Lizzie Doron und ihr Buch „Who the fuck is Kafka“

Doron Who the fuck is Kafka?Vor wenigen Tagen erschien der neue Roman der israelischen Autorin Lizzie Doron. Lizzie Doron begann erst spät, nämlich im Alter von 40 Jahren mit dem Schreiben. Alle Bücher, die sie bisher schrieb wurden in ihrer Heimat Israel Bestseller und sind inzwischen in zahlreiche Sprachen übersetzt. Als sie einmal gefragt wurde, wie viele Bücher sie schreiben wolle, antwortete sie:  Sechs – für jede Million ermordeter Juden eines. Nun ist dieser sechste Roman erschienen. Und zum ersten Mal erscheint ein Roman von Lizzie Doron nicht zuerst in Israel, sondern in deutscher Übersetzung. Nachdem Lizzie Doron in ihren früheren Romanen die Traumata der Kinder von Holocaustopfern beschrieb und wie diese Traumata die israelische Gesellschaft bis heute prägen, geht es in „Who the fuck is Kafka?“ nun um den israelisch-palästinensischen Konflikt selbst. Mirko Schwanitz hat das Buch gelesen und die Autorin in ihrer Heimatstadt  Tel Aviv getroffen.

Es ist bereits dunkel in Tel Aviv. Vor einem kleinen Laden stellen eine Frau und ein Mann gerade einen Tisch auf, entkorken Wein, ordnen Plastikbecher. Menschen kommen vorbei, begrüßen die Frau, umarmen sie, reden ein paar Worte. Die Frau heißt Lizzie Doron und ist eine der bekanntesten israelischen Autorinnen.

Das hier ist Downtown Tel Aviv. Siehst du die vielen kleinen Läden? Viele Einwanderer leben hier, vor allem ärmere Schichten. Weil die Mieten nicht so hoch sind, haben sich immer mehr junge anarchische Kreative in diesem Viertel angesiedelt. Hier finden sie Plätze für Theater oder Kultur.

 

Der Wein, den Lizzie Doron ausschenkt, erfahre ich,  ist für die Gäste einer Theatervorstellung ihres Sohnes Ariel, der hier mit seinem Antikriegs-Puppentheater „Plastic Heroes“ auftritt. Ihn dabei zu unterstützen, ist für Lizzie Doron eine Selbstverständlichkeit. Seit Jahren setzt sich die Autorin für eine Aussöhnung mit den Palästinensern ein. Um die schwierige Annäherung beider Seiten geht es auch in ihrem neuesten Buch: „Who the fuck is Kafka.“

Das Buch ist eine Art Tagebuch. Ich schreibe darüber, wie ich drei Jahre lang Teil einer arabisch-palästinensischen Familie war und selbst eine palästinensische Familie in meinem jüdischen Alltag hatte.

Die Vorstellung ist vorbei. Nun sitzen wir in jenem Raum, in dem Lizzie Dorons neues Buch beginnt.

Ich sitze an meinem Schreibtisch, mit Formulierungen und Interpunktion befasst, und dann heult die Sirene, zerbricht die Stille, mein Herz macht einen Satz, ich springe auf. … Ab dem ersten Ton der Sirene muss ich innerhalb von eineinhalb Minuten im Schutzraum sitzen. … In diesem Raum gibt es Stühle für alle Familienmitglieder, eine Notbeleuchtung, einen Erste-Hilfe-Koffer, Gasmasken und eine Packung trockene, inzwischen abgelaufene

Es sind die Schilderungen des alltäglichen Irrsinns, mit denen Israelis und Palästinenser konfrontiert sind, die diesem Buch Lizzie Dorons eine besondere Kraft verleihen. Es ist die Geschichte einer schwierigen Annäherung. Sie erzählt davon, wie Doron den arabisch-palästinensischen Journalisten Nadim auf einer Friedenskonferenz in Rom kennenlernt und wie aus dieser Begegnung eine zaghafte Freundschaft unter kafkaesk anmutenden Bedingungen entsteht. Eine Freundschaft, die bisher unsichtbare Grenzen der Verständigung offenbart und in der sich am Ende alle Konflikte zwischen Palästinensern und Israelis wiederspiegeln werden.

Er kam aus Jerusalem. Als wir zu einem Interview gingen, bat uns der Moderator, die Pässe im Safe zu hinterlegen. Mein neuer Freund  wurde blass und sagte, dass er seinen Pass nicht abgeben kann. Wir fragten warum, und er hob sein T-Shirt. Und wir sahen ein mit Isolierband am Körper festgeklebtes Dokument. Ich  fragte ihn, ob das eine Bombe wäre.

Vieles, was Doron in diesem Buch schildert, ist unerträglich. Die Schikanen der israelischen Besatzungsbehörden. Die Ängste, die Lizzie Doron immer wieder erlebt, wenn sie im arabischen Teil Jerusalems weilt. Aber auch die chamäleonhafte Verwandlung des  arabisch-palästinensischen Freundes. Der verfällt in Anwesenheit Dritter, etwa der belgischen EU-Beamtin  Michelle, immer aufs Neue ins Verhaltensmuster eines Anklägers. Und ebenso unerträglich ist, wie diese Dritten, meist Europäer, zulassen, dass sie, die Autorin, in diesen Momenten vom Individuum wieder zum ewig schuldigen Juden wird.

Die Dame schaute mich wieder und wieder an und sagte: „Kafka! Das ist kafkesk!“  Sie wiederholte das den ganzen Abend lang. Und er erzählte und erzählte und er erwähnte nicht einmal, dass ich mich sogar an den Gerichtshof gewandt habe, um den Status seiner Frau zu ändern. Er war in seinem Monolog, den er nicht beendete.

In meinen Augen blitzte unterdrückte Wut auf. Ich stellte mir vor, wie ich vor dem Richtertisch stand und sie, die Richterin, anschrie, dass diese Blutfehde am Tag meiner Geburt über mich ausgegossen worden sei und ich nichts dafür könne. Ich erklärte der eleganten Richterin mit dem zornigen Blick, dass auch ich ein Opfer sei, ein Opfer der Umstände, der Politiker, der Interessen, ein Opfer Gottes. Ich sagte, dass auch ich so leben wollte wie sie, in einem Land wie Belgien, der Schweiz oder Frankreich!

Aus einem Mosaik nüchtern präziser Beobachtungen erschafft Lizzie Doron in „Who the fuck is Kafka“ ein sehr intimes Psychogramm der derzeitigen israelischen und palästinensischen Gesellschaft, wie man es noch nicht gelesen hat. Es ist stets dort am stärksten, wo Doron den Druck beschreibt, den die Radikalen auf beiden Seiten auf jene ausüben, die nichts anderes wollen als endlich gemeinsam in Frieden leben „Who the fuck is Kafka“ ist kein Buch, das Hoffnung macht auf eine baldige Lösung des Nahostkonflikts – im Gegenteil.

Produziert für WDR 5 Scala.