Laszlo Darvasi „Blumenfresser“

Laszlo Darvasi BlumenfresserLange musste man warten auf den neuen Roman von Laszlo Darvasi. Spätestens seit seinem Roman „Die Legende von den Tränengauklern“ gilt der mit zahllosen Preisen überhäufte ungarische Autor als einer der originellsten Autoren unserer Zeit. In apokalyptischen und phantastischen Szenarien erzählt der heute in Budapest lebende Autor in seinem neuesten Roman von Liebe und Gewalt in Mitteleuropa. Und wie schon in den „Tränengauklern“ begegnet dem Leser auch in diesem Buch neben der menschlichen noch eine andere Welt – die gefahrvolle Welt eines hellsichtigen Irrsinns, wie man sie betritt, wenn man die falschen Pflanzen ist. Mirko Schwanitz über Laszlo Darvasis neuen Roman „Blumenfresser“.

1879 zerstört ein katastrophales Hochwasser die Stadt Szeged im Südosten des Habsburgerreiches. Von den 6000 Häusern der in der Stadt lebenden Juden, Armenier, Ungarn, Deutschen und Serben reißt die Theiss 5700 mit sich fort. In einem der 300 Häuser, die die Flut verschont, finden die Retter zwei Menschen in einer zugenagelten Wohnung – verhungert. Verschlungen liegen sie in einem mit Blumen vollgestopften Zimmer. In seinem neuen Roman „Blumenfresser“ erzählt Laszlo Darvasi uns die Biografien dieser beiden Menschen.

Schon während des Hämmerns begannen sie zu reden, sie flüsterten, …und lästerten, haspelten, einander ins Wort fallend, und dabei schlugen sie die bunten kleinen Nägel, …, in das Fleisch des Holzrahmens. … Der Doktor drohte, jammerte, …, riss an der Klinke, so etwas könne, dürfe man nicht tun. Sie lachten nur über die Verzweiflung des Alten. … Und sie erzählten ihm, was sie bis dahin vielleicht noch nicht einmal einander erzählt hatten, sie erzählten ihm von den menschlichen Bezirken hinter dem Verstummen…, sie erzählten ihm die in den Geschichten weggelassenen Geschichten, die in der Welt weggelassenen Welten…

 

Bei den Toten handelt es sich um Klara Pelsöczy, eine leidenschaftliche, ungefügige Frau, die drei Männer liebt; und um den Naturhistoriker Imre Schön, dem nach der niedergeschlagenen Revolution von 1848 ein Vortrag über „Blumenfresser“ zum Verhängnis wurde. In einem mitreißenden Strom von Geschichten über Mord und Totschlag, Verrückte und Liebende, Untreue und Verrat, folgt der Autor Klara und Imre von der Geburt bis zum Tod. Erzählt wird von zwei Menschen,  die sich von allen bis dahin geltenden Konventionen lösen und so zu Vorboten der kommenden Moderne werden. Weit, sehr weit lässt Darvasi seinen Imre Schön in die Zukunft schauen…

Ich mag den Kleister der Nostalgie nicht, auch wenn mich zuweilen der Wunsch ankommt, vergangene Dinge mit Eigenschaften auszustatten, die nur unserer Vorstellung eigen sind. In gewissem Sinne leben wir  als Ausgestoßene, mein Herr. Mit den meisten unserer Legenden ist es vorbei. Die Protagonisten werden abgelöst, Wunder werden mit Mauern umfriedet. … als könnte ein Wunder eine physikalische Ausdehnung haben. Und wenn früher die lebende Substanz, die Erde, der Himmel, … dem Wunder als Heimstätte dienten, so geht der Wandel der Zeit dahin, dass die leblose Materie zum Objekt unserer Bewunderung wird. Wir werden Wunder produzieren, sie werden ein Verfallsdatum haben…

Metastasierend zersetzen Unabhängigkeitsbewegungen und Erfindungen die alte wohlbekannte Welt. Das Streichholz wird erfunden, die ersten Phonographen und Telefone kommen in die Stadt. Flüsse werden umgeleitet, Eisenbahnlinien gebaut. Das Leben n Szeged ändert sich. Und doch scheint es, als begriffen nur Klara und Imre, dass da eine neue Zeit mit Gewalt an die Tore der Stadt klopft. Und so lässt er Imre in einem Disput sagen:

Bis zur heutigen Zeit repräsentierten die Requisiten unseres Lebens die Beständigkeit, die Vergangenheit reichte bis zur Gegenwart, und die Gegenwart erzählte auch von der Zukunft. Unsere Häuser, unsere Werkzeuge und unsere Geschichten waren dieselben, die wir von unseren Vätern mitbekommen haben und die wir dann auch unseren Nachkommen hinterließen.

Noch aber leben die Bürger von Szeged mit den Geschichten der Väter. Die Figuren darin sind auch für Klara so real wie ihre schwierige Liebe zu Imre und seinen zwei Brüdern. Ihr ganzes Leben wird sie begleitet von Wurzelmama oder Kostza, dem Musikanten, der seit 500 Jahren auf dem „letzten Grashalm des Kosovo“ spielt. Und obwohl es sich hierbei doch nur um imaginäre Gestalten handelt, um Geister und personifizierte Mythen, lässt Darvasi sie immer wieder und sehr real ins Leben seiner Hauptprotagonisten eingreifen.

Er musste lernen, dass Legenden immer auf Beistand und Fürsorge angewiesen sind, für sich allein taugen sie nur so viel wie Regenwasser, das nicht zur Erde fällt. Legenden sind Kinder, weil sie töten. Legenden sind klein und schwach, Legenden gebären. Allmählich erlernte er sein neues Metier. Allmählich gewöhnte er sich an dieses andere Leben, allmählich nistete er sich in die Träume und Sehnsüchte derjenigen eine, die ihm in seiner Umgebung am wichtigsten waren…

Am Ende erzählt uns Darvasi mit seinem Roman  „Blumenfresser“  nicht nur die atemberaubende Geschichte einer großen Liebe. Mit einem wahren Malstrom an Geschichten und ineinander verwirbelten Biografien erschafft er auch eine grandiose Metapher auf das, was gemeinhin als kulturelles Gedächtnis der Menschheit bezeichnet wird. Am Ende dieses, der unbändigen Theiss gleichenden Erzählstroms, wird der Leser nach Luft schnappen. Und Zeit brauchen, zu sich zu kommen nach den Stromschnellen, die ihn über 800 Seiten mitrissen, umherwirbelten. Überschäumend, sprudelnd und alles in seinem Kopf mit sich fortreißend.

Produziert für BR 2 Diwan.