Georgi Gospodinov: Geschichten erzählen in Zeiten der Krise

Der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov ist einer der wichtigsten Schriftsteller seines Landes. Immer wieder nimmt er nicht nur in Bulgarien Stellung zu aktuellen politischen Ereignissen. Gospodinov gehört auch zu jenen Schriftstellern, die vehement die These vertreten, dass Literatur gerade in jenen Zeiten eine wichtige Funktion habe, in der die Stimmen der Vernunft kaum zu hören sind. Und so irritiert ihn angesichts der aktuellen Ereignisse, wie viele Schriftsteller in Europa angesichts des Umgangs mit den syrischen Flüchtlingen noch schweigen würden.„Literatur habe die Pflicht zur Empathie“, sagte Gospodinov in seiner vielbeachteten Antrittsvorlesung zur diesjährigen Siegfried-Unseld-Gastprofessur an der Humboldt-Universität in Berlin. Er  wies alle Ausreden von sich, Literatur und Bücher könnten in unserer Zeit nichts bewegen und begründete seine Argumente mit präzisen Beobachtungen. Mirko Schwanitz hat sich die Vorlesung angehört und mit dem Autor über seine Thesen gesprochen:

Bei allen Protesten haben Bücher eine Rolle gespielt. Den Anfang machte ein Lese-Protest auf dem Taksim-Platz in Istanbul. Man stand da und las – öffentlich, jeder für sich. So entstand „The Taksim Square Book Club“. Bei den Demonstrationen in Hong Kong ein Jahr später war das Buch wichtigstes Protestattribut. Auch der Kiewer Maidan hatte seine Bibliothek. In Sofia stellten sich Studenten der martialisch gerüsteten Polizei mit Pappschilden entgegen, auf denen die Titelseiten der klassischen und zeitgenössischen Literatur abgebildet waren Für mich eine der ausdrucksstärksten Aktionen der ganzen Protestzeit: Bücher als Schilde der Wehrlosen.

Staunend folgten die Zuhörer Georgi Gospodinovs Antrittsvorlesung in Berlin. Denn der bulgarische Autor belegte jede einzelne seiner Thesen mit Fotos. Die Bilder, sagte er, zeugten von der Kraft der Literatur in einer zunehmend von Krieg, Flucht und Vertreibung geprägten Welt. Doch was macht diese Kraft aus? Gospodinovs Antwort:  Es sei der Einfluss von Büchern auf unsere Mitmenschlichkeit, die Fähigkeit ihrer Geschichten Empathie zu wecken.

Ich bin überzeugt davon, dass wir aus den Geschichten bestehen, die wir weitergeben. Ich bin überzeugt davon, dass der Mensch nur dann zum Menschen wird, wenn er eine Geschichte zu erzählen hat.  Denn ohne Geschichte ist der Mensch nur eine Abstraktion. Wenn wir genau hinschauen, stellen wir fest, dass jede Ideologie versucht, dem Menschen seine Geschichte zu nehmen,  ihn zu einer Abstraktion zu machen. Weil eine Abstraktion zu keinen Gefühlen fähig ist und keinerlei Empathie ausdrücken kann.

Gerade die Politiker, die eine gerechte Verteilung syrischer Kriegsflüchtlinge in Europa  ablehnten, möchten nicht, dass diese Menschen eine Geschichte und damit ein Gesicht bekommen.  Empathie, Mitmenschlichkeit also, sei schließlich der größte Feind ihrer zum Teil nationalistischen Propaganda. Dafür, wie Literatur Menschen gegen solche Propaganda immun machen kann, hatte Gospodinov in seiner Vorlesung eine überraschende Erklärung:

Erzählen kann trösten. Vor mehr als 2000 Jahren waren „Tröstungen“ ein gängiges Genre der römischen Literatur. So klingt die Trostschrift, die der römische Philosoph Seneca aus dem Exil an seine Mutter Helvia richtete, als sei sie an die Mütter unserer heutigen Zeit gerichtet. „Es schien mir, als würde ich alles Widerwärtige von mir abstreifen, wenn ich deine Tränen wenigstens einstweilen abgewischt hätte“, schrieb Seneca. So funktioniert Empathie! Solange du von Menschen umgeben bist, die sich grämen, kann dein Glück nicht vollkommen sein. Ich leide mit dem anderen, komme ihm zu Hilfe und werde dadurch selbst weniger unglücklich sein.

Seneca habe in seiner Trostschrift eine Strategie gewählt, die auf den ersten Blick unlogisch erscheine, meint Gospodinov. Denn der Philosoph reiße in seinem Text längst vernarbte Wunden auf. Er spreche über all das Unglück und die Verluste, die die Mutter erlitten habe. Doch genau auf diese komplexe Art und Weise funktioniere die Kraft der Literatur, erläuterte Gospodinov in seiner Vorlesung:

Nicht durch das Unterdrücken der Erinnerung, sondern durch das Bewusstmachen unserer eigenen Sorgen, durch die Fähigkeit sie auszudrücken. Vor allem aber durch das Erzählen der Sorgen anderer. Wieder und wieder, bis die eigene Seele beschämt ist zu klagen – um mit Seneca zu sprechen. Empathie erfordert die Fähigkeit, sich von den eigenen Sorgen zu lösen und die Tränen im Auge des Anderen zu sehen.

Georgi Gospodinov ist überzeugt, dass Intellektuelle gerade jetzt aufgefordert sind, ihre Stimme zu erheben, an der Seite der Schwachen, der Vernachlässigten und der Verletzten zu stehen.  Zwar werde Geschichte am Ende stets von Siegern geschrieben. Die Geschichten aber schrieben die Besiegten. Und meist seien die näher an der Wahrheit.

Produziert für das WDR Osteuropamagazin.