György Dragoman und die Bedeutung der Mythen in Osteuropa

György Dragoman Der ScheiterhaufenBereits mit seinem ersten Roman „Der weiße König“ erregte der ungarische Autor György Dragoman Aufmerksamkeit. In ihm berichtete er über einen kleinen Jungen, der versucht, in der bizarren Welt des rumänischen Diktators Ceausescu zu überleben. Auch in seinem neuen, soeben erschienenen Roman „Der Scheiterhaufen“ beschäftigt sich Dragoman mit dem Ende der Diktatur in Rumänien. Und doch geht es dem Autor, der mit seinen Eltern 1988 im Alter von 15 Jahren Rumänien verließ und seitdem in Ungarn lebt, nicht vordergründig um Rumänien. Sein Roman beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie wir alle Geschichte schreiben und was uns dabei beeinflusst. Entstanden ist dabei eine unter die Haut gehende Geschichte und ein magischer Moment der osteuropäischen Literatur. Mirko Schwanitz, hat den Autor György Dragoman getroffen.Mit seinem nun auch auf Deutsch vorliegenden Roman „Der Scheiterhaufen“ schreibt sich der 1973 in Rumänien geborene Autor in die Riege der großen Schriftsteller Europas. Sein Buch erzählt die Geschichte der kleinen Emma. Sie wird von einer ihr unbekannten Frau, die sich als ihre Großmutter ausgibt, aus einem Heim geholt. Fortan wächst sie in einem Haus mit einem verwunschenen Garten auf.

Als ich das erste Mal über dieses Buch nachdachte, hatte ich die Vorstellung eines stillen Gartens, um den herum sich plötzlich ein Sturm erhebt. Die Gesellschaft draußen ist in einem Zustand wirbelnden Wassers. Emma wächst in einer Stadt auf, deren Bewohner kurz zuvor noch in einer Diktatur lebten. Die Handlung setzt zwei Monate nach der Revolution gegen den Diktator ein und alles ist sehr fließend.

Nun weißt du, wer du bist, du weißt, was dir passiert ist, und du weißt auch, was mit den anderen passiert ist, mit denen, die du geliebt hast. Wie ein Schrei entfahren dir ihre Namen, Mama, Papa, Miklós, Bertuka, Bátykó, in einem einzigen Brausen, du kannst nicht aufhören, stehst da, …und schreist ihre Namen, immer wieder von neuem, du weißt, […] dass du nie mehr aufhören wirst. […] Mit beiden Händen ergreift der Mann deine Unterarme […], er drückt sie kräftig, so fest, als wollte er eine Wunde schließen, […] spricht, als wolle er dich aus einem Traum aufwecken, […] Deine Nase, dein Mund, deine Lunge, dein Körper füllen sich mit Schlamm und Wasser und Sand und Lehm. […] Er schlägt dich nicht, schreit dich nur an, es sei nicht deine Schuld, schreit er, verstehst du? Nur weil du überlebt hast, bist du nicht schuld.

In György Dragomans ebenso spannender wie anrührender Geschichte fällt niemals das Wort Rumänien, niemals der Name der Stadt, in der Emma sich einem dunklen Geheimnis der Familiengeschichte stellen muss. Sind ihre Eltern wirklich bei einem Autounfall umgekommen?  War der Großvater wirklich ein Securitate-Spitzel? Wer ist der geheimnisvolle Mann, auf den die Großmutter eines Nachts wartet? Und warum darf sie den alten Holzschuppen im Garten nicht betreten?

Jedes Buch ist ein Experiment. Hier hieß das Experiment: Wir sehen alles durch die Augen von Emma.  Wenn wir also auf die Geschichte blicken, dann blicken wir auf die Geschichte so wie sie sie sieht. Geschichte ist immer ein Rückblick. Aber wenn du selbst in der Mitte der Ereignisse stehst, bist du nicht in der Lage zurückzublicken. Ich wollte wissen, wie das funktioniert.

Für Dragoman funktioniert es vor allem, weil Menschen wie Emma ihre eigene Geschichte schreiben. Und genau das ist es, was Emma und Großmutter in ihrem stillen Garten permanent tun. Sie schreiben ihre Geschichte, erschaffen ein Bild von sich selbst, arbeiten gewissermaßen an ihren eigenen Mythen.

Mythen werden nicht nur auf einem staatlichen Level konstruiert. Auch im persönlichen Leben. Und ich wollte aus größtmöglicher Nähe beobachten, wie das vor sich geht. Wenn du verstehen willst, wer du bist, dann kannst du es nur im Rahmen deiner eigenen Geschichte, deines Märchens. In der Art, wie wir unsere Aber wir müssen uns bewusst sein, dass wir mit der Art, wie wir unsere eigenen Geschichten schreiben nehmen wir alle an der großen Geschichtsschreibung teil – wir sind nicht von ihr ausgeschlossen.

György Dragoman, „Der Scheiterhaufen“, Suhrkamp Verlag, 494 Seiten, überetzt von Lacy Kornitzer, Preis: 24,95