Goran Petrovic: Ein Sternenzelt aus Stuck

Goran Petrovic Sternenzelt aus StuckMit seinem Roman „Die Villa am Rande der Zeit“ erzielte der 1961 geborene Autor, Goran Petrovic, hierzulande einen ersten Achtungserfolg. In seiner serbischen Heimat ist Petrovic einer der meistgelesenen Schriftsteller. Nun liegt mit „Ein Sternenzelt aus Stuck“ das zweite Buch des Schriftstellers in deutscher Übersetzung vor. Und wie schon in seinem Belgrad-Roman „Villa am Rande der Zeit“ füllt Goran Petrovic auch in seinem neuesten Buch, die Lücken in der serbischen Geschichtsschreibung mit Erinnerungen an eine bürgerliche Zeit. Angesiedelt hat er sein neues Buch allerdings nicht in Belgrad. Diesmal ist seine Geburtsstadt Kraljevo Schauplatz der Handlung. Mirko Schwanitz hat es gelesen und mit dem Autor gesprochen.

 

Als der Schuster Laza Jovanovic aus Kraljevo nach dem ersten Weltkrieg einen großen Posten linker Soldatenstiefel ersteigert, wird er von den meisten noch ausgelacht. Doch Laza war selbst im Krieg und weiß, wie viele Männer eines ihre Beine verloren. Er macht mit den Stiefeln ein Vermögen, kauft mit dem Geld das Wirtshaus „Zum alten Pflug“, reißt es ab und lässt 1932 an seiner Stelle das mondäne Hotel „Jugoslavija“ errichten. 1939 eröffnet in dessen Ballsaal das erste Kino der Stadt. Dieses Kino ist Schauplatz des neuen Buches von Goran Petrovic.

Mein Ich –Erzähler, weiß nicht, ob es sich bei den Filmen in diesem Kino um historische oder Liebesfilme handelt, um Drama, Horror oder Porno. Er beobachtet die Besucher, ihr Leben, ihre Leidenschaften. Mein Ich-Erzähler stellt sich nicht vor, seine Stimme kommt wie aus dem Off. Er agiert versteckt und wie aus einem Käfig heraus.

Richten wir unseren Blick … nach oben, auf das wunderschöne Sternenzelt aus Stuck, das sich über uns allen wölbte. Die symbolische Darstellung des unendlichen Weltalls. Genau in der Mitte die Sonne mit leuchtenden stilisierten Strahlen. Der verschlafene, nur ein wenig „angenagte“ Mond. Die ziemlich willkürlich angeordneten Planeten. Rund herum die Sternbilder der beiden Halbkugeln …Dazu noch Galaxien, Nebelschwaden und einige Kometen mit flammenden Schweifen …

Goran Petrovic, „Ein Sternenzelt aus Stuck“, S. 122

Unter diesem Sternenzelt aus Stuck beobachtet Petrovics anonymer Ich-Erzähler liebevoll und zuweilen bitter ironisch seine Figuren, als seien die selbst Schauspieler in einem Film namens „Jugoslawija“. In dem er ihre Lebensläufe in eine schnelle Abfolge von Bildern montiert, macht Petrovic „Ein Sternenzelt aus Stuck“ auch zu einer tour de force durch fast einhundert Jahre Geschichte.

Das hat auch etwas mit meiner Rolle als Schriftsteller zu tun, damit wie ich mich selbst verstehe. Der Autor muss im Kleinen das Große sehen und im Großen das Kleine Literatur ist für mich ein Ort des Bewahrens, des Erinnerns und des Behaltens. Und ein Ort des Nachdenkens über die Vergangenheit, was wiederum Voraussetzung für ein Nachdenken über die Zukunft ist.

Und so folgen wir denn Petrovics Filmvorführer Rudi Prohaska nach Istanbul, wo er 1904 dem Sultan seine ersten Zelluloidstreifen zeigt. Wir sind dabei, als der glupschäugige Schneider Krasic, 1941 von den Deutschen erschossen wird oder Parteigenosse Speichellecker Avramovic in Ungnade fällt. Und wir erleben, wie Toilettenfrau Madame Pipi in abgetragenen Gesundheitsschuhen vor der Leinwand in grandiosem Auftritt Titos Tod verkündet.

Mit einem Schlag herrschte absolutes Schweigen. Jenes Schweigen, das man Grabesstille nennt. Nichts war mehr zu hören außer dem Rieseln des Gipses vom Stuck an der Decke …Auch früher schon hatte man aus einem bestimmten Winkel im Lichtstrahl des Projektors beobachten können, wie von dort oben, von der stilisierten Sonne, dem Mond, den Planeten und den Sternbildern ein milchig-weises Pulver herabrieselte, weißer und feiner als das feinste Puder. Unaufhörlich, gespenstisch, als wolle es alles in der Welt miteinander versöhnen, Spuren verwischen, die Falten um die Augen und den Mund glätten, unsere Gesichter weiß werden lassen.

Goran Petrovic, „Ein Sternenzelt aus Stuck“, S. 131

Wie schon in seinem Roman „Die Villa am Rande der Zeit“ erweist sich Petrovic auch in diesem Buch als grandioser Erzähler und Herrscher über starke Metaphern. Ab Titos Todestag, so darf man den Autor verstehen, geht es bergab. Bergab mit der Idee Jugoslavija, bergab mit dem Kino. Der Lack ist ab, das gipserne Weltall bröckelt wie die Träume, die es einst provozierte. Dennoch erliegt Petrovics Ich-Erzähler nicht der Nostalgie.

Ob indes Titos Beisetzung tatsachlich zu Ende ist, vermag ich nicht mit Bestimmtheit zu beantworten. Im alten Ägypten war es Sitte, dass den Pharao mehr oder weniger freiwillig seine ganze Gefolgschaft ins Jenseits begleitete, seine Frauen und Geliebten, seine Berater und Heerführer, seine Bauherren und Schreiber, seine Sternedeuter und Köche, seine Pferde-, Hunde- und Vogelabrichter. Auf dem Balkan hingegen hat man es nie eilig, hier dauert alles etwas langer. So konnten Jahrzehnte ins Land gehen, ohne dass sich jene, die dem Herrscher treu gedient hatten, gegenseitig umbrachten. Deshalb kommt es einem manchmal vor, als sei dies die längste Bestattung in der Geschichte der Menschheit, als wohnten wir dieser Zeremonie seit über einem Vierteljahrhundert bei, als seien zu dem großen Sarkophag noch Hunderttausende kleiner Gräber hinzugekommen – als sei das gesamte ehemalige Jugoslawien ein einziges Denk- und Grabmal für den verstorbenen Präsidenten.

Goran Petrovic, „Ein Sternenzelt aus Stuck“, S. 140/141

Mir ging es bei dieser Geschichte, um die Hauptfragen, die mich selbst beschäftigen. Mir geht es um das gelebte Leben. Darum, wie unser Land, Jugoslawien oder Serbien, war. Hat es wirklich existiert? Oder war es nur Teil einer Szenografie. Die Frage ist, welche Rolle spielen wir in unserem eigenen Leben. Inwieweit sind wir Schauspieler und inwieweit sind wir nur Zuschauer.

Auch wenn Petrovic diese Frage am Ende nicht beantwortet – das Lesen dieses kurzweiligen und humorvollen Buches macht Freude. Da ist es nicht schlimm, wenn am Ende aus all den aneinander montierten Geschichten nicht wirklich e i n e Geschichte, nicht wirklich ein Roman entsteht.

Produziert für BR 2 Diwan.