„Der erste Horizont meines Lebens“ – die Welt der moldauischen Autorin Liliana Corobca

Liliana Corobca Der erste Horizont meines LebensKinder in einer Welt ohne Eltern?  Nein, das ist nicht der Stoff für einen utopischen Roman oder für ein Buch über neue Formen der Reproduktionsmedizin. Es gibt diese Welt. Eine Welt, die für tausende Kinder  nicht utopisch, sondern Alltag ist Laut UNICEF wachsen 117 000 Kinder in der Republik Moldau ohne Mutter und Vater auf. In  Rumänien sind es 350 000. In der Ukraine 1,2 Millionen. Die meisten Eltern sind gezwungen, ihr Geld im Ausland zu verdienen. Ab und zu ist über diese Kinder berichtet worden.  Dann haben wir sie wieder aus dem Blick verloren.  Zuviel Elend. Zu viele Krisen. Und große Fernsehbilder geben diese Kinder auch nicht her. Es sind die Kinder von Eltern,  die gezwungen sind,  ihr Geld im Ausland zu verdienen – die als  Erntehelfer bei unseren Bauern, als Pflegerinnen in unseren Pflegheimen, als Bauarbeiter auf unseren Baustellen arbeiten.Hand auf’s Herz: Haben sie sich jemals gefragt, wo eigentlich die Kinder jener Menschen sind, die unseren Wohlstand mit erarbeiten. Nun hat die moldauische Autorin Liliana Corobca die Welt dieser vergessenen Kinder in einen bewegenden Roman gebannt. Mirko Schwanitz hat ihn gelesen und mit der Autorin gesprochen:

„Der erste Horizont meines Lebens” heißt Liliana Corobcas inzwischen dritter Roman. Ihre Hauptheldin Christina ist gerade einmal 12 Jahre alt.

Ich verfolge darin das Leben von drei Kindern. In ihrer Entwicklung spiegelt sich das Leben auf dem Dorf und wie es sich in der  postsowjetischen Zeit verwandelt. Die Kinder aus meinem Buch wachsen ohne Eltern, ohne jegliche Erziehung auf. Sie werden komplett anders sein, als wir alle.

 

Die 12 jährige Christina lebt allein mit ihren jüngeren Brüdern Dan und Marcel im Haus der Eltern, die irgendwo in Italien arbeiten. Christina muss den Haushalt führen, die Großmutter pflegen, die Brüder erziehen und selbst noch zur Schule gehen.

Die Zecke klebte am Bauch, […] trank das Blut des Kindes. Das Mädchen, eher vom Gebrüll des Bruders verängstigt, […], macht sich auf Hilfe zu holen. Sie hätte die Zecke zwar herauslösen können, aber wenn der Kopf stecken blieb …. oder, Gott bewahre, sie schlüpft ganz hinein […], wo sie niemand herausholen kann, und der Bruder stirbt, ausgesaugt von einer Zecke.

Es sind die kleinen Alltäglichkeiten, die dieses Buch groß machen. Mit kühler Distanz beobachtet das Mädchen die Menschen. Aus ihren Schlussfolgerungen baut sie sich ihr eigenes Wertesystem.

Unser Haus ist zum Asyl für Kinder geworden, die von ihren Eltern geschlagen werden. […] Wenn einer kommt, […] rufe ich die Jungs herbei, damit sie zuhören. Und ich frage ganz genau: Hat dir dein Vater mit der Faust auf den  Kopf geschlagen? Und dann hat er dir noch einen Tritt in den Hintern verpasst!? … Dann schaue ich Marcel bedeutsam an. Siehst du, Dummerchen, was ein Vater tut? … Marcel schweigt schmollend und stur. Er will mir antworten. Aber er weiß nicht wie, Er kennt kein Beispiel eines guten Vaters, der bei den Kindern zuhause ist….

Es war keine soziale Mission, die mich diesen Roman schreiben ließ. Es war die Begegnung mit Kindern aus dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin und deren Stärke mich sehr beindruckte. Die Geschichten im Buch stammen aber aus vielen Dörfern. Schließlich wollte ich ein typisches Dorf zeigen. Denn was in meinem Dorf passiert, passiert in allen anderen Dörfern auch.

Mit „Der erste Horizont meines Lebens“ hat Liliana Corobca nicht nur eine beeindruckende Heldin erschaffen, sondern auch ein anrührendes Zeitdokument. Ein Zeitdokument über das Leben von Kindern im heutigen Europa, das im Herzen des Lesers Unruhe stiftet und viele Fragen aufwirft.

Wenn wir uns anschauen, was in Europa gerade passiert, dann stelle ich fest, dass niemand sich Sorgen um die Zukunft dieser Generation macht.  Da wächst eine verlorene Generation heran, ohne Illusionen, ohne Empathie für andere. Es wäre eine Tragödie, wenn es uns nicht gelingt, diese Kinder zurückzugewinnen. Aber wenn wir nicht bald damit beginnen, kann es zu spät sein.

Liliana Corobcas Roman „Der erste Horizont meines Lebens” ist m Zsolnay-Verlag erschienen, hat 191 Seiten und kostet 18,90 Euro.