Touristenfrühstück – der neue Roman des georgischen Autors Zaza Burchuladze

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Die Medien Georgiens hofierten ihn lange als enfant terrible der Kulturszene und führenden Intellektuellen – obwohl er in seinen sieben Romanen und Erzählungen kaum ein gutes Haar an den Zuständen in seiner Heimat lässt. Doch dann schrieb er in seinem Erzählband „Löslicher Kafka“ gegen die Machtgelüste der Orthodoxen Kirche an. In der Folge wurden Bücher von ihm öffentlich verbrannt. Der damalige Präsident, Saakaschwili, äußerte im Parlament, dass das Land einen solchen Autor nicht brauche. Burchuladze krankenhausreif geschlagen. Er und seine Frau retten sich nach Deutschland. Hier erschien 2014 Zaza Burchuladzes vielbeachteter Roman „adibas“, eine beißende Satire auf eine durch und durch gefälschte Gesellschaft. Nun hat Zaza Burchuladze einen neuen Roman geschrieben. Eine Rezension von Mirko Schwanitz 

„Majakowski sagte einmal: Der Maler, der in den Gegenständen eines Stilllebens nicht die Leichen er Hingerichteten sieht, ist kein guter Maler. Auf mein neues Buch bezogen würde ich sagen: Ich bin der Apfel in einem solchen Stillleben und in diesem Apfel sind die Leiche.“

 

So oder so ähnlich funktionieren die Gedankenwelten des aus Georgien stammenden Ich-Erzählers in Zaza Burchuladzes neuem Roman  „Touristenfrühstück“. Darin treibt einer ruhelos durch Berlin. Was er sieht und was er empfindet, vertraut er seinen Notizbüchern an.

Jedes von ihnen ist ein lückenloser Chronist, meine ganz persönliche Black Box. Eine Art Konservendose, in der nicht Heringe in Öl oder Tomatensauce eingelegt sind, sondern Worte in Zeilen. Nichts gegen Heringe! In meiner Kindheit gab es Konserven, genannt »Touristenfrühstück«; sie gehörten zu den billigsten in der sowjetischen Nahrungsmittelindustrie. Nun produziere ich als ewiger Tourist ein solch billiges Frühstück in Gestalt meiner Notizbücher.“

Doch was hier als Notizbuch-Roman daherkommt ist mitnichten billige Lesekost. Burchuladze treibt sein Verwirrspiel mit dem Leser, der sich bald fragt, wer da eigentlich aus den Eintragungen zu ihm spricht. Der Autor selbst, oder einer, der sich Teile von dessen Biografie aus öffentlich zugänglichen Informationen gestohlen hat. Schon die Anfangsszenen verraten den stilistischen Kunstgriff des Autors: Detailversessene Alltagsbeschreibungen und fein gezeichnete Beobachtungen führen den Leser rasch, unmerklich und immer wieder in die Gedankenwelt eines Flaneurs, der rücksichtslos durch die eigenen Seelenlandschaften wandert.

„Ich kenne den Preis der Worte. Ich bin in einem Land der Worte zur Welt gekommen und aufgewachsen. Der Worte und nicht der Taten. Nun hat mich nichts anderes so sehr beeindruckt wie der Slogan der Humana-Filialen: FIRST CLASS SECOND HAND. Der Slogan prangt so über dem Eingang der Geschäfte wie die Inschrift auf dem Tor zum Tempel von Delphi: »ERKENNE DICH SELBST«. Wer weiß, wie viele sich selbst erkannt haben, ich aber bin ziemlich sicher, ich bin ein FIRST CLASS SECOND HAND AUTOR. Egal ob Bettler oder Königssohn, wer ein bisschen Anstand besitzt, muss diese Worte auf sich selbst beziehen. Ich tue das. Im Roman »Der Idiot« sagt Ardalion Alexandrowitsch zu seinem Enkel: »Wenn du mich beerdigst, schreibe auf mein Grab: Hier liegt eine tote Seele«. Hätte ich nicht den Wunsch, dass meine Asche in alle Winde verstreut wird, könnte ich mit dem Slogan FIRST CLASS SECOND HAND als Grabinschrift gut leben.“

Schnell wird klar. Der Flaneur ist ein Flüchtling. Ein Migrant, der notiert, was er in Berlin sieht. Und was er sieht, wird für ihn zu einer schwankenden Brücke, die ihn immer wieder in die Erinnerung, in ein früheres Leben führt: Straßen und Stimmen. Gerüche, Gesten und Gesichter.

„Wir identifizieren uns als Menschen doch oft und immer mit irgendwelchen Dingen. Wir sehen uns gespiegelt in anderen Menschen, der Musik von Frank Zappa oder Miles Davis. Ich selbst sehe mich manchmal selbst in meinem Hund gespiegelt. Doch nie schien mir diese Identifikation aber so hundertprozentig wie in jener Wortschöpfung. Sie war wie eine Röntgenaufnahme. Nicht das X-Ray meiner Seele, sondern das X-Ray meines Ichs.“

First Class Second Hand – das wird für Burchuladzes Erzähler zur zentralen Metapher für alle Formen des Emigration. Denn genau um diese Frage dreht sich der Roman: Wie lebt man Exil? Das physische, in das einen die Umstände gejagt haben. Und das emotionale, das sich der Geflohene selbst auferlegt, um sich nicht an der Fremde blutig zu schürfen. Jede Seite, jeder Absatz, jeder Satz und jedes Wort in diesem Buch trägt den tiefen Verlust von Heimat in sich.

Die Heimat kann nur verlassen werden, wenn alles abgeschnitten wird, was einen damit verbindet. Alles, was sich in eine innere Emigration verwandeln kann. Das ist ein rein technisches Detail. Wichtig ist der Moment, wenn die Vergangenheit abgeworfen wird, wie der Schwanz einer Eidechse.“

Doch Heimat abstreifen, auch das zeigt Burchuladzes klug komponiertes Buch, ist unmöglich. Was also bleibt dem durch Berlin treibenden Flüchtling, will er nicht zur Salzsäule erstarren? Nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Neugier darauf, wann sich endlich ein rettendes Ufer zeigt. Und so wird dieser nachdenklich machende Tagebuch-Roman am Ende auch zu einem Roman über die heilende Kraft der Sehnsucht.

„Ja. Das ist richtig. Darum geht es. Zu schwimmen, mit dem Ziel zu überleben. Das Ufer erreichen, indem wir immer weiter schwimmen, immer in dieser Bewegung des Sich-Rettens bleiben. Ich bin der Schwimmer. Ich bin das Schreiben.“

„Touristenfrühstück“ Blumenbar, (Aufbau-Verlag), 18 Euro, erschienen am 17.02.2017

produziert für Diwan, Bayerischer Rundfunk – zum Podcast: Richtung Osten – 25.02.2017