Israel: Dror Moreh – The Gatekeepers

Dror Moreh © cinephilDem israelischen Dokumentarfilm-Regisseur Dror Moreh ist gelungen, was noch keinem Journalisten oder Filmemacher bisher gelungen ist. Er hat alle sechs noch lebenden Chefs des Inlandsgeheimdienstes „Shin Bet“ dazu bewegen können, ihm lange Interviews zu geben. Aus dem Material entstand zunächst der Film „The Gatekeepers“, der in diesem Jahr für den Oscar nominiert war und nach seiner Ausstrahlung in Israel wie auch in den USA zu einem politischen Beben führte. In Israel bescherte die Ausstrahlung des Films Premiers Netanjahus regierenden Likudblock einen bei den letzten Wahlen einen Verlust von sechs Sitzen in der Knesseth, dem israelischen Parlament. Und das obwohl Moreh im Film lediglich drei Prozent des Interview-Materials verwendet hat.Nun hat Dror Moreh das gesamte Interview-Material in einem Buch unter gleichem Titel herausgebracht.  Wer „The Gatekeepers“ gelesen hat, dessen Blick auf den Nahost-Konflikt wird, muss sich zwangsläufig ändern. Zum ersten Mal erhält die Welt Informationen aus dem inneren Zirkel  des israelischen Machtapparats. Dieses Buch spekuliert nicht. Es gibt Antworten: Warum ist der Friedensprozess von Oslo gescheitert? Kann es einen Ausgleich mit den Palästinensern geben? Welche Rolle spielt Israel für im Kampf gegen den weltweiten Terror? Sind die Terroristen der Hamas und Hisbollah wirklich die größte Gefahr für einen Frieden im Nahen Osten?

Mirko Schwanitz hat „The Gatekeepers“ gelesen und mit dem Autor Dror Moreh gesprochen

Die Israelis vertrauen niemandem, außer ihren Sicherheitsorganen – allen voran dem „Shin Bet“. Der Inlandsgeheimdienst ist für die Terrorabwehr zuständig. Seit 1948 bis 2011 wurde er von sechs Männern geführt. In Dror Morehs Buch „The Gatekeepers“ brechen diese Geheimdienstchefs nun zur gleichen Zeit und zum ersten Mal gemeinsam in nicht gekannter Ausführlichkeit ihr Schweigen.

 

Jeder der sechs Männer erzählt über sein Leben von seiner Kindheit bis zum Tag, als er seinen Job beendete. Wer dieses Buch liest, begreift instinktiv, dass hier Menschen sprechen, die besser als jeder andere auf der Welt wissen, wie man erfolgreich gegen Terroristen vorgeht. Doch am Ende kommen alle zu dem gleichen Schluss. Man kann den Terror nicht bezwingen ohne eine politische Lösung.

Dror Moreh The GatekeepersIn nach Amtszeiten geordneten Kapiteln stehen die Chefs des israelischen Inlandsgeheimdienstes in „The Gatekeepers“ Rede und Antwort. Es sind unfassbare Details aus der unsichtbaren Politik Israels, die die Männer vom Shin Bet da ausbreiten. Von der Entführung Adolf Eichmanns über wichtige Geheimoperationen seit 1948, vom Friedensprozess von Oslo bis hin zur Ermordung von Ministerpräsident Ytzchak Rabin, an den sich der damals amtierende Geheimdienstchef Karmi Gillon so erinnert:

Das war […] ein völliges Versagen des Personenschutzes. Ein Versagen, das auf  fehlerhafte Planung zurückging, auf fehlerhafte Aufstellung vor Ort. In erster Linie aber bestand es im Ausbleiben eines Kampfes. […]Als der Ministerpräsident die Treppe herabstieg, war er von fünf Personenschützern umgeben. […].Dabei standen sie nicht mehr als einen oder zwei Meter vom Mörder entfernt. […] Jeder der Personenschützer hätte ihm eine Kugel in den Kopf jagen müssen, nachdem er den ersten Schuss abgefeuert hatte. […] Nein, er hat fünfmal geschossen. Und, verstehen Sie, dieser Mörder weilt immer noch unter uns. […] Damit werde ich nicht fertig.

