Marica Bodrozic: Kirschholz und alte Gefühle

Diwan_Marica Bodrozic_kirschholz_und_alte_gefuehleMarica Bodrozic ist hierzulande keine Unbekannte. Mit neun Jahren kam sie als Kind kroatischer Gastarbeiter nach Deutschland und sprach nach eigener Aussage in den ersten Jahren in der Schule kein Wort. Inzwischen ist Marica Bodrozic eine mehrfach preisgekrönte deutsche Autorin, die für ihre Bücher „Tito ist tot“, den Erzählband „Der Windsammler, mehrere Gedichtbände und zuletzt den Roman“Das Gedächtnis der Libellen“ große Aufmerksamkeit erhielt. Erzählte sie in „Tito ist tot“ von ihrer Kindheit in Jugoslawien und in dem Prosaband „Sterne erben, Sterne färben“ von ihrer Ankunft in der neuen, der deutschen Sprache, geht es ihr in ihrem neuesten Roman mit dem etwas schwerfälligen Titel „Kirschholz und alte Gefühle“ um eine Frau mit Erinnerungslücken. Mirko Schwanitz hat das Buch gelesen.

 

In Marica Bodrozics neuem Roman sitzt eine Frau an einem Kirschholztisch. Mitten im Umzug in ihre neue Berliner Wohnung, wagt sie es, seit Jahren unbeachtete und mit Fotos prall gefüllte Plastiktüten zu lehren. Die Geschichte des Tisches gibt dem Roman den Rahmen, in dem sich nun das Kaleidoskop der mit den Fotos verbundenen Erinnerungen zum Bild der Hauptfigur formt.

Tische sind sehr wichtig für das Leben an sich und in diesem Roman überhaupt. An Tischen wird sehr viel verhandelt. Die Figuren erzählen sich an den Tischen des Lebens ihre eigenen Geschichten.

In „Kirschholz und alten Gefühlen“ begegnen wir Arjeta wieder, der inzwischen erwachsen gewordenen Hauptfigur von Bodrozics 2010 erschienenen Roman „Das Gedächtnis der Libellen“. Sie ist es, die das von der Mutter „wild in Tüten gestopfte Leben“ auf dem Kirschholztisch ausbreitet, sich erinnert und die Lücken, die das Wichtigste in diesem Buch sind.

Ich wollte nie viel reden. Das hat mich seit jeher müde gemacht, und wenn ich mehr als drei Sätze gesagt habe, hat mein Körper sich angefühlt wie der Körper einer Fremden. Als die kleinen Risse in meinem Bewusstsein begannen, wurde das Müdesein beim Reden immer schlimmer für mich. Ich entdeckte Lücken in meinem Gedächtnis. Manchmal wurde mein Kopf von einer unbekannten Kraft nach hinten gezogen. Und wenn das kleine Übel vorbeigezogen war, nannten mich meine Eltern ihrer Sternguckerin.

Pochende Kopfschmerzen und ein Jucken der Haut kündigen Arjeta stets den nächsten Aussetzer an, den Sturz in die nächste Erinnerungslücke. Anders als in ihrem vorangegangenen Roman wählt Marica Bodrozic diesmal nicht die lineare Form des Erzählens, sondern einen eher synästhetischen Zugang, ein zunächst verwirrendes Durcheinander von Erinnerungen und Sinneseindrücken, von Vergangenheit und Gegenwart, von impressionistischen und surrealistischen Momenten.

Ich finde es wichtig in einer Zeit, in der alle glauben, Lösungen für alles zu haben und alles Logische fassen zu können, mit Büchern auch zu irritieren und Lücken entstehen zu lassen, in denen sich der Leser praktisch selbst einbringen kann muss. … Schauen Sie, wenn Sie Gedichte lesen … also man wäre ein Idiot, wenn man ein Gedicht verstehen würde. Ja, man kann es erfassen! Man muss sich dem Raum des Gedichtes stellen. Und genau dieser Raum interessiert mich beim Schreiben grundsätzlich und in diesem Roman ganz besonders, weil diese Lücke, in der man stolpert, in der man nicht versteht – worauf greift man da zurück? Jeder Mensch muss auf sich selbst zurückgreifen.

Genau das ist es, was nicht nur Arjeta in diesem zwischen Paris, Sarajevo und Berlin pendelnden Roman tut. Alle Figuren greifen auf ganz unterschiedliche Art und Weisen auf sich selbst zurück. Da ist Nadeshda, Arjetas Freundin, die mit Sohn Ezra vor den Erinnerungen von Paris nach Berlin flieht. Da ist Arik, der Arjeta vergewaltigt und dessen Liebe sie dennoch zu gewinnen sucht. Da ist die aus dem zerschossenen Vukovar stammende Silva, die mit ihren Erinnerungslücken zum alter Ego von Arjeta wird und nach Amerika auswandert. Silva, dieses feenhafte Geschöpf, die ihre Muttersprache vergessen will, weil sie nur so weiterleben kann.

In Saint Lous hat sie gleich neben der Bäckerei ihre Verwandten ein Restaurant eröffnet. Wir schreiben uns oft, sie erzählt mir, was auf der Speisekarte steht, was sie wieder streicht und was sie neu ausprobiert. Sie sagt, dass sie nur noch in englischer Sprache träumt, dass sie sehr gut ihre neue Sprache spricht, dass sie keine Toten in der neuen Sprache hat. An jenem Tag in Sophies Restaurant hat sie mir nicht erzählt, warum Bomba sie laufen ließ. Diese Lücke wird für immer eine Lücke bleiben. Aber sie sah, was mit jenen Leichen geschah, die nicht in der Donau landeten. Bomba, den seine Untergebenen Meister nannten, verfütterte sie an hungrige Schweine im Lebensmittelkombinat.

Das Buch ist ja ein Buch über das Gedächtnis und auch eine Meditation über die Erinnerung und das Erinnern, dass in diesem eigentlich sehr vitalen Chaos in unseren Köpfen genau die Verbindungen sind, wie wir uns erinnern und wer wir sind. Wir sind eben das, woran wir uns erinnern.

Am Ende gelingt es dem Roman fast im Plauderton das Chaos in Arjetas Kopf zu ordnen, die Erinnerungen füllen viele, wenn auch nicht alle Gedächtnislücken. In sieben Tagen erschuf Gott die Welt. Sieben Tage lang dauert die Selbsterschaffung Arjetas aus ihren Erinnerungen. Das Pochen hört auf, der Juckreiz lässt nach. Zurück bleibt ein staunender Leser, der sicher noch einmal blättern wird, weil man von der einen oder anderen Textstelle nicht genug bekommen kann.

Produziert für BR2 Diwan.

Marica Bodrozic‘ Buch „Kirschholz und alte Gefühle“ ist bei Luchterhand erschienen.