den Ort, in dem er lebt, zum Nizza des Kaukasus machen. Doch dann wird Georgien, das Geburtsland der Autorin,  von Revolutionen, rotem und weißem Terror, Weltkrieg, der nachfolgenden politischen Paranoia, dem Wettrüsten, dem sowjetischen Zusammenbruch und dessen Folgekriegen  heimgesucht. Wie ein Fluch frisst sich dieses gewalttätige

Jahrhundert in die Biografien von Kitty und sechs anderen Frauen der Familie des Chocolatiers, in die ihrer Männer und Kinder. Was mir half, damit einigermaßen offen umzugehen, ist die grundsätzliche Form des Buches. Das heißt: jemand erzählt eine Geschichte für jemand anderen. Also mir ging´s darum, als Erzählerin, sich auch irgendwo freizuschreiben. Also diesen – ich würd´s Fluch nennen – unbedingt irgendwie banalisieren, entmystifizieren. Und das ist, was Niza  die ganze Zeit ja versucht. Also von sieben Leben erzählen, um ein achtes davon zu befreien

Niza, Haratischwilis 1973 geborene Ich-Erzählerin, erzählt ihrer  zwölfjährigen Nichte Brilka all das, was in der Familie in diesem Jahrhundert verschwiegen wurde. Dazu erkundet sie die Beweggründe des Handelns jedes einzelnen Familienmitglieds, offenbart,  wie das Leben der Ur-Großmütter und Ur-Großväter noch das Leben der Ur-Enkelinnen und Ur-Enkel bestimmt.

… was mein großer Anspruch war, wenn man bei der Form bleibt, war zu gucken, dass alles sich irgendwie bedingt, voneinander abgeleitet und letztlich ja, miteinander auf jeden Fall verwoben ist. 

Und das tut die erst 30jährige Nino Haratischwili mit einer erzählerischen Souveränität, die den Roman zu einem herausragenden Leseereignis dieses Bücherherbstes machen wird. Schon im Prolog erklärt die um 1900 geborene Anastasia ihrer Ur-Enkelin Niza, was sich am Ende als Konstruktionsprinzip des Romans entpuppt.

– Ein Teppich ist eine Geschichte. In ihr verbergen sich wiederum unzählige andere Geschichten. …Ich starrte auf die bunten Ornamente auf der roten Fläche. …– Du bist ein Faden, ich bin ein Faden, zusammen ergeben wir eine kleine Verzierung, mit vielen anderen Fäden zusammen ergeben wir ein Muster. … Ist das nicht wunderschön? Diese Verzierung, einfach fabelhaft ! Dazu kommen Knüpfdichte und Anzahl der Knoten, … – all das ergibt dann die Textur. Ich finde  das durchaus ein gutes Bild. … Teppiche sind aus Geschichten gewoben. …. Ich bin mir sicher, wir sind da auch eingewebt, auch wenn wir das nie geahnt haben. Und Stasia klopfte mit aller Kraft gegen den schweren Teppich.

Schnell und kraftvoll ist dieser Roman. Man fühlt sich mitgerissen wie von einem reißenden Strom, dessen Ufer unerreichbar fern sind. Angesichts der Strudel, in die Anastasia, Christine, Kitty, Mariam, Elena, Nana und Niza geraten, wird es wohl jeder Leserin, jedem Leser, mit dem Luftholen ähnlich ergehen, wie der Autorin beim Schreiben des Romans. Dass er bei seinem Erscheinen angesichts des unerklärten Krieges von Russland gegen die Ukraine geradezu von dramatischer Aktualität sein würde, konnte die Autorin nicht wissen, als sie vor vier Jahren mit ihrer Arbeit an dem Buch begann. Denn wie nebenbei hat Haratischwili mit „Das achte Leben“ auch eine Art Kompendium der Entwicklung von Mentalitäten in der ehemaligen Sowjetunion geschrieben.

… würd mich freuen, wenn man´s so lesen kann. Ich find´s desillusionierend aber gleichzeitig auch sehr befreiend, festzustellen, dass ist alles nicht weg! Das ist noch alles da! Und es wird noch da sein, so lange nicht genau diesen Prozess, den ich jetzt mache, alle machen. Das kriegst du nicht aus den Köpfen raus. Es ist da und es ist nicht immer nur Putin, sondern es ist die Gesellschaft. Und so lange man da sich nicht verändert, wird das auch immer wieder kommen. 

Produziert für BR 2 Diwan.