Dror Moreh, „The Gatekeepers“ S. 191 – 193, Kiepenheuer&Witsch 2015

Noch kurz vor dem Mord hatte Karmi Gillon Rabin gebeten, einen gepanzerten Cadillac und eine schusssichere Weste zu benutzen. Rabin lehnte ab. Eine endgültige Antwort aber, warum keiner der Personenschützer auch nur einen einzigen Schuss abgab, gibt auch dieses Buch nicht. Die Antworten legen allerdings nahe: Alle waren paralysiert, weil keiner sich vorstellen konnte, dass jemals ein Jude einen israelischen Premier ermorden könnte. Shin-Bet-Chef Gillon erzählt aber auch davon, wie Rabins Witwe ihm half, seine heftigen Schuldgefühle zu verarbeiten.

Lea kannte die ganze Wahrheit, die Geschichte mit der kugelsicheren Weste, die Geschichte mit dem Cadillac. Ihr Mann weihte sie in viele Dinge ein. Sie sagte mir oft: „Hör zu, du brauchst dir selbst nicht böse zu sein […] Du hattest es mit einem unmöglichen Kunden zu tun.

Dror Moreh, „The Gatekeepers“ S. 191 – 193, Kiepenheuer&Witsch 2015

Persönliche Einblicke wie dieser machen diesen Interviewband so bewegend. Diese Männer des Geheimdienstes sind keine Bruce-Willis-Typen. Keinen der sechs läßt es kalt, wenn er etwa den Befehl gibt, Gewalt gegen Festgenommene einzusetzen.

Avi Dichter, einer der Geheimdienstchefs erzählt im Buch folgende Geschichte. Sie hatten die Information, dass ein Selbstmordattentäter auf dem Weg zum zentralen Busbahnhof ist und das der Anschlag in genau vier Stunden stattfinden wird. Sie nahmen einen Mann fest, von dem sicher war, dass er den Attentäter kannte. Was machen Sie?

Immer wieder zwingt das Buch den Leser, sich in die Situation der Entscheider hineinzuversetzen. Und keiner der Befragten verschweigt, das der Shin Bet bei Verhören Gewalt einsetzt. Auch nicht Karmi Gillon.

Eins möchte ich gleich klarstellen: Die Rede ist von gemäßigtem Druck, keinesfalls  von Folter. Diese Maßnahmen sind geeignet, die Widerstandskraft des Verhörten zu schwächen. Schlafentzug. Oder die Kapuze über dem Kopf. […] Wenn wir […] jemanden  verdächtigen zu wissen, dass in der Cafeteria der Hebräischen Universität demnächst zehn Studenten sterben werden, dann stelle ich seinem Recht auf Menschenwürde das Recht eines jeden israelischen Bürgers auf persönliche Sicherheit entgegen. Und ich spreche hier nicht von Foltermethoden, wie sie in Guantanamo gang und gäbe sind.

Wirklich brisant wird es, wenn die Geheimdienstchefs die Politik ihres Landes analysieren. Mit detaillierten Informationen beschreiben sie die Kapitulation der Netanjahu-Regierung vor extremen Siedlergruppierungen. Alle Shin-Bet-Chefs stimmen darüber überein, dass heute nicht die Palästinenser oder die Hamas die größte Gefahr für die Sicherheit des Landes sind, sondern jene Siedler, die eine Zwei-Staaten-Lösung zunehmend unmöglich machen. Diese klare Analyse überraschte selbst viele Araber und Palästinenser. Dror Moreh:

Die Reaktion war wirklich erstaunlich. Man sagte mir, dass diese Männer in der arabischen und palästinensischen Welt zu den meistgehassten Personen gehören. Schließlich sei es dieser Geheimdienst, der ihnen Gewalt antue, sie foltere. Nach „The Gatekepers“ aber hätten sie plötzlich begriffen, dass der Shin Bet die Araber als Menschen und nicht als Feinde ansehe. Das deren Chefs fordern, die Gewalt zu beenden, diese Erkenntnis hat viele Araber total geschockt. Und ich bekam viele solche Reaktionen

Wer sich ein Urteil über die verzwickte Situation im Nahen Osten bilden will, wer Israels aus ferner Perspektive oft unverständliche Politik besser verstehen will, wer begreifen will, welche Bedeutung dieser Staat auch für Europas Sicherheit hat, der   m u s s   dieses Buch lesen. Auch wenn ein strengeres Lektorat dem Leser manche Wiederholung erspart und ein detaillierteres Glossar hilfreich gewesen wäre.

Produziert für BR 2 Diwan